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Der Abend ging dahin wie zuletzt jeder Abend. Gräfin Paula mußte Totzenbach's wegen zu Haus bleiben;— man hatte schnell,„um die arme Elma zu entschädigen“, einige Gäste gebeten und Maria erschrak bis ins Herz hinein, als sie Lornow ein⸗ treten sah.
Sie dankte Gott, daß sie noch mit Totzenbach und Helo, die zu ihnen gekommen war, im Kabinet saß,— daß sie dann ent⸗ schlüpfen durfte unter dem Vorwande, rasch noch ein wenig an ihrer Toilette verändern zu wollen.
Als sie dann in den Salon trat, standen Totzenbach und Lornow in ruhiger Unterhaltung zusammen; des Ersteren Züge
waren belebter und wärmer als gewöhnlich,— Lornow sah voll-
kommen unbefangen aus, erbleichte aber doch, wie Maria sofort bemerkte, als er ihrer ansichtig wurde und sie begrüßen mußte.
„Ich habe den Vorzug, gnädige Baronesse, durch Herrn von Totzenbach eingeweiht zu sein. Ihm darf man kaum noch mehr Glück wünschen,— Sie gestatten, daß ich Ihnen—.“ Und das Weitere sagte der ehrfurchtsvolle Handkuß.
Maria wußte nicht wie ihr wurde. Seine ruhige Miene war Verstellung, aber seine Augen blickten sie kalt und leer an, das war keine Verstellung.
Er hatte also Totzenbach die Begegnung am Morgen ver— schwiegen,— wie sie es gethan.
Und jetzt wußte er auch, daß sie ihrem Verlobten nichts gesagt.
Ihr Herz gab ihr die Gewißheit, daß sie nichts zu verhehlen gehabt haben würde für sich; begriff Lornow aber wohl, daß sie zumeist ihn mit diesem Schweigen geschont hatte?
Ach, hatte sie ahnen können, in welchem bitteren Aerger über sich selbst Lornow diese Stunden nach ihrer Begegnung zugebracht. Welcher Thor war er gewesen, sich von seinem Herzen hinreißen zu lassen.
War diese Maria nicht am Ende gar im Stande, noch jetzt Totzenbach aufzugeben—„um der Wahrheit und— seinetwillen?“
Der Blick, mit dem sie ihn zuletzt angesehen, verfolgte ihn förmlich.
Und was sollte er in aller Welt denn mit dem gänzlich mittel- losen Mädchen anfangen?
Ja, sein Herz litt wirklich um sie,— aber das ging vorüber und das Elend einer solchen Liebesheirath blieb.
Welcher Narr war er gewesen, von Brüssel zurückzukommen, eh' sie verheirathet und mit Totzenbach fortgezogen war!
Aber— er hätte sich ganz gewiß durchaus vernünftig benom⸗ men, wenn nicht dies Zusammentreffen in freiem Felde ihm so unerwartet gekommen und wenn nicht ihre Schönheit ihn von Neuem in Gluth, ihr Trotz ihn in Leidenschaft gebracht hatte.
Er zürnte ihr, weil er schwach gewesen und besonders, weil eine bange Ahnung ihm sagte, daß seine letzten Worte tiefen Ein- druck auf sie gemacht.
Wozu war solch ein Mädchen wie Maria nicht fähig, wenn es die Ehre und Würde ihres Herzens galt?
Aber Maria ahnte nichts von seinen Gedanken. Sie wurde nur noch rathloser und verwirrter durch seine augenfällige Kälte. Verachtete er sie?
Offenbar hatte Totzenbach heute einen ganz wohlthuenden Ein⸗ druck von Lornow empfangen, denn seine sonst gegen diesen mehr noch als gegen Andere hervortretende kühle Reservirtheit war einer offenen Freundschaft gewichen, welche ihn sehr gut kleidete und nichts von einem verletzenden Mitleid an sich trug.
Nach einer Weile verließ Lornow das Brautpaar und setzte sich zu Elma, welche lachend, koquettirend und alle ihre kleinen Künste entfaltend, ihn dort festhielt.
Auch heute wurde die Thatsache der Verlobung mit einem stummen Lächeln anerkannt und zugleich ignorirt.
Die Rücksicht auf Totzenbach's Trauer dämpfte die Stimmung des Abende;— Elma gaͤhnte affektirt ein paar Mal, indem sie heimlich neckische Grimassen nach Totzenbach hin machte und seine gehaltene Ruhe karrikirte, was er natürlich nicht ahnte. Sie amüsirte sich herrlich mit Lornow, der nur sie zu sehen schien und nie so liebenswürdig gewesen war wie heute. Sie Beide kümmerten sich um Niemand, waren nur für einander da.
Gräfin Paula gab sich die erdenklichste Mühe, die Unterhaltung der Anderen ein wenig zu beleben und sagte sich im Herzen, es sei ein schrecklich langweiliger Abend.
Da unterbrach ein leiser Aufschrei in dem anstoßenden Zimmer eine momentane drückend werdende Pause.
Es war Helo's Stimme.
Maria sah sofort, sie und Onno fehlten. heit! Welche Tollheit! 0
Unwillkürlich war Gräfin Paula aufgesprungen;— aber sie
kam schon an der Thür wieder zurück, denn Graf Bolko, den man erwartete, rief ihr von dort entgegen:„Es ist nichts, Helo hat
eine Blumenvase zerbrochen!“
Dabei hörten Alle, daß seine Stimme anders klang als sonst.
Es dauerte noch eine Minute, während welcher dort nebenan Graf Bolko mit leiser, befehlender Stimme sprach, dann trat er in die Thür, Helo am Arm und rief gezwungen lächelnd seiner Gemahlin zu:„Du wirst Dich ärgern, Paula,— aber Helo hatte weniger Schuld als ich.“
Maria wußte sofort, der stolze Graf Bolko sagte eine Lüge;— vielleicht errieth seine Gattin dasselbe, denn Helo hatte völlig das Aussehen einer ertappten Verbrecherin, und auch als die Gräfin mit sicherer Selbstbeherrschung erklärte, sie habe zwar an der schönen blüthenreichen Pflanze viele Freude gehabt,— doch sie wolle des lieben Papa's Fürbitte annehmen,— selbst da und den ganzen Abend hindurch verlor sich Helo's Blosse nicht.
Niemand fragte nach Onno.
War das Klugheit? Hatten schon Andere das geheime Ein⸗ verständniß bemerkt.
Endlich sprach Totzenbach arglos die Frage aus.
„Er flüsterte mir zu, er habe Dienst und entfernte sich unbemerkt,“ erwiderte Lornow mit harmloser Miene.
Ein Blick Graf Bolko's traf ihn. Ein Zornblick, der an den Zeus gemahnte.
Hatte der Herr Legationsassessor etwa Kunde von der Heimlichkeit?
Auch Helo sah aus ihrer Gedrücktheit scheu auf und nach Lornow hinüber.
Er schien keinen dieser Blicke zu sehen, sondern scherzte und koquettirte mit Elma, wie sie mit ihm.
Endlich waren Alle fort, die gräfliche Familie sagte sich Gute Nacht.
„Onkel Bolko, haͤttest Du wohl noch eine Viertelstunde für mich?“ fragte Maria.
„Nicht heute— morgen früh!“ gab er rauh, wie er niemals zu ihr gesprochen, zur Antwort.
Sie erschrak vor dem Tone, der Onno galt;— es war kein Zweifel mehr. Aber sie fühlte in dieser Stunde ihr eigenes Schicksal so gebieterisch sich auflehnen gegen ihren Willen, daß eine gewisse Gleichgültigkeit wegen Onno's und gegen die ganze Welt sie überkam.
„Gut, also morgen! Wenn Du erlaubst komme ich zeitig!“
Er antwortete nur mit einem Nicken und sagte streng zu Helo:
„Du bleibst!“
Ein jammervoller Blick bat Maria um Hülfe,— aber— ach, diese hatte selbst heute alle ihre Kraft nöthig, sich Muth einzureden zu dem Schritte, den sie bis morgen früh hinausschieben sollte.
Elma bemerkte nichts von Allem oder wollte nichts merken. Unter dem Vorwande unwiderstehlicher Müdigkeit war sie schon mit den Gästen verschwunden.
Fräulein Lätitia von Goostädt saß im allertiefsten Negligee bei ihrem Morgenkaffee, die Meipeter las ihr dazu die Zeitung vor, wie das jedes Tages Beginn unweigerlich mit sich brachte. Die alte Dame befand sich schlecht und war in übelster Laune.
Daß ein Wagen vor das Haus fuhr, hatten Beide überhört— aber ein kurzes Hin und Her von zwei redenden Stimmen auf dem Vorplatze drang undeutlich zu ihnen.
Plötzlich flog die Thür des Zimmers auf und wortlos vor Ex⸗ staunen erblickte Fräulein Lätitia in derselben ihre bestgehaßte Feindin, die Gräfin Paula von Isenreut, und in dem Antlitz der⸗ selben eine so sichtliche Aufregung, daß sich an dieser Wahrnehmung die Lebensgeister der alten Dame etwas erholten.
„Seien Sie so gut, uns allein zu lassen, Fräulein!“ hatte in · zwischen die Gräfin das lautlose Starren unterbrochen, indem sie die ganz verdutzte Meipeter zur Thür geleitete und diese dann hinter ihr verriegelte. 5
„Nun, meine gute Paula, was verschafft mir denn diese
Welche Verwegen-⸗


