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Ur. 13.
zu den
Oberhessischen Hachrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Gießen, den 27. März.
Es war in den ersten Tagen des April. Durch die Anlagen des ehemals herzoglichen Parks, die Johannisau genannt, heulte der Wind sein eintöniges Lied, fröstelnd und traurig streckten die Aeste der alten, schattigen Bäume ihr schwarzes, regenfeuchtes Gezweig zum Himmel empor und schüttelten die kalten, farblosen Tropfen herab in die schwarzen Wasserpfützen unten am Boden. Die zarten Knöspchen, die hier und da neugierig hervorlugten, bargen den zarten Leib noch vorsichtig in brauner Hülle.
Ein junges Mädchen, das dünne Mäntelchen fest um die schmächtigen Schultern ziehend, schritt eilig über die aufgeweichten Wege des Parks, dessen äußere Theile auch jetzt, seitdem das Ganze in Privatbesitz übergegangen, dem Publikum zugänglich waren. Nur der innere, von einem Drahtgitter umgebene Raum, in welchem das Herrenhaus, ehemals ein Lustschlößchen des Herzogs, stand, war für Fremde geschlossen.
Die Gedanken des Mädchens schienen fern ab von Ort und Stunde zu schweifen. Jetzt eilte sie an einer grauen Sandstein⸗ sphinx vorbei, jetzt durch eine offene Gitterpforte, jetzt eine kleine Anhöhe hinan, auf deren Spitze sich durch einen Aushau ein Blick über Rasenflächen und Felder bis zu den fernen Wäldern hin eröff— nete. Dort blieb sie stehen, stützte sich auf die hölzerne Balustrade und schaute träumerischen Blickes hinaus in die nebelgraue Landschaft, über welche die Dämmerung ihre ersten Schleier zu breiten begann.
Aber nicht die braungrünen Rasenflächen waren es, welche die großen, blauen Augen in dem feinen, blassen Gesichtchen schauten, nicht die bläulich grauen, nebelumhüllten Waldmassen am Horizont. Vor ihrem Blick stieg eine freundliche, sonnendurchleuchtete Land— schaft im fernen Westpreußen auf, ein stattliches, altes Herrenhaus inmitten hoher Pappeln und Kastanien, mit luftigen, behaglichen Zimmern und Sälen darin,— ihr Heimathhaus!
Und von dort wanderten ihre Gedanken in einen andern Raum, klein und eng und erfüllt von einer lärmenden Kinderschaar,— die Privat⸗Töchterschule in L., in welcher sie seit einigen Tagen als Lehrerin thätig gewesen.
Es war für Magdalene von Wielach,— das kaum achtzehn— jährige, schüchterne und zaghafte Mädchen, das sich von jeher besser darauf verstanden hatte, zu dulden, zu tragen, sich aufzuopfern, als durch energisches Auftreten sich selbst Geltung zu verschaffen— es war für sie ein schwerer Schritt gewesen, als sie fortzog aus dem
geliebten Elternhaus in die ferne, wildfremde Stadt, um dort den Kampf mit dem rauhen Leben aufzunehmen— mutterseelenallein.
Sie hatte die ihr gebotene Stelle an der Schule in L. an⸗ genommen, trotzdem sie schlecht besoldet war, weil sich ihr dadurch die Aussicht auf eine spätere einträgliche, pensionsberechtigte An— stellung bot. Sie hatte eine Klasseßz übernommen, linz welcher sich Mädchen befanden, die zum Theil bedeutend zuversichtlicher und
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Irühlingsknospen. Novelle von E. Annuske.
welterfahrener in das Leben blickten, als sie selber, eine Klasse, zu— sammengesetzt aus verwöhnten Püppchen, denen die Disziplin an der großen städtischen höheren Töchterschule zu hart erschien, ferner aus Unbegabten oder Faulpelzen, die dort nicht mitkamen, aus Schwächlichen, die nicht angestrengt werden durften und dennoch alles Mögliche lernen sollten.
Mit Scham und Aerger dachte Magdalene an ihren ersten Schultag zurück. Die Vorsteherin, eine stattliche Dame mit herz— los kalten, grauen Augen, hatte ihr Tags zuvor eine Anzahl von Vorschriften, Verhaltungsmaßregeln und Ermahnungen vorgetragen, die ihr kleines Köpfchen schier zu verwirren drohten. Als sie das Schulzimmer betrat, hatte sie längst vergessen, daß die Fehlenden oben links an die Schultafel, die Unartigen unten links und end—⸗ lich die fehlenden Hefte oben rechts angeschrieben wurden, daß die Verspäteten durchstrichen, die Entschuldigten unterstrichen und die entfernt wohnenden Verspäteten wieder abgelöscht wurden, daß die erste Abtheilung nur vor der Vorsteherin aufstand und einige Zög— linge der zweiten Abtheilung dasselbe Recht besaßen und was der— gleichen wichtige Gesetze mehr waren. Infolge dessen hatte jedes naseweise Ding sich für befugt gehalten, ihr Rathschläge zu geben und die ganze Schaar sich schließlich koboldartig über die entstan⸗ dene Verwirrung gefreut. Im Verlauf der Unterrichtsstunde hatte sich die junge Lehrerin genöthigt gesehen, einige der Kecksten, welche sich bei der schüchternen, unerfahrenen„Neuen“ von vornherein möglichst viel Rechte sichern wollten, wegen Ruhestörung zu be— strafen; dieselben hatten sich indessen stracks bei der Vorsteherin be— schwert, worauf Fräulein von Tippelpunkt in die Klasse herein— gerauscht war und dem Mädchen halblaut, aber gespitzten Schüler⸗ ohren nicht unverständlich, versichert hatte, daß sie die Strafen so— fort zurücknehmen müsse, weil die Kinder sonst die Anstalt ver— lassen möchten
Und so sollte das fortgehen Jahr auf, Jahr ab, täglich sollte sie todtmüde und geärgert aus der Schule kommen, Abends noch Privatstunden ertheilen— sie kehrte soeben aus einer solchen heim — am nächsten Morgen das mühselige und wenig dankbare Tage— werk von Neuem beginnen—? Und was hatte sie dafür zu er⸗ hoffen? In einigen Jahren an eine große Anstalt lebenslang ge— kettet zu werden, eine schmale Pension zu erhalten, wenn Arbeit und Aerger sie vor der Zeit alt und krank gemacht!—
Sie seufzte, wieder irrten ihre Augen suchend in die neblige Ferne, die gerade so grau und trübe aussah wie ihre Zukunft.
Ach, sie wollte ja gern alles Schwere ertragen, gern kämpfen und ringen,— wäre nur dieses entsetzliche Sehnen und Bangen nach der fernen Heimath, dieses verzweifelte Gefühl der Oede und N Einsamkeit nicht gewesen, das sie die Nächte durchweinen ließ, dieses 9 beklemmende Heimweh, das wie ein Alp auf ihr lastete. Auf— 2


