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ganz unerhörter Bedeutung zu sein, und es war ihr einfach un⸗ möglich, die Achtlosigkeit zu begreifen, mit welcher Inge erklärte, der junge Kaufmann tanzte schlecht und unterhielte sich langweilig. Ein reicher Mann, wie Herr Johannes Möller konnte in Jule Paulsen's Augen weder schlecht tanzen, noch langweilig sein, selbst wenn er gewollt hätte.
Die unangenehmen Gedanken aber verursachten ihr die Karten. Sie mochte sie nämlich legen auf die eine oder auf die andere Weise, in langen oder kurzen Reihen, von links nach rechts oder umgekehrt, immer und immer versperrte das verhängnißvolle„Klever Aß“, der Unglücksbrief, der ihr schon so viel Kopfzerbrechen gemacht hatte, dem„Herz- Buben“ und der„Ruten Zehn“, die ja bekanntlich 9 Geld bedeutet, den Weg in die unmittelbare Nähe der„Herz—
ame“. f
Erst vor einer halben Stunde hatte sie das alte Kartenspiel ärgerlich zusammengeschoben; es war und wurde ja doch nicht anders, sie mochte legen, so viel sie wollte.
Da kam der Postbote Harms mit seinem geschäftigen Gang und dem ewig schmunzelnden Lächeln und brachte zwei Briefe, einen Ge⸗ schäftsbrief aus Hamburg und einen anderen, welcher ausländische Marken und viele Poststempel trug und an Fräulein Ingeborg Paulsen adressirt war.
„Ganz was Rares, Frau Paulsen,“ sagte der Mann verständniß⸗ voll blinzelnd, indem er den Brief hinreichte.„Hat wohl was Liebes über See— was?“ und dann stapfte er weiter, anderswo Ersehntes oder Gefürchtetes zu bringen.
Jule Paulsen saß und drehte den Brief in der Hand hin und her. Der Absender hatte diesmal Namen und Adresse nicht auf der Rückseite angegeben, aber sie wußte doch, von wo er kam, ob⸗ gleich sie sich nicht gleich klar darüber wurde, wie alles zusammen⸗ hängen möchte. Peter Ohlsen hatte sich nicht anders zu helfen ge⸗
wußt, als indem er an Inge direkt schrieb, selbst auf die Gefahr
hin, daß der Brief in die unrechten Hände gelangen möchte.
Und da war er ja denn nun, der Unglücksbrief, den die Karten so lange und oft prophezeit hatten, und Jule Paulsen wußte nicht, war sie mehr überrascht und entrüstet, daß das Kind hinter ihrem Rücken gehandelt hatte, oder überwog der Triumph, dies Schreiben
in der Hand zu halten und vernichten zu können, ehe es Unheil
anrichtete, denn daß sie es Inge ausliefern könnte, kam ihr nicht einmal in den Sinn.
„Das muß ich besser wissen als das Kind,“ dachte sie.„Ich will nur ihr Bestes und daß sie ihr Glück machen soll,“ und sie steckte den Brief in die Tasche, noch unentschlossen, was mit ihm zu beginnen sei. Sie hatte gehört, daß man unliebsame Briefe nicht anzunehmen braucht und sie mit dem Vermerk„Annahme verweigert“ wieder zurückgehen lassen könnte, und einen Augenblick zog sie diesen Ausweg in Betracht. Aber dann überwog die Neugierde, was wohl darin stehen möchte, und sie beschloß, ihn zu behalten, zu lesen und dann zu verbrennen.
Während sie noch so nachdachte, kam Inge von ihrem Ausgange heim. Sie ging rasch; ein leichtes Roth lag auf ihren Wangen. Jule Paulsen fiel ein, daß das Kind in der letzten Zeit ein wenig blaß gewesen wäre. Vielleicht hatte sie auf Nachricht von Peter Ohlsen gewartet und grämte sich, weil sie keine erhielt.
„Es wird vorüber gehen,“ sagte sich die Frau, deren mütter⸗ liches Herz doch etwas wie Mitleid empfand bei diesem Gedanken, „und sie wird es noch einmal einsehen, daß ich es gut mit ihr meine.“
Nun stand Inge neben der Mutter; sie trug eine Rose im Gürtel.
„Ist nicht ein Brief gekommen?“ fragte ste.
Jule Paulsen's Herz klopfte einen Augenblick so wäre sie wieder ein junges Mädchen.
„Ja,“ sagte sie jedoch, schnell gefaßt, Inge den Geschäftsbrief vorweisend, der neben ihr auf der Bank lag,„Schrader in Hamburg schreibt, er will keine Krabben wieder haben; die letzten wären zu salzig gewesen.“
Inge wandte sich enttäuscht ab. Sie war dem Postboten be⸗ gegnet, und er hatte ihr zugerufen, er hätte ihr einen Brief ge⸗ bracht,„ganz was Rares“. Sie hatte schon gemeint, es müßte Nachricht von Peter Ohlsen sein und in der Geschwindigkeit bei sich überlegt, was sie der Mutter sagen wollte.
„Ich meinte, es wäre ein Brief für mich gekommen, Mutter.“
„Gott bewahre,“ sagte Jule Paulsen gleichgültig,„woher wolltest Du Briefe haben, Kind?“
schnell, als
Inge antwortete nicht. Halb war sie enttäuscht, halb erleichtert. Sie setzte sich neben die Mutter auf die Bank und zog mit der schmalen Fußspitze Figuren und Buchstaben in den Sand. Ein P war's und gleich darauf ein O, aber sie verwischte die Striche wieder, und Jule Paulsen that, als hätte sie es nicht gesehen.
„Wer hat Dir die schöne Rose gegeben, Inge? es ist ja gar keine Rosenzeit mehr.“
„O, Herr Möller,“ sagte das Mädchen achtlos.
„Der alte?“
„Nein, der junge. Er knickte den Zweig, als er sie abschnitt; er ist immer so ungeschickt.“
„Er ist wohl immer recht nett gegen Dich, Inge?“
„Ja, warum sollte er das auch nicht? Ich thue ihm ja auch nichts zu Leide.“ Aber sie konnte doch nicht hindern, daß sie roth wurde. Ihr fiel ein, daß Johannes Möller eine sonderbare Art hatte, sie anzusehen. schön wäre, um nicht Verständniß für solche Blicke zu haben.
„Mir hat diese Nacht etwas ganz Merkwürdiges geträumt, meine Inge.“
Das Mädchen zeigte sich nicht sonderlich interessirt.
„Mir träumte, ich wäre auf einer Hochzeit und Du wärest die Braut, Inge. Den Bräutigam konnte ich nur von hinten sehen, aber er hatte blondes Haar und eine lange Figur, ungefähr so, wie der junge Herr Möller. Anne und Marie waren auch auf der Hochzeit,“ dichtete Jule Paulsen weiter.
Inge lachte ein wenig, aber es kam heraus, als wären ihre Gedanken anders wo. n
„Es ist doch etwas Sonderbares mit den Träumen, Inge. Wie oft gehen sie doch in Erfüllung,“ sagte Jule Paulsen gedankenvoll. „Als ich mich mit Deinem Vater verlobte, träumte mir die Nacht vorher von Feuer, das bedeutet Glück, und als er starb, träumte mir, daß mir ein Vorderzahn ausfiele. Und so deutlich, wie es diese Nacht war! Ich sehe noch Dein weißes Atlaskleid. Als ich heute Morgen aufwachte, wollte ich zuerst garnicht glauben, daß es alles nicht wahr wäre. Herr Gott, wenn ich mir denke, Du solltest einmal einen Mann wie den jungen Möller haben und in dem großen, schönen Haus am Markt wohnen, und all die hübschen Plüschmöbel und Spiegel gehörten Dir, und Du könntest mit Landraths und Amtsrichters und all den anderen feinen Leuten umgehen, wie ich mit Line Jahnke nebenan, und gingst auf Bälle, wie die anderen feinen Damen, und Deine alte Mutter sollte das erleben, Inge, ich wüßte ja wohl nicht, was ich thäte vor Freude.“
Das Mädchen athmete tief auf. Wie ein lichtes Bild war all das, was die Mutter beschrieb, an ihr vorüber gezogen.
„Warum denkst Du immer an dergleichen, Mutter?“ sagte sie. „Das erfüllt sich ja doch nicht. Denke doch lieber, daß ich einmal eine Seemannsfrau oder dergleichen werde.“
Jule Paulsen kniff die Lippen zusammen.
„Das sprichst Du über Dein Herz weg, Inge,“ sagte sie.„Und noch dazu eine Seemannsfrau! Ich weiß garnicht, wie Du auf so etwas kommst.“ Sie seufzte.„Das wäre so etwas für Dich. Nein, davor soll uns Gott bewahren. Solche, wie Dein Vater war, giebt es nicht leicht. Die Seeleute, mein Kind, sehen alle Tage was Neues, und wenn sie nach Haus kommen alle paar Jahr, dann weiß man nicht, wie viele andere sie unterdeß geküßt haben, und ob sie nicht bei den Chinesen und bei den Negern auch vielleicht Frauen und Kinder haben. Seeleute sind ganz gut, aber treu sind sie nicht. Mir kann es einerlei sein, Dein Vater war einer von den besten, das weiß der liebe Gott, aber was wahr ist, muß wahr bleiben.“
Inge war ganz blaß geworden.
„Sieh Line Jahnke an, Inge. Als sie jung war, hatte sie sich mit einen Matrosen verlobt. Sie war ein ansehnliches Mädchen und hätte leicht einen anderen bekommen können. Schuster Timm wollte sie auch haben, wenn sie nur gewollt hätte. Aber sie sagte zu allen nein, und wartete zwei, drei, vier Jahre auf ihren Claus Ott. Meinst, daß er wieder gekommen ist? Sitzen ließ er sie, und nach ein paar Jahren hörte sie, daß er schon lange in New⸗Vork eine Frau hätte. Das hatte sie nun davon. Sie ist alt und kalt darüber geworden, und Niemand wollte die verlassene Braut haben. Ja, so geht es, Inge. Und das sage ich Dir, nimm Du einen Schuster oder Schneider, wenn es nicht anders sein kann, aber an Seeleute und Soldaten wirf Dich nicht weg, Inge. Na, ich denke,
Inge Paulsen hatte zu oft gehört, daß sie
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