Ausgabe 
27.11.1887
 
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zu deu

Ouherhessischen Uachrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Noch spät am Abend kam Helo zu ihr in das ihr nun ein geräumte blaue Zimmer, welches in der That seiner jungen Be⸗ wohnerin würdig war. Aber wie wenig fragte Maria, ganz hin⸗ genommen von ihrem inneren Leben, jetzt nach solchen Aeußerlichkeiten.

Helo bekannte ihr unter Lachen und Weinen jetzt Alles und so hoffnungslos die Aussichten des jungen Liebespaares auch waren, so strahlten doch Helos Augen und Mienen von dem vollen Glück ihres Herzens.

Wie Du nur so kalt, so berechnend sein kannst! klagte das junge Ding Maria anDu bist doch selbst Braut, und alle Leute können nicht reich sein! Mein Vater wird immer genug haben, uns die Einrichtung und einen Zuschuß zu geben, wir wollen nicht glänzen, sondern nur glücklich sein!

Nachdenkend blickte Maria in diese unschuldsvollen, weltfremden Augen, aus denen das übermüthige Glück sie anlachte.

So also sieht die Liebe aus? dachte sie, und von dem Ge⸗ danken blieb sie schlaflos stundenlang und grübelte darüber nach, ob sie Totzenbach wohl je so lieben werde, wie Helo Onno liebte.

Ihres Bruders Wort, daß sie mehr Verstand als Herz habe, wurmte sie, kein Mensch hatte nach ihrem Herzen gefragt, er am Wenigsten, und da sie es folglich nicht kannten, leugneten sie, daß es da sei. Eine qualvolle Bitterkeit regte ihr Blut bis zum Fieber auf.

Lornow? Ihn hätte sie geliebt, wenn sie gedurft. Aber er war klug genug gewesen, seine Situation im Auge zu behalten just so klug wie sie! Nur daß er hinging, und in wüsten Kreisen und bei schlechten Frauen Vergessen suchte. O, der Schmach!

Dann verglich sie Lornows Charakter mit dem Totzenbachs, und kam endlich zu dem Schluß, daß sie den Letzteren hoch über Lornow stellen müsse und daß sie wohl gethan habe, sehr wohl gethan, ihr Lebensschicksal an das seine gebunden zu haben.

Darüber schlief sie endlich ein, und auch der nächste Morgen fand sie wieder in sich klar und ruhig, nur wuchs ihre Bitterkeit auf Lornow. Sie hatte nicht das leiseste Verständniß für eine solcheNiedrigkeit trotz aller schönen Verse Freiligraths; in ihrer reinen, tugendstolzen Seele fand sie nur Verachtung für einen Mann, der wie Lornow gehandelt.

Onno kam sie zu besuchen, und seine Beichte von gestern zog heute eine ziemlich erregte Unterhaltung mit Maria nach sich. Sie gelobte zwar strengste Verschwiegenheit, aber es war eine gewisse

Schärfe in ihr, welche sie zu einer ungemilderten Verurtheilung

ihres Bruders von Neuem hinriß und ihn innerlich gegen sie erkaltete.

Man merkt ihr schnell an, daß sie sich als die dereinstige große

[Dame gegen den armen Lieutenant aufspielen wird. Ich hätte ihr mehr Wärme und Weiblichkeit zugetraut! sagte er nachher zu

I Helo, die ihrerseits sanft und herzlich begütigte.

Gießen, den 27. November.

Eine gute Vartie. Roman von L. Haidheim. (Fortsetzung.)

Wer weiß, Onno, ob sie nicht fühlt, daß bei uns Beiden mehr Glück und Liebe ist, wie bei ihr. Mir kommt es immer so vor, als wäre Marias Seele eine Harfe, auf welcher die schönsten Töne plötzlich verstummt sind, sagte sie nachdenklch.

O, Du süße Kindes weisheit, wie triffst Du das Rechte? rief er reuig. f

So vergingen zwei Wochen in der gewohnten Weise. Maria empfing jetzt täglich Briefe von ihrem Verlobten und antwortete pünktlich, denn es war ihr eine große Wohlthat, ihm so immer näher zu treten und verstehen zu lernen.

Dann blieb eines Tages der gewohnte Brief aus; es kamen statl dessen drei, vier Telegramme, und das letzte brachte die Kunde, daß die Baronin Totzenbach in den Armen ihres Sohnes sanft ent⸗ schlafen sei.

Die lang erwartete Nachricht rief eine große Aufregung bei den Isenreuts hervor. Graf Bolko und Onno rüsteten sich sofort, zur Begräbnißfeier abzureisen; es fand eine große Berathung in Gräfin Paulas Zimmer statt, ob man allerseits Trauer anlegen müsse, wogegen Elma heftig protestirte und Frau von Lautenberg kam grade rechtzeitig, um die Frage nach einem forschenden Blick in Gräfin Paulas Augen, dahin zu entscheiden, daß allerdings Maria Trauer anlegen müsse, daß aber die Tante und die Kousinen der Höflichkeit Genüge leisteten, wenn sie Kränze schickten und sich für eine Woche von größeren Festen fern hielten.

Ob Marie die Trauer kleiden wird? fragte Elma und blätterte in den Modejournalen. N

Diese war sehr ernst und nachdenklich. Sie begriff den tiefen Schmerz ihres Verlobten, konnte aber trotz ihrer aufrichtigen Theil⸗ nahme nichts anders denken, als:Jetzt wird er kommen! Und in ihrer Seele war ein großes Bangen und Widerstreben, wie sehr sie sich dasselbe auch wegzuleugnen suchte.

Maria, darf ich Dir helfen, die Trauertoilette auszusuchen? fragte Elma, die jetzt ebenso wie die Mutter immer sehr liebenswürdig war.

Ich würde Dir sehr dankbar sein, Elma; aber noch mehr, wenn Du Alles ohne meine Hülfe anschafftest, ich möchte Du kannst denken

Sie will an Totzenbach schreiben! Wie natürlich! Wie liebevoll, mein gutes Kind! Du thust Recht, er braucht jetzt Deine Zärtlichkeit mehr als je! rief Gräfin Paula.

Ja, dasselbe schrieb auch er im nächsten Briefe.Ich komme mir so unbeschreiblich einsam vor, halte Du mich mit Deiner Liebe, sei Du mein Ankergrund, ich will es Dir lohnen durch Dein ganzes Leben! Sichtlich war er sehr erschüttert und erzählte ihr von den letzten Stunden der Mutter in einem bogenlangen Briefe.

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