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er, und ehe sie, zusammenschreckend und mit der Hand nach dem stockenden Herzen fahrend, sich besonnen, was antworten, fuhr er fort:„Ich will nicht, daß Sie mich für feig oder lügnerisch halten! Glauben Sie, daß ich Sie Totzenbach überlassen hätte, wenn ich reich war wie er?— Was zwischen Ihnen und mir unaus⸗ gesprochen geblieben, Maria, das fühlen Sie so gut wie ich. Wir waren vielleicht für einander geboren, aber der Himmel hat es so weise eingerichtet, daß er uns den Verstand gab, der in dieser schönen Welt regiert. Ihr Loos, Maria, haben Sie sich mit Ein⸗ sicht gewählt,— ich klage Sie nicht an,— Sie sind im Recht.— Aber— nicht wahr— Maria,“ seine Stimme schwankte,„wenn nicht die Armuth mit allen Schrecken zwischen uns stand, dann wählten Sie anders?“
Sie ging wie betäubt neben ihm.
Wie war sein Ton so weich und voll zweifelloser Wahrheit. Und doch— wie fühlte sie sich von ihm auf's Neue verwundet.
Er sagte, daß er sie liebte und doch— überließ er sie— ihrem
Schicksal! Sie, welche Onno und Helo bitter getadelt, sie klagte Lornow an. Onno folgte der Liebe— er der Vernunft! Das Alles ging blitzschnell durch ihre Gedanken und inzwischen hatte er schon ungeduldig ihre Hand ergriffen:
„Maria, wir sehen uns zum ersten und vielleicht zum letzten Male ohne Zeugen. Gönnen Sie mir den einen Blick in Ihr Herz! Begreifen Sie nicht, daß ich nach dem einen Labetropfen schmachte! Ich will ja nichts weiter wissen, als das Eine: Wären Sie die Meine geworden, wenn ich um Sie werben konnte?“
Wie mit tausend Stimmen rief es: Ja! in ihr. Seine Augen übten eine bestrickende Gewalt über sie aus.
Bleich und roth werdend, stand sie nicht still, sondern beflügelte ihre Schritte. a
„Maria, Maria— ein einziges Wort!“ bat er neben ihr, nicht minder erregt als sie.
„Ich bin Totzenbach's Braut!“ Sie wußte kaum, daß ihre Lippen sprachen, was in ihr eine mahnende Stimme rief.
„Sie wollen mich büßen lassen, daß ich Sie es werden ließ?“ rief er aufflammend.
Sie ging immer rascher.— Schon machte sich das Geräusch der Straßen hörbar,— sie sah das Ende des Weges, er mündete auf den Bahnhof.
In ihren Augen glühte ein zorniges Feuer. Der Groll auf ihn, welcher sie zu lieben vorgab und sie doch einem Andern über⸗ ließ, beherrschte sie so sehr, daß sie gar kein Mitleid mit ihm haben konnte und ihr Benehmen gab Lornow einigermaßen seine Besonnen⸗ heit wieder.
Dicht am Ausgang des Weges zwang er sie still zu stehen und sagte kälter als bisher und mit härterem Klang der Stimme: „Verzeihen Sie mir, Baronesse, daß ich dem zufälligen und wie ich gestehe, langersehnten Zusammentreffen mit Ihnen nachgab und Empfindungen gegen Sie zu äußern wagte, welche Sie nicht hören wollen.— Aber gestatten Sie mir auch, Ihnen das Recht abzu⸗
sprechen, welches Sie sich so stolz zuerkennen, über mich unerbittlich
streng zu urtheilen. Ich liebte Sie— liebe Sie noch heute; 855 aber ich heirathe wenigstens nicht mit dieser Liebe im Herzen eine Andere! Sie sehen, es giebt Fälle, die schlimmer sind, als der Meinige.“ i
Und indem er sich nach diesen Worten tief vor ihr verbeugte, schritt er eilig den Weg, den sie gekommen, zurück.
Sie sah ihm nach und fühlte sich plötzlich unsagbar elend. Jetzt erst meinte sie zu erkennen, daß er mehr Grund hatte, sie zu verurtheilen, als sie ihn..
Gewiß! Es war niedrig, einen Mann zu heirathen, die Liebe zu einem Andern im Herzen! 8
Alle Gründe der Kindesliebe waren machtlos gegen die einfache Wahrheit. s
Ganz verwirrt, bestürmt von tausend widersprechenden Gedanken, kam sie na aus..
2 15 05 läge Blei in ihren Füßen, so ermüdet fühlte sie sich und wie mit einer Eisenfaust klemmte sich's um ihr Herz.
Sie beachtete es nicht, daß der Portier und ein ihr begegnender Diener des Hauses sie verstohlen lächelnd ansahen. 8
Mit wahrer Sehnsucht dachte sie an die Einsamkeit ihres Zimmers. Dort konnte sie aufathmen,— aufschreien. Auf dem Korridor traf sie die Kammerfrau der Tante.
„Ah, da sind Baronesse ja endlich. Frau Gräfin lassen bitten! — Sie haben dem gnädigen Fräulein Dringendes zu sagen,— bitte,— im kleinen Salon!“
Und dabei öffnete sie schon Maria die Thür und ihr entgegen⸗ eilend stand in derselben Baron Totzenbach.
„Maria! Meine Maria!“ sagte er leise, fast erstickt von der tiefen Gemüthsbewegung.
Die Kammerfrau hatte sich schon zurückgezogen und die Thür hinter ihnen zugedrückt, während der Verlobte beide Hände seiner Braut an seine Lippen zog.
„Dank, tausend Dank, meine geliebte, theuere Maria! Du sollst nie bereuen, daß Du mein sein willst! O, wie habe ich mich gesehnt, Dich in meine Arme zu ziehen, Dir zu sagen, daß Du mein köstlichstes Erdengut bist und daß ich Dich halten will als ein solches!“
Aus jedem Worte klang sein Herz und eine bei ihm sehr seltene Errezung. Sie lag in seinen Armen, duldete seine Zärtlichkeit wie in einer Betäubung und in ihr war ein unbeschreiblicher Zu— stand von Unklarheit, Elend und Verwirrung. Mechanisch sprach 1 1 von ihrer Ueberraschung, die ja auch ganz begreiflich erschien.
Der Farbenwechsel auf ihren Wangen und ihr scheues beklom— menes Wesen machten sie in seinen Augen um so reizender und während Totzenbach neben ihr saß und, ihre Hände in der seinigen haltend, ihr in tiefem Schmerz von seiner Mutter sprach und ihr mündlich jeden Liebesgruß wiederholte, welchen die Geschiedene Maria gesandt, konnte sie sich sammeln und sich sagen, daß Alles so hatte kommen müssen und daß sie ihm ja versprochen, ihn lieb und werth zu halten. Was sollte denn dieses innerliche Zurück beben bedeuten?
Und sie zwang sich zu thun und sagen, was ihr Verstand sie sagen und thun hieß.
Der Baron Totzenbach war noch ganz erfüllt von seinem Verlust; trotz seinem warmen Glücksgefühl lag doch der füngst erlebte Schmerz wie ein Schleier über seinem Wesen; unglücklicher Weise machte derselbe ihn noch gemessener und steifer wie sonst, weil er ihn zu beherrschen suchte. Maria's innere Verstörung, durch ihre Willenskraft gezügelt, glich einem ähnlichen Zustande und so paßten die Brautleute sehr wohl zu einander, wie Gräfin Paula, die mütterlich lächelnd, ein Weilchen später wieder eintrat, leise zu ihrer Elma meinte.
„Ja vortrefflich, Mama, ein hölzerneres Brautpaar sah ich mein Lebtag nicht. Ich glaube von jetzt an, daß Seelensympathie sie verbindet— natürlich!“ höhnte die hübsche, zierliche Komtesse.
Graf Bolko und Helo erschienen;— Totzenbach blieb zu Tisch und Maria's Anstrengungen, ihrer Rolle gerecht zu werden, wurden in demselben Grade mühseliger, als ihre Nähe ihren Verlobten nach und nach in ein wohlthuendes Vergessen seiner Trauer hüllte und ihn nur der beglückenden Gegenwart leben ließ.— Nach dem Diner kamen mehrere Bekannte des Hauses;— Totzenbach, dem sie fremd waren, zog Maria in ein lauschiges Kabinet der Gräfin Paula und hier bei dem matten Schimmer des im Kamin flackern⸗ den Feuers gab er zum ersten Male seiner Liebe die glühenden Worte und Zärtlichkeiten, die einen so süßen Tauschhandel für Liebende bilden.
Er vermißte ihre Gegengabe noch nicht. Es kam ihm nicht einmal der Gedanke daran in dem Glück des Augenblicks. War es doch für ihn Wonne über Wonne, seine Liebesversicherungen und Liebkosungen über sie dahin strömen zu lassen.
Einmal als Maria, sehr blaß aussehend, auf Totzenbach's Wunsch ihm ein kleines Bild ihrer Mutter holen wollte, kam sie in Elma's Nähe und diese verfehlte nicht ihr spöttisch zuzuraunen: „Wirf einen Blick in den Spiegel, schöne Maria, das Bild einer glücklichen Braut soll anders aussehen!“ Und wie hatte sie das Wort„glücklich“ betont.
Unwillkürlich folgte Maria der Aufforderung, ehe sie völlig ausgesprochen war, sie erschrak und nahm sich zusammen.
„So ist's besser, meine Liebe! Eine Braut strahlt und lächelt nur und hat nicht diese drohende Falte zwischen den Augenbrauen, als möchte sie jeden Kuß mit einem Dolchstoß erwidern!“ neckte Elma später wieder.
Und wie ein Automat folgte Maria ihren Winken, ohne sich recht bewußt zu werden, daß sie es that.
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