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N 274 D.
wetter kam sie sich allemal vor wie ein gefangener Feldvogel, der sich vergebens den Kopf an den Stäben des Käfigs zerstößt. Vielleicht giebt es auch an der Küste kaum etwas Trostloseres, Melancholischeres, als diesen bleigrauen, schweren Himmel, als diese ewig und eintönig niedersickernden schweren Tropfen über dem schmutzigen, grauen Einerlei des Meeres.
Inge saß heimlich auf dem Hausboden und schrieb einen langen, langen Brief an Peter Ohlsen, aber sie wurde nicht fröhlich dabei. Abschicken konnte sie ihn auch noch nicht. Sie mußte den ersten Brief an die Großmutter abwarten. Denn so sollte es auch künftig bleiben; die Korrespondenz sollte auch ferner unter dem Namen der Alten fortgeführt werden, um Jule Paulsens Verdacht nicht zu er— wecken.
Aber nach Verlauf einer Woche schien die Sonne wieder lachend, wie nur je zuvor, und an demselben Tage kehrten auch die Zwillinge von ihrer Reise zurück und ließen Inge zu sich bescheiden, denn das kleine Haus am Hafen betraten sie fast nie.
„Willst Du nicht den guten Hut aufsetzen?“ fragte die Mutter.
„Nein, für wen sollte ich mich hübsch machen?“ Und Inge setzte den alten Hut auf und ging fort.
Die Zwillinge waren größer geworden, trugen Kleider nach der neuesten Mode der Großstadt und hatten eine neue Frisur mit⸗ gebracht. Unwillkürlich stand Inge auf der Schwelle der Wohn⸗ stube still. Da es ein kühler Tag war, flackerte im Ofen ein leichtes Feuer, und das ganze Zimmer, sowie das anstoßende, in welches man durch die zurückgeschlagenen Portieren blickte, war er⸗ füllt mit dem wohligen Duft feiner Räucherkerzen. In den Fenstern und auf den Blumentischen standen hübsche Gewächse, den Schritt dämpfte ein weicher Teppich.
Alles dies kannte Inge, und es hatte früher schon aufgehört, ihr zu imponiren,— aber jetzt, nachdem sie so lange Zeit nur in der dürftigen, unbehaglichen Umgebung ihres eigenen Heims zu⸗ gebracht hatte, war es, als wenn all' der gemüthliche Wohlstand um sie her aufs Neue mit seinem einschmeichelnden Zauber in alter Stärke auf sie wirkte. Diese heiteren, wohlgekleideten, sorglosen Menschen, diese nach kleinstädtischer Art luxuriös ausgestatteten Ge— mächer, sie gaben ihr auf einmal wieder die Empfindung, als sei sie für eine Weile von einem Platze verdrängt gewesen, für den sie doch geschaffen sei.
Sie sah an sich nieder, und es verdroß sie, daß sie sich nicht wie sonst bei ihren Besuchen im Möller' schen Hause besonders zierlich gekleidet hatte.
Wäre an diesem Nachmittage plötzlich Peter Ohlsen in das Zimmer getreten,— hätte ein Zufall Alles enthüllt, Inge wäre fähig ge— wesen, sich des jungen Seemannes zu schämen. Er paßte nicht in den Kreis, in welchem sie sich so schnell wieder heimisch fühlte.
Sie machte es sich nicht klar. Abends vor dem Einschlafen sagte sie sich im Gegentheil selbst mit besonderer Geflissentlichkeit, daß sie ihn lieber hätte als Alles auf der Welt, daß er mehr werth wäre, wie die ganze Familie Möller zusammengenommen, daß Reich⸗ thum nicht allein glücklich mache, aber es mischte sich zum erstenmal in ihre Gedanken etwas wie Pein darüber, daß er nur ein Matrose war. Sie hatte ihn lieb,— aber wie würden Anna und Marie gelacht haben, wenn sie es gewußt hätten!
Aeußerlich kam nun nach und nach bald wieder Alles in's alte Geleise, nur daß ihr die Zwillinge im Laufe der Zeit ein wenig entfremdet wurden. Die Mädchen waren jetzt erwachsen und be⸗— wegten sich in einer lebhaften Geselligkeit, von welcher Inge aus— geschlossen war, sobald sie über die Grenzen des befreundeten Hauses hinausging.
Auch dort blieb sie mehr ein Alltagsgast, als daß man sie zu den größeren Festen hinzugezogen hätte.„Es paßte doch nicht,“ meinte die Mama, der es bei aller mütterlichen Zärtlichkeit doch nicht entgehen konnte, wie sehr die blonde Schifferstochter ihre eigenen rundköpfigen, rothbackigen Mädchen trotz Spitzen und Stickereien in den Schatten stellte. Aber immerhin sah und erlebte Inge doch genug vom geselligen Treiben, um der angeborenen leichten, feinen Anmuth ihres Wesens etwas von der Weltgewandtheit der bevor⸗ zugten Gesellschafteklassen hinzuzufügen.
Wenn aber die Zwillinge ihr von jenen Lustbarkeiten erzählten, von denen sie selbst in ihrer Zwitterstellung ausgeschlossen war, von Bällen und großen Gesellschaften, wenn sie die neuen, kostbaren Kleider zeigten, die Kottillonbouquets vorwiesen, die sie eingeerntet
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hatten, dann große, heiße Sehnsucht, die sich, je nachdem Inge eben gestimmt war, auf einen anderen Gegenstand richtete.
Heute konnte sie bei den verlockenden Erzählungen ungeduldig, beinahe zornig in ihrem Herzen begehren, all das auch zu erleben und zu sehen, auch begehrt und gefeiert zu sein, sich auch mit Spitzen und Blumen zu schmücken. Und morgen überkam sie beim Anhören derselben Dinge nur ein inbrünstiges Verlangen, ihre Arme um Peter Ohlsen's Hals zu legen und den Kopf an seine Brust, und mit ihm weit, weit fortzugehen von all den Leuten, zu denen sie nur halb gehörte, auch von der Mutter,— von allen Menschen, und nur ihn allein zu haben. Das Gefühl kam und ging, wie Ebbe und Fluth, aber in solchen Augenblicken hatte sie ihn lieber wie Alles in der Welt.
Dann lief sie hinüber zur alten Großmutter, las ihr Peter Ohlsen's Briefe vor, die nicht gar oft, aber doch ziemlich regelmäßig kamen, und die sie beinahe auswendig wußte.
Fast zwei Jahre vergingen. Die liebliche Knospe entfaltete sich zur vollen Blüthe, und wenn das Mädchen durch die Straßen der kleinen Stadt schritt, sahen die Männer der schönen Inge Paulsen vom Hafen wohlgefällig nach.
Zwei oder dreimal klopfte ein Freier an Frau Jule's schmale Stubenthür, der auf eine Mitgift gern verzichtete um des lieb⸗ reizenden Gesichtes willen, aber Jule Paulsen schüttelte allemal den Kopf. Es waren junge Bürgersöhne, wohlgestellte Handwerker, und das war es nicht, was Jule Paulsen wollte.„Ihr Glück“ sollte Inge machen. Reich und vornehm,— was sie, Jule Paulsen, denn vornehm nannte,— sollte der Mann sein, der ihr gut genug war, ihr kostbares Kleinod davonzutragen. Ein wenig selbstbewußter wurde die Frau nach jedem solchen Antrag, und der dritte wurde weit kühler abgelehnt, als der erste.
Auch Inge schüttelte den Kopf, aber sie sagte nicht weshalb. Mittlerweile war die alte Großmutter Ohlsen von Woche zu Woche gebrechlicher und hülfloser geworden, und eines schönen Morgens warteten die Sonnenstrahlen vergebens, daß die zitterige alte Hand die Fensterladen öffnen würde, um sie einzulassen. Sie drängten sich neugierig durch die Spalten, und da lag auf dem roth und weiß gewürfelten Kissen das gelbe, kleine, alte Gesicht, mit den tausend verwirrten Runzeln, und die gelben, kleinen, alten Hände, mit den ausgearbeiteten Knöcheln, lagen gefaltet auf der Bettdecke. Die Augen aber, die so lange schon fast lichtlos gewesen waren, hatten sich für immer geschlossen. Sie sahen vielleicht schon jenen ewigen Glanz, von dem auch der hellste Sommertag hienieden nur ein matter Widerschein ist. Der alte, schwarze Kater der Großmutter Ohlsen ging mit krummem Buckel um das Bett her, sonst war kein lebendes Wesen im Hause.
Dem Enkel, welcher der einzige Hinterbliebene der Alten war, konnte Inge diesen Todesfall nicht sofort mittheilen, da seine augen- blickliche Adresse ihr unbekannt war. Die alte Frau hatte eben in diesen Tagen einen Brief erwartet, der sie ihr mittheilen sollte. Nach etwa einer Woche traf der Brief wirklich ein, und da die Empfängerin ihn nicht mehr entgegennehmen konnte, auch Niemand die Berechtigung dazu hatte, ihn an sich zu nehmen, wanderte er, wie es sich gehörte, an den Absender zurück mit einem kurzen Ver⸗ merk der Postbehörde versehen, daß die Adressatin inzwischen ver⸗ storben sei. Das konnte geschehen, ohne daß der Brief geöffnet wurde, denn Peter Ohlsen hatte seinen Namen und seine Adresse auf der Rückseite des Kouverts angegeben, wie er immer zu thun pflegte.
nge erfuhr von diesem Briefe nichts. Wie hätte sie das auch können? Auf der Post wagte sie nicht zu fragen, und sonst wußte Niemand um eine so unwichtige und gleichgültige Thatsache.
Ein paar Wochen später, als Inge Nachmittags ausgegangen war, saß Frau Jule auf der kleinen Bank vor ihrem Hause. Allerlei angenehme und unangenehme Gedanken gingen ihr durch den Sinn. Die angenehmen bezogen sich sämmtlich auf Johannes Moͤller, dessen Benehmen in der letzten Zeit sie gradezu aufgeregt hatte. Denn erstens: er hatte an einem sehr denkwürdigen Abend, an welchem Inge im Möller schen Hause an einer kleinen Tanzgesellschaft hatte theilnehmen dürfen, nicht nur mehrmals mit Inge getanzt, sondern er hatte sie zweitens auch, als die Gesellschaft auseinanderging, nach Hause begleitet, anstatt diese Pflicht einem seiner Angeste oder Dienstboten zu übertragen. Dies schien Jule Paulsen von
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