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Schrittes, erhobenen Hauptes. Der Himmel hatte ihr Flehen erhört
und ihr einen Menschen aus der Heimath gesandt, der ihr Theil⸗ nahme und Mitgefühl entgegen brachte, mit dem sie von ihrem ge— liebten Elternhause hatte reden können.
Wie doch die Jugend so schnell über einem lichten Sternlein die düstern Wolken vergißt, so wenig auch jener Stern ihren Pfad zu erhellen oder die Wolken zu zerstreuen vermag!
Von nun an begegnete Magdalene dem Freiherrn täglich, wenn sie, um ihre Privatstunden zu geben, die Johannisau durchschritt, und ebenso, wenn sie zurückkehrte. Sie verhehlte sich die Freude nicht, die sie empfand, wenn seine hohe, ernste Gestalt aus dem Gebüsch hervortrat. Sein ehrerbietiger Gruß, der freundliche, fast väterlich milde Blick seines großen, ernsten Auges, der oft prüfend und sorgenvoll auf ihrem immer schmäler werdenden Gesichtchen, auf den feinen Rändern unter ihren Augenlidern ruhte, tröstete sie oft über ganze Tage voll Mühe und undankbarer Arbeit.
So waren einige Wochen in's Land gegangen. Der April hatte, getreu seiner alten Gewohnheit, verschiedene Male sein Antlitz ge— wechselt. Jetzt hatten sich die schweren Dünste zu feinem, warmem Sprühregen verdichtet, der Alles rings in einen grauen Schleier hüllte, in jenen Schleier, der doch so garnichts Trübseliges hat, sondern hinter dem sich irgend ein mit Sehnsucht erwartetes großes Glück zu ver⸗ bergen scheint. Die Knospen dehnten und reckten sich ungeduldig, begierig, das köstliche Naß zu trinken; ein zarter, grüner Hauch lag auf den Bäumen und Büschen des Parks.
Magdalene hatte sich heute in dem Hause der Frau von Ebe— ningen, wo sie ihre Privatstunden ertheilte, länger als gewöhnlich aufgehalten. Es war fast dunkel geworden und das furchtsame Mädchen blickte zaghaft auf die düstern Wipfel des Parks, den sie durchschreiten mußte. 5
Kaum aber hatte sie ihn betreten, als ihr eine wohlbekannte Gestalt entgegen trat.
„Verzeihung, gnädiges Fräulein,“ tönte ihr die tiefe, wohltönende Stimme des Freiherrn entgegen,„wenn ich es wage, Ihnen heute meine Begleitung auf dem Wege durch den Park anzubieten. Ich habe gestern einen ungehorsamen Knecht entlassen müssen, der heute vagabondirend in der Nähe des Schlosses gesehen worden sein soll. Ich weiß nicht, ob an dem Gerücht etwas Wahres ist, doch möchte ich Sie auf jeden Fall vor Schreck und unangenehmen Begegnungen beschützen.“
Leise erschauernd und von Herzen dankbar nahm Magdalene des Freiherrn Anerbieten an. In eifrigem Gespräch über die gemein⸗ same ferne Heimath schritten Beide zwischen dem knospenden Gesträuch dahin, des Anlasses zu ihrem gemeinsamen Gange fast vergessend.
Da raschelte es im nahen Gebüsch; es schien, als flüchte sich eine Gestalt in den Graben am Wege. Magdalene blieb stehen und stieß einen leichten Schrei aus.
„Warum fürchten Sie sich,“ sprach der Freiherr ruhig„ich bin ja bei Ihnen!“ ö
Beruhigt schritt Magdalene weiter.
Sie näherten sich dem Ausgange; der Freiherr verzögerte seine Schritte.
„Wie sehr müssen Sie die Menschen hassen, welche Ihre Familie an den Rand des Verderbens gebracht haben!“ sagte er.
„Hassen?“ sprach sie nachdenklich,„der alte Baron ist todt und sein Sohn, freilich hat der wacker geholfen zu schüren, zu verder⸗ ben, aber wie könnte ich meine Schülerinnen lehren:„Liebet Eure Feinde,“ wenn ich selber Haß empfände? Ich glaube, auch mein guter Vater trägt einen Theil der Schuld. Und dennoch— ich möchte keinen der Oettinger von Angesicht zu Angesicht sehen. Ich glaube, es thäte mir weh, wie ein Stich in's Herz.“
Sie waren am Ausgange angelangt. Magdalene sagte ihrem Begleiter Dank und Lebewohl.
„Aber nun müssen Sie wieder zurück, noch einmal an dem Graben vorbei,“ sprach sie, erschrocken in die dunklen Gänge des Parks blickend.
„Fürchten Sie für mich?“ sagte er lächelnd.
Sie blickte zu ihm empor, dann schüttelte sie langsam das Haupt.
„Fürchten? Nein! Leben Sie wohl und gehen Sie mit Gott!“ Sie reichte ihm zum Abschied ihre Hand, die er zögernd an seine Lippen zog. 5
Zu Hause angekommen, öffnete sie das Fenster und blickte lange
in das sinkende Dunkel hinaus. Feuchte, schwüle Wärme, wie in
einem Treibhause, brütete über der Erde, ein eigenthümliches Sausen und Raunen ging durch die schwere, stille Luft, als webten droben geschäftige Geister an dem Blüthengewand der Erde. Lastende Gewitterschwüle lagerte bleiern über der schweigenden Natur und dennoch war's ein Treiben und Wachsen, ein Sich-Regen und Drängen allüberall mit unheimlicher, dämonischer Gewalt. Solche Nächte sind's, in denen es sich auch im Menschenherzen regt von wunderbarem, schmerzlichem Sehnen nach ungeahntem, unaussprech— lichem Glück.
Magdalene lehnte den heißen Kopf an das kühle Fensterkreuz. Ob der Freiherr schon daheim sein mochte oder noch allein im dunklen Park? War er unbehelligt an dem Graben vorbei gekommen oder hatte—
Sie legte beide Hände vor das Gesicht, denn es schien ihr, als sähe sie den Freiherrn überfallen von dem Unholde, und vor den Augen schwamm es ihr roth wie Blut.—
Und dann dachte sie wieder an seine letzte Frage:„Fürchten Sie für mich?“ Und wie sie, mit unbedingtem Vertrauen zu ihm aufblickend,„Nein“ geantwortet hatte.
Sie seufzte. Immer der Freiherr, immer nur er und wieder nur er! Gab es doch nichts Frohes und nichts Schmerzliches mehr, das sie nicht mit ihm in Verbindung zu setzen sich bereits gewöhnt hatte, war er doch der einzige Freund, den sie in der Fremde ge— funden, der Einzige, dem ihr Herz warm entgegen schlug— und sie kannte nicht einmal seinen Namen! Warum er sich ihr nie vorgestellt? Warum sie nie von ihm sprechen, nie nach seinem Namen hatte fragen mögen?
Sie blieb bis spät in die Nacht am offenen Fenster und sah die hellen Blitze am Horizont zucken. Die geheimnißvolle, wonnig süße Aufregung, welche die schweigende Natur bis in ihre fernsten Tiefen ergriffen und berauscht zu haben schien, war ja so wunder⸗ bar ihrer eignen, räthselhaften Stimmung verwandt.
Sie konnte trotz ihrer vertrauensvollen Versicherung bis zum folgenden Tage eine geheime Angst um den Freiherrn nicht los— werden, die sich allmählich bis zur Unerträglichkeit steigerte. Es flog deshalb wie ein Sonnenschein über ihre Züge, als sie am Nachmittag seine hohe Gestalt wohlbehalten neben dem steinernen Neptun stehen sah. Er bemerkte es und lächelte.
„Wissen Sie,“ fragte nach der Privatstunde Frau von Ebe— ningen Magdalene,„daß gestern Abend in der Johannisau Herr von Oettinger von einem entlassenen Knecht angefallen worden ist?“
„Wer?“ fragte Magdalene erbleichend.
„Nun, Herr von Oettinger, der Besitzer der Johannisau. Er ist vor einem halben Jahr aus Westpreußen herübergekommen, also eigentlich wohl Ihr Landsmann, nicht wahr? Sind Sie ihm nie
im Park begegnet? Aber wie Sie aus sehen, armes Kind! Wie ist,
es möglich, daß Sie das so erschrecken kann. Es treiben sich ja, Gott sei Dank, nicht alle Tage Strolche und entlassene Knechte in der Johannisau herum. Vor diesem sind Sie nun vollends sicher, denn er sitzt hinter Schloß und Riegel. Beruhigen Sie sich doch, liebes Fräulein! Ja, die Nerven! Das kommt von der geistigen Ueberanstrengung in Ihren jungen Jahren. Gehen Sie jetzt nicht durch den Park, ich rathe es Ihnen. Schlagen Sie jenen Feldweg ein, er ist weit und uneben, aber im Park würden Sie vor jedem Gebüsch erschrecken, ich kenne das. Soll ich Ihnen das Dienst— mädchen zur Begleitung mitgeben? Nein? Nun, so halten Sie sich tapfer und kommen Sie gut nach Hause!“
Magdalene dankte der freundlichen Dame und eilte von dannen. Ein kalter Frühlingswind umbrauste sie auf dem freien Felde, sie bemerkte es kaum. Was war der Aufruhr draußen gegen den Sturm, der sich in ihrem Innern erhob?
Von nun an benutzte sie täglich diesen Weg und vermied den Park, obwohl die wieder eingetretene rauhe Witterung sich da draußen doppelt fühlbar machte. Schien es doch wieder Winter werden zu
wollen! Das Gras und die Zweige erschienen jeden Morgen mit Reif,
bedeckt und ein eisiger Wind suchte die Knospen von den Stengeln zu stürmen. War es Traum und Täuschung gewesen, was der Vogel im Park damals gesungen hatte?
In trübe Gedanken verloren verfolgte sie eines Abends den Heimweg. Plötzlich wurzelte ihr Fuß wie gelähmt am Boden und ein jäher Schreck durchzuckte sie. Wie aus der Erde gewachsen stand
plötzlich jene hohe Gestalt vor ihr, die sie wachend und träumend vor Augen sah.
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