Ausgabe 
27.3.1887
 
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schluchzend barg sie jetzt ihr Gesicht in dem Taschentuch. Was hätte

sie darum gegeben, einmal nur, ein einziges Mal noch das rothe Dach ihres Elternhauses oder den Brunnen mit dem steinernen Nep⸗ tun sehen zu dürfen! Wäre eine Bäuerin aus jener Gegend in ihrer bunten, schwerfälligen Tracht ihr begegnet, wie einer Freundin hätte sie ihr um den Hals fallen mögen!

Ueber ihr heulte der feuchte Wind, die kalten Tropfen, die er von den Bäumen schüttelte, schlugen ihr an Stirn und Schläfen, die grauen Nebel verdüsterten den sinkenden Tag. Es war wie an einem Novemberabend. Kam der Herbst wieder in's Land, statt des Frühlings, den die Menschen erwarteten?

Horch, eine Vogelstimme in den Zweigen schüchtern, zaghaft! Ein kleiner Sänger, welcher probirte, ob er seine Note im großen Früh⸗ lingskonzert noch wisse. Magdalene erhob das Haupt, um zu lauschen.

Da fielen ihre Blicke auf eine männliche Gestalt, welche regungs⸗ los an einem der nächsten Bäume stand und sie schon eine Zeit lang beobachtet zu haben schien. Der Unbekannte war hoch und kräftig ge⸗ baut, ein langer, blonder Vollbart zierte das ernste, männlich schöne Antlitz und zwei dunkelblaue Augen blickten sinnend unter dem breiten Hute hervor. Er schien auf ihr Erwachen aus der Träumerei ge⸗ wartet zu haben.

Nicht wahr, es ist einer der schönsten Punkte des Parks, mein Fräulein, sprach er langsam.

Ja wohl, so lange er einsam war, entgegnete Magdalene, unwillig über die kecke Anrede des Fremden.

Sie sehen, ich bin weniger ungehalten über unerwartete Be⸗ gegnungen.

Das anmaßende Benehmen des Fremden ärgerte Magdalene. Ohne zu antworten, wandte sie sich, um zu gehen. Doch der Fremde schritt neben ihr her, ebenfalls ohne ein Wort zu sprechen.

Ich habe um Ihre Begleitung nicht gebeten, mein Herr, be gann sie jetzt, aufathmend.

Auch ist es gegen meine Gewohnheit, dieselbe einer Dame auf zudrängen, nur fürchte ich, mein Fräulein, Sie dürften gefangen sein wie ein Reh im Gehege, wenn ich Sie nicht wenigstens bis zur nächsten Gitterpforte begleitete, um Ihnen dieselbe zu öffnen.

Magdalene stutzte und ein scheuer, kurzer Blick streifte den un⸗ erwarteten Gefährten. Er war so selbstbewußt, daß sie nichts zu entgegnen wußte. Sie waren auf einen freien Platz hinausgetreten. Ueberrascht hemmte Magdalene ihren Schritt. Vor ihnen erglänzte die zierliche Facade des weiß getünchten Herrenhauses mit seinem Schmuck von Hirschgeweih und Wappenthieren, die Flügelthür stand weit offen und gewährte einen Blick in das Innere, das mit bunten Fellen ausländischer Thiere und glänzenden Waffen phantastisch deko rirt war. Ein ausgestopfter Löwe hielt Wache am Eingang und aus dem Innern tönte das gellende Geschrei eines Papagei.

Betroffen blickte Magdalene auf das gleich einem Spielzeug auf dem Rasenteppich liegende Schlößchen. Sie war durch Zufall in den reservirten Raum gelangt, kein zudringlicher Fremder, der Herr des Hauses selbst war es gewesen, der sie, den ungebetenen Besuch, angeredet und begleitet hatte.

Ich bitte um Entschuldigung, stammelte sie verwirrt,die Gitterpforte stand offen, ich hatte nicht gewußt, daß ich einen ver botenen Raum betreten.

Eine Nachlässigkeit meines Dieners vermuthlich, sprach der Freiherr,die ich indessen nicht zu bestrafen entschlossen bin. Ich sehe ja ohnehin so selten einen Menschen außer mir selber und meinen Dienern hier hinter dem Drahtgitter, daß ich ihm für den Besuch Dank wissen muß.

Magdalene starrte noch immer wortlos auf die abenteuerliche Ausschmückung des Schlößchens, der Freiherr beobachtete sie einige Sekunden schweigend, dann suchte er ihrer Verlegenheit auf's Neue zu Hülfe zu kommen.

Der exotische Prunk drüben macht Sie staunen, mein Fräu lein? fragte er lächelnd.Es ist eben eine Liebhaberei von mir, Reminiszenzen an allen Orten zu sammeln, die ich besucht habe. Da hat denn der Zufall oft merkwürdige Zusammenstellungen er geben. Sehen Sie jene leichten Bambus-Geflechte! Kontrastiren diese nicht seltsam mit den schwerfälligen, alten Gartenmöbeln, die ich aus meiner westpreußischen Heimath herübergebracht habe?

Sie stammen aus Westpreußen? fragte Magdalene, über diesem einen Worte alles Uebrige vergessend.

Freilich, ich besaß ein Rittergut in der Nähe von D.

Magdalene war es seltsam zu Muthe. Ein Landsmann kreuzte

ihren Weg, gerade jetzt, da die Sehnsucht ihr Herz fast hatte sprengen wollen. Es wehte sie an, dieses Wort, wie ein Gruß aus der theuern, fernen Heimath. a

Kennen Sie, fragte sie schüchtern,vielleicht auch Wallenhof?

Wallenhof? Es zuckte in des Freiherrn blauen Augen hell auf.O ja! Sie sind bekannt dort? a

Es ist meine Heimath, entgegnete Magdalene leise.

Der Freiherr blickte seine Begleiterin betroffen an und hemmte einen Augenblick den Schritt. Dann senkte er das Haupt und setzte sinnend seinen Weg fort.

Ja, es war schön, sprach er, wie zu sich selbst redend,als ich, ein Knabe noch, mich dort fröhlich umhertummeln durfte! Ob der uralte Kastanienbaum vor der Hinterfront wohl noch steht?

O gewiß, versetzte Magdalene eifrig,nur daß ein Gewitter⸗ sturm ihm im vorigen Jahre einen seiner schönsten Aeste nahm!

Wie oft habe ich in seinen grünen Zweigen gesessen, sprach der Freiherr, wie in Erinnerungen verloren,oder bin in Gemein⸗ schaft mit den lustigen, wilden Jungen dort all den tollen Ver⸗ gnügungen nachgegangen, denen man sich in Wallenhof viel freier und ungehinderter hingeben durfte, als bei uns. Jubelnd ritten wir mit den Knechten die Pferde in die Schwemme, und wenn die Heerde Abends heimkam

Nicht wahr, das war hübsch! fiel Magdalene lebhaft ein. Dann saßen wir auf der Veranda vor dem Hause. Unten am Fuße des Berges läutete das Heerdenvieh vorbei den Bach entlang, aus den Schornsteinen der schmucken Hütten stiegen blaue Rauch⸗

wölkchen und der Christian, das Dorfgenie, saß vor seiner Thür

und musizirte, weil es Feierabend war! O die herrlichen Sommer- abende auf Wallenhof! Sie seufzte.

Und dieses schöne Heim haben Sie verlassen? fragte der Freiherr, forschend in das Antlitz seiner Gefährtin blickend.

Verlassen müssen, entgegnete sie herb.Wenn Sie mit den Verhältnissen jener Gegend bekannt sind, so haben Sie gewiß auch von den Zwistigkeiten gehört, welche zwischen unserm Hause und dem unsers Nachbars, des Barons pon Oettinger, ausbrachen. Was die Ursache hiervon gewesen, wer weiß das heute noch? Grenz streitigkeiten, Rivalitäten bei den Landtagswahlen und anderes mehr. Der Streit wuchs und wuchs und machte aus denen, die vorher die besten Freunde gewesen waren, die erbittertsten Gegner.

Sie schwieg. Ihr Begleiter starrte finster zur Erde.

Mein Vater, der Heftigere und Eigensinnigere von beiden,

fuhr sie fort,setzte Gut und Gesundheit an die Verfolgung dessen,

was er sein Recht nannte. Unglücksfälle kamen dazu, er starb und nicht lange danach kam das schöne Gut zur Subhastation. Meine arme Mutter lebt seitdem bei Verwandten, ich bin hierher gekommen, um uns eine neue Heimath zu gründen und mit der Zeit etwas von den Schulden abzutragen, die meines guten Vaters Namen belasten.

Der Blick des Freiherrn glitt mitleidig an der zarten, jugend⸗ lichen Gestalt hinab.

Und da müssen Sie wacker kämpfen und ringen, auch mit der Sehnsucht nach der lieben, verlorenen Heimath?

Mit der am meisten! versetzte sie seufzend.Im Traum bin ich fast immer dort. Dann eile ich fröhlich, wie als Kind, durch den blühenden Garten oder sehe die Bilder meiner Ahnen in ihren prächtigen Kleidern aus dem Rahmen steigen und in dem langen Speisesaale tanzen. f

Sie haben wohl noch niemals getanzt?

Sie schüttelte das Köpfchen.Das wünsche ich mir auch gar⸗ nicht, oder vielmehr ich komme garnicht dazu, daran zu denken. Wenn ich nur einmal mein liebes, armes Mütterchen durch den schönen Wallenhofer Park führen dürfte!

Seine Lippen bewegten sich, als spräche er leise:Armes Kind!

Sie waren am Ausgange angelangt.Leben Sie wohl, gnädiges Fräulein, sprach er herzlich.Mögen Sie bald auch in L. eine schöne Heimath finden. Sehen Sie dort das Postament? Ich wollte einen Obelisken dort aufstellen lassen, doch soll jetzt lieber ein Nep⸗ tun dorthin kommen, wie er in Wallenhof auf dem Brunnen stand. Sein Anblick mag Sie bisweilen an Ihre Heimath erinnern. Leben Sie wohl!

Er schaute ihr noch lange nach. Auf seinem Antlitz lag ein dunkler Schatten.

Magdalene dagegen schritt schnell ihrer Wohnung zu, elastischen