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Graf Bolko und Onno kehrten allein vom Begräbniß zurück;— Onno ganz beredt über Totzenbach's Liebenswürdigkeit und Herzlich; keit und voll Bewunderung für den vornehmen Stil seiner Lebens⸗ weise und Umgebung.
Alles, was Maria hörte, war gut und erfreulich und zu dem Bilde passend, welches sie sich in ihrer Seele gemacht. Woher nur dies Schwirren in ihren Nerven? diese stete geheime Angst vor Totzenbach's Kommen?
Onno ging dann animirt zu einem andern Thema über.
„Denke Dir, Maria, der alte Mentink ist wieder bei mir ge⸗ wesen;— mehrere Male schon, heute früh hat er mich denn end⸗ lich abgefaßt. Und ist es nun eine fixe Idee, die den kleinen Alten beherrscht, oder was ist's,— er wühlt wie ein Maulwurf in der Ehrsteiner Geschichte, ist in Berlin gewesen, hat sich die größten Mühen und Laufereien nicht verdrießen lassen und Papa's damaligen Kammerdiener herausgefunden, der— stell Dir dies vor, jetzt beim Grafen Alexander von Hohenthal im Dienst steht— dem Nutz⸗ nießer des Fideikommiß. Natürlich ist kein Gedanke, daß man ihm das Archiv geöffnet hätte, aber die beiden alten Burschen sind treue Seelen und haben sich's in den Kopf gesetzt, Papa müsse das Doku⸗ ment irgendwo als Pfand hinterlegt haben. Und nun sitzt Mentink wie ein Trüffelhund dahinter her, Papa's verschiedene damalige Geldoperationen herauszufinden. Ich muß der Mama noch einmal darüber schreiben;— wir sind in dieser letzten Zeit ganz hinweg⸗ gekommen über die verwünschte Schuldengeschichte, die sich da neu⸗ lich herausstellte und von der Onkel Bolko, Gott sei Dank, noch keine Ahnung hat; Mama muß wirklich die Erinnerungen Papa's wachrufen— wär's auch nur, um meinem Freund Mentink einen Gefallen zu thun.“—
Dann nach einem kurzen Schweigen rief er erregt:„O, Maria — wenn wir das Papier wieder erlangten!“
Sie hörte wohl, er sah darin eine Rettung aus seiner jetzt so peinlichen Lage;— aber sie hatte kaum auf seine Geschichte vom alten Mentink geachtet. Lieber Gott— dies Dokument wieder⸗ finden— wonach damals so heiß gesucht war? Unsinn! Und Totzenbach wollte Ehrstein ja auch kaufen; dann bekamen sie es ja doch sozusagen wieder.—
Daß Onno davon nichts hatte, machte sie sich in diesem Augen⸗ blicke um so weniger klar, als daß dies Zurückgewinnen der Ehr⸗ steiner Heimath die ihr selbst unbewußte Triebfeder ihrer Ent⸗ schlüsse war.
„Du hast jetzt nur noch Sinn und Gedanken für Deine glän⸗ zende Zukunft, Maria!“ flammte Onns auf, vergessend, was Helo ihm Begütigendes gesagt. g
Sie blickte ihn beinah feindselig an.
„Ja,— Du kennst mich!“ erwiderte sie bitter, und die Ent⸗ fremdung zwischen ihnen wuchs und wurde ohne Beider Zuthun zu einer Mauer, welche sie mehr und mehr trennte.
„Die Trauer steht Maria wunderschön!“ Das war das Urtheil ihrer ganzen Umgebung.
Elma ächzte leise vor Aerger, sie hatte bestimmt das Gegen⸗ theil gehofft;— aber Maria war Totzenbach's Braut, sie wurde die vornehme und reiche Frau, das schützte sie jetzt vor jedem auch noch so versteckten Angriff.—
Totzenbach hatte Maria geschrieben, daß er am kommenden Dienstag bei ihr sein würde— das war morgen; um sich Ruhe und Klarheit zu erringen, ging sie in dem Park spazieren, ging weiter und weiter und wußte kaum noch, was sie dachte und sann, denn es war wie ein verworrenes Träumen über sie gekommen. Daß der Anstand diese einsamen Spaziergänge jungen Damen ver⸗ bot, fiel ihr gar nicht ein. Endlich fand sie sich wieder, strich auf— seufzend mit der Hand über die bewölkte Stirn und kehrte um. Ihre Uhr zeigte ihr, daß sie schon sehr lange gegangen, sie fühlte sich auch müde und um schneller heim zu gelangen, nahm sie einen wenig betretenen schmalen Feldweg, der zwischen Hecken hinlief und von dem sie vermuthete, daß er in der Nähe ihres Hauses mündete.
Der Winter lag noch immer auf dem Lande— aber die Sonne schien fröhlich und fast warm auf die beschneiten Berge und Flächen und auf die leicht bereiften Hecken, in welchen die Sper⸗ linge laut nach dem Frühling und den fortgewanderten Brü⸗ dern schrien.
Auf dem schmalen Wege schritt sie rasch der Stadt zu,— ehe sie aber den Ausgang desselben erreicht hatte, horte sie die Schritte
eines Mannes, der ihr entgegen kam und den sie noch nicht sehen
konnte, da der Weg und die Hecken hier eine Biegung machten.
Noch hatte sie sich aber kaum das ängstliche Gefühl ausgeredet, 0
hier so allein vielleicht einem der gerade in jenen Tagen so er⸗ bitterten strikenden Fabrikarbeiter zu begegnen, als jener Nahende schon in Sicht kam und dann ganz dicht vor ihr stand.
Sie blieben Beide wie angewurzelt stehen und sahen sich an.
„Baronesse— wie ist das möglich!“ rief Lornow, denn er war der Begegnende, mit einem Tone, als frage er, ob seine Ge danken ihm einen Spuk in den Weg zauberten.
„Lor— Herr von Lornow!“
Sie hatte so lebhaft an ihn gedacht.— Ihre Erregung war völlig unbeherrscht, weil so plötzlich, und so standen sie einander gegenüber. Beide mit allen Zeichen einer Gemüthsbewegung.
Das dauerte nur Sekunden, dann trat er zur Seite und fragte sie höflich, ob sie gestatte, daß er sie heimbegleite. Sie nickte nur und er kehrte mit ihr denselben Weg zurück, den er gekommen.
So gingen sie neben einander weiter, stumm,— erschreckend über ihre Stummheit, über den Sturm ihrer Gefühle und nach einem Worte suchend, um die möglichst unverfängliche Unterhaltung zu führen. Aber dies Wort fand sich plötzlich nicht. Ihr Gehirn war leer und wie betäubt; in ihm ging ein heftiger Kampf vor, er hätte sich vor einer Stunde noch stärker gehalten. Aber„man muß vernünftig sein,“ sagte er sich. Endlich fragte er mit einer gewaltsamen Anstrengung:
„Sie trauern, Baronesse? Hatten Sie einen theuern Verlust?“
Eine glühende Röͤthe schoß ihr in das Gesicht. Sie sah wunder⸗ schön damit aus, und plötzlich fiel ihm ein, daß Totzenbach, wie er gelesen, seine Mutter verloren. Wilde Eifersucht packte ihn, da half keine Vernunft.
„Ah, man darf nicht fragen,— Verzeihung!“ sagte er plöͤtz⸗ lich in einem ganz andern Tone. Dieser Ton reizte ihren Trotz.
„Ich betrauere die mir unbekannte gute Mutter meines Ver⸗ lobten!“ sagte sie herausfordernd, indem sie ihn plötzlich im Geiste vor sich sah, wie er in Brüssel jener Frau den Hof machte.
„Meinen verbindlichsten Glückwunsch, Baronesse, zu Ihrer Ver⸗ lobung, die Sie so gnädig sind, mir gegenüber anzuerkennen,— eine Ehre, die ich dankbar schãtze!“
Sie wußte darauf nichts zu sagen. Sein Ton war tadellos;— er sprach gelassen und doch errieth sie, daß er vor Herzklopfen kaum athmen konnte. Ihr ging es nicht besser. a
„Wir hörten, daß Sie sich in Brüssel vortrefflich amüfirten, Herr von Lornow!“ stieß sie endlich, in Verzweiflung über ihre Stummheit, heraus.
„Sie hörten—? Wer war denn so liebenswürdig, mich in Ihre Erinnerung zu rufen, Gnädigste?“
Maria nannte den Namen des betreffenden Herrn und ärgerte sich über die geheuchelte Unbefangenheit Lornow's.
„Ah, der Herr Kollege!— Nun ja, der gute Königsstein sieht eben just so weit, wie seine Nase riecht!“
„Doch Sie wissen, er steckt seine Nase gern in anderer Leute Angelegenheiten und konnte uns so von Ihnen Mancherlei berichten,“ sagte sie; mit dem Versuch, zu scherzen, überhörte sie selbst, daß ihr Ton schärfer war, wie sie gewollt.
Er schwieg eine kurze Weile. Dann erwiderte er, wie aus einem Nachdenken auffahrend:„Meine Erlebnisse können kein In · teresse beanspruchen, Baronesse, aber gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, daß—.“ Und er stockte— ging schweigend neben ihr her.
Sie fühlte sich mehr und mehr aufgeregt, wie er es auch zu werden schien. 7
Ihre eigene Stimmung gegen Lornow war ihr heute unbegreif · lich, denn nachdem sie sich so lange heimlich nach ihm gesehnt, empfand sie jetzt nur Groll und Gereiztheit gegen ihn. Es wäre ihr eine Genugthuung gewesen, ihn bestrafen zu können. Wofür? das machte sie sich nicht klar.
Auf einmal stand er still und fragte erregt:
„Sind Sie innerlich so ruhig und im Einklang mit sich wie äußerlich, Baronesse?“
Sie wechselte die Farbe. Da sie aber weiter ging, blieb er
neben ihr, sie fest ansehend und mit den Blicken Antwort fordernd.
„Wozu die Frage?“ hatte sie trotzig hervorgestoßen. „Weil ich Wahrheit zwischen uns will, Maria!“ rief er ge⸗ preßt; das, was er in diesem Augenblicke empfand, war stärker als


