Ausgabe 
28.8.1887
 
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zu den

Oberhessischen Machrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Gießen, den 28. August.

1887.

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Inge Vaulsen. Von Eva Treu. (Fortsetzung.)

Was die Beiden draußen mit einander redeten, das hörten nur sie selbst und der Regen, der leise, leise aber unaufhörlich auf sie niedersank und in lauter matt schimmernden Tropfen auf Inge's wollenem Tuch und den krausen Haaren lag, aber es waren heiße, zärtliche Worte, die der junge Seemann diesmal fand. Es deuchte ihm unbeschreiblich bitter, das Mädchen, das er so schnell gefunden hatte, so kurz besitzen, so bald auf lange, lange Zeit verlassen zu sollen.

Und feste, innige Versprechungen von Liebe und Treue waren es, welche die zwei Menschenkinder mit einander austauschten, viele und heiße Thränen weinte das Mädchen, als es an's Scheiden ging. Morgen mit dem Frühesten mußte er fort, und sie wußte, sie würde ihn vorher nicht wieder sehen. Aber treu wollte sie sein. Wie würde sie je einen Anderen lieb haben können, als ihn allein.

Du mußt jetzt nach Hause, sagte Peter Ohlsen zuletzt selbst. Und so schieden sie. Zum letzten Mal schlang Inge Paulsen ihre weichen Arme um Peter Ohlsens Hals, zum letzten Mal küßte er ihren rothen Mund.

Ach, wie weh thut Scheiden!

Bleibe treu! sagte Peter Ohlsen leise.

Sie nickte traurig.In alle Ewigkeit in alle Ewigkeit. Dann ging sie, sich verstohlen an den Häusern hinschleichend, und er sah ihr nach, so lange der Nebel und die sinkende Nacht es gestattete. f

Die Nachbarin saß noch bei Jule Paulsen im Wohnzimmer, Inge hörte draußen auf dem Flur das lebhafte Schwatzen. Vielleicht war sie garnicht vermißt worden. Sie konnte nicht in die Schlaf⸗ kammer gelangen, ohne durch die Wohnstube zu gehen, darum öffnete sie ganz leise die Stubenthür und setzte sich geräuschlos in einen dunklen Winkel. Die beiden Frauen waren in ihr Gespräch so vertieft, daß sie auf ihr Kommen nicht Acht gaben. Es war ganz finster in der Stube. Jule Paulsen hatte wohl ganz vergessen, vie spät es schon war.

Nach einer Weile stand die Nachbarin auf und sagte gute Nacht. Inge! rief die Mutter, die den Gast bis an die Hausthür 19 begleitet hatte, als sie wieder in das dunkle Zimmer trat,wo bist Du eigentlich? Sie hatte die Tochter ganz vergessen gehabt. Hier, Mutter, sagte eine leise Stimme aus der Ecke. Warum sagst Du garnichts den ganzen Abend? Was soll Frau Thiel von Dir denken? Warum sitzt Du hier so still?

Ich hörte zu.

Sie gingen im Dunkeln zu Bett. Jule Paulsen sparte gern Licht, wenn es sein konnte. Mitten in der Nacht wachte die Frau auf. Es war ihr gewesen, als wenn etwas neben ihr leise weinte.

Inge, sagte sie, mit der Hand nach dem Bette der Tochter tastend, um ihr Gesicht oder ihren Arm zu berühren,wachst Du?

Nun war alles still. Jule Paulsen brannte ein Zündholz an und leuchtete nach dem Nebenbett hinüber. Das Kind hatte den Kopf von ihr abgewendet, athmete leise und regelmäßig und schien zu schlafen.

Ich habe es mir wohl nur eingebildet, dachte die Mutter, blies den Rest des Zündhölzchens sorgsam aus und legte sich auf die Seite.

Bist Du krank, Inge? fragte Frau Juliane am nächsten Morgen.

Nein, o nein.

Du bist so blaß.

Das Mädchen antwortete nicht. Es schob die Kaffeetasse zurück, stützte den Kopf in die Hand und sah vor sich hin.

Es war ein regnichter häßlicher Morgen. Der Regen, der gestern sich gleichsam widerwillig aus dem Nebel gelöst hatte, floß heute in Strömen. Es war nicht daran zu denken, hinauszugehen. Inge saß am Fenster, eine Arbeit in den unthätigen Händen, und blickte melancholisch in das graue, langweilige Wetter hinein.

Fehlt Dir etwas, meine Inge? fragte die Mutter nach einer Weile wieder. Sie war jetzt, da sie ihren Willen erreicht zu haben meinte, wieder ganz Fürsorge und Zärtlichkeit.

Inge schüttelte den Kopf. O, wenn doch die Mutter sie nur einmal nur einmal in Ruhe lassen wollte mit ihren Fragen!

Hast Du das hübsche blaue Kleiderzeug bei Möllers im Laden⸗ fenster gesehen? Was meinst Du zu solchem Winterkleid, Inge?

Kopfschütteln.Ich habe Kleider genug.

Willst Du nicht gern ein Paar Schuhe mit Lackspitzen haben? bei Schuster Timm sind neue angekommen.

Die alten sind noch gut.

Was magst Du heute Mittag essen, meine Inge?

Was da ist, Mutter; es ist mir ganz gleichgültig.

Nun war die Reihe an Frau Jule, den Kopf zu schütteln. Wenn so mächtige Dinge, wie Kleider, Schuhe und Mittagessen ihrer Inge gleichgültig waren, dann wußte sie, Jule Paulsen, nicht mehr, was sie mit ihr anfangen sollte. Sie handtierte im Zimmer und auf dem Flur umher. Nach einer Weile ging sie an Inge heran, strich ihr mit der harten Hand über das seidige Gelock und sagte:Inge, mein Kind, Du siehst es wohl noch einmal ein, wenn Du Dein Glück gemacht hast, daß Mutter es gut mit Dir meinte.

O, die langen, langen Regentage, die nun kamen! Fast eine Woche lang regnete es mit der langweiligen Beharrlichkeit, die der Regen nur an der Küste zu haben scheint. Inge haßte solches Wetter. Es hatte von ihrer frühesten Kindheit an die Macht ge⸗ habt, jeden Strahl von Frohsinn von ihrem Gesichte zu verwischen. Zu ihrer Art gehörte der Sonnenschein oder der Wind. Bei Regen⸗

Warum meinst Du?

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