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„Was habe ich Ihnen gethan?“ fragte der Freiherr, sie traurig anblickend.
„Herr von Oettinger!“ kam es leise von ihren erbleichenden Lippen.
„Ach das war's, ich dachte es mir,“ versetzte er.„Was doch ein Name thut!“ 8
„Er steht mit Trümmern und Thränen in den Büchern unserer Familie verzeichnet,“ entgegnete sie mit bebenden Lippen.
„Sie haben mir selbst gesagt, daß Sie mich nicht haßten!“
„Aber auch, daß ich Ihren Anblick nicht ertragen könnte!“
„Und soll denn das ewig währen?“ rief er mit warmer, fast vorwurfsvoller Stimme.„Glauben Sie, auch uns hat dieser un⸗ selige Streit Ruhe und Glück geraubt. Ich bin vor seinen Wider⸗ wärtigkeiten nach Afrika entflohen, ich habe nach meines Vaters Tode meine Heimath verlassen, die mir verleidet worden war. Glauben Sie, auch wir waren schwer gereizt und erbittert und nicht gesonnen, auch nur einen Fuß breit nachzugeben. Da sendet mir der Zufall oder eine höhere Macht hier in der fremden Stadt das arme Opfer unserer Zwietracht entgegen, das, selbst schuldlos und rein wie ein Engel, dennoch die ganze Last fremder Schuld auf seine jungen Schultern nehmen mußte, dem man Heimath und Jugend geraubt, das mit seiner weichen Seele vorzeitig in die rauhe Welt gestoßen war von den Händen streitender Männer, das sich zu Tode mühte und härmte, um eine Schuld zu zahlen, die Andere verursacht— und ich war mit Schuld an dem allen! Ich ergrimmte gegen mich selbst und nahm mir vor, gut zu machen, soweit ich könnte, und eine Versöhnung anzubahnen um jeden Preis. Wollen Sie gut und mild sein, Magdalene, wollen Sie mir dazu helfen?“
Magdalene schaute zu Boden, dann verbarg sie das Gesicht in den Händen.
„O mein Gott, wie kann ich— mein Vater, meine Mutter, meine Geschwister—.“
Er beugte sich tiefer zu ihr herab.
„Ihr Vater? Der ist, wie meiner, da droben, wo es keine Feindschaft mehr giebt, und Ihre edle Mutter, die ich schon so hoch verehrte, als ich noch ein Knabe war, sie sollte unversöhnlich sein? Es bleiben noch— Sie selbst, Ihre und meine Geschwister. Mag⸗ dalene, soll ich ein Weib vergebens bitten, mir zum milden Werk der Versöhnung hilfreiche Hand zu bieten?“
Sie reichte ihm mit gesenktem Blicke langsam die Hand hin.
„Ich will!—“
Er behielt ihre kleine Hand in der seinen. Schweigend standen sich die Beiden gegenüber wie gebannt; um diesen Bann zu brechen, fragte Magdalene:„Sind Sie nun zufrieden?“
„Ob ich zufrieden bin? Noch nicht! Aber was ich noch zu sagen hätte, würden Sie jetzt nicht verstehen. Ich will geduldig warten, Magdalene, vielleicht— vielleicht kommt einmal doch ein Frühling, der auch diese Blüthe treibt— oder verstehen Sie mich vielleicht schon jetzt?“ rief er, freudig erregt in ihreßblauen, in Thränen schwimmenden Augen blickend.„Magdalene, kann ich es glauben, willst Du mich so glücklich machen?“
Leise schlang er den Arm um sie und zog sie, kaum an sein Glück glaubend, sanft an sich. Ein Sonnenstrahl fiel aus den Wolken auf die beiden Glücklichen nieder.
„Der Vogel hatte recht,“ flüsterte sie,„der Winter schwand und kehrte nicht wieder. Wer kann die Knospen zurückhalten, wenn sie in wenigen Tagen schwellen und aufbrechen?“
„Nun denn, so blühe und glühe es, wie es in uns blüht, rings an allen Enden,“ jubelte er im Freudenrausch und drückte seine Braut an seine Brust.
Ein Verbannter.
Ich befand mich am Bord eines überseeischen Dampfers und hatte mich einigen angenehmen Reisegefährten angeschlossen. Eines Tages saßen wir plaudernd und rauchend auf Deck, als beschlossen wurde, daß jeder von uns eine Episode aus seinem Leben mittheilen sollte. Zuerst fiel das Loos auf einen älteren stämmigen Herrn, dessen ganzem Wesen und äußerer Erscheinung man es ansah, daß er es im Leben zu etwas gebracht habe, daß er aber auch mit des Lebens Kämpfen Bescheid wußte.
„Ich wurde,“ so begann unser stämmiger Freund,„vor jetzt fünfundzwanzig Jahren von einer englischen Firma nach Rußland
gesandt, um als Oberaufseher in einer Baumwollspinnerei zu fungiren. Die Firma hatte mehrere Spinnereien in Rußland errichtet und die mir angewiesene lag in Jekaterinenburg an der sibirischen Seite des Uralgebirges und inmitten der sibirischen Bergwerke. Nun überlegt es sich zwar ein Mann immer zweimal, ob er sich und seine Familie gewissermaßen freiwillig in die Verbannung schicken läßt, aber da ich in Europa nicht recht vorwärts kommen konnte, so entschloß ich mich denn auf Zureden meiner tapferen Frau, die Stellung an⸗ zutreten, vorzüglich da dieselbe uns doch die Chance bot, mit der Zeit ein kleines Vermögen zu erringen.
Unsere Hoffnung hatte uns auch nicht getäuscht. Im Laufe der Jahre war es mir gelungen, tausend Rubel zu sparen, und da die Firma von der richtigen Ansicht ausging, daß das Interesse am Geschäft nur erhöht werden könne, wenn es zugleich mit dem eigenen Interesse zusammenfällt, so wurde mir gestattet, mein Geld mit in der Spinnerei anzulegen. ö
Wir hatten uns so gemüthlich wie es ging in unserm Häuschen eingerichtet, und wenn wir nicht hier und da durch einen Transport armer Verbrecher, welcher vorbei passirte, daran erinnert worden wären, wir hätten manchmal ganz vergessen, daß wir uns inmitten Rußlands großem Staatsgefängniß befanden.
Eines Abends, als meine Frau und ich recht gemüthlich um unsern rohgezimmerten runden Tisch saßen, ich mit Abrechnungen und meine Frau mit einer Näharbeit beschäftigt, stürzte plötzlich unsere älteste Tochter Helene, welche noch einige häusliche Arbeiten in der Küche besorgte, herein, blaß wie eine Leiche und am ganzen Körper bebend. a
„Was ist geschehen?“ rief meine Frau, aufs Höchste erschrocken.
„Ach, ein entsetzliches Gesicht habe ich gesehen,“ stotterte das zum Tode erschrockene Mädchen.„Es war kein menschliches Antlitz — es hatte glühende Augen und struppige Haare und staarte zum Küchenfenster herein—“
Nun wußte ich, daß Helene keines von den sogenannten nervösen Mädchen war, die sich durch ein Nichts ins Bockshorn jagen lassen, sondern ich war sofort überzeugt, daß irgend etwas das Madel so außer Fassung gebracht haben mußte.
Ich erhob mich sofort, um nach der Ursache zu forschen, mußte aber unverrichteter Sache wieder zurückkehren, denn obgleich ich die ganze Runde ums Haus gemacht, fand sich doch nicht die geringste Spur von etwas Außergewöhnlichem vor, und wir kamen schließlich zur Ueberzeugung, daß die Phantasie unserm Mädel dieses Mal doch wohl einen Streich gespielt hatte. i
Etwas später am Abend, wir wollten gerade zur Ruhe gehen, bat ich meine Frau, mir doch eine kleine Herzstärkung aus der
Speisekammer zu holen. Sie war kaum gegangen, als sie zurückkam 5
und mir schweigend winkte, herauszukommen. Draußen flüsterte sie mir zu:„Pst, laß Helene nichts merken, damit sie nicht aufs Neue erschrickt, aber es scheint mir doch, als sei nicht alles in Ordnung. Als ich die Speisekammer betrat, hörte ich ein Geräusch am Fenster, welches aber sofort verstummte. Es war jedoch Jemand daran und hat seine Spuren hinterlassen.“
Ich folgte meiner Frau stillschweigend, aber es war jetzt nichts mehr von dem verdächtigen Geräusch zu hören. An den Fensterchen
jedoch, welches offen stand und nur durch ein paar Querstäbe geschützt 1
war, bemerkte ich, daß ein paar von den Rohrstäben verbogen waren. Ich bat meine Frau wieder ins Zimmer zu gehen und sich nichts von dem Vorgefallenen merken zu lassen, während ich mich geräuschlos hinausbegab, um mich auf die Lauer zu legen. Draußen drückte ich mich in den Schatten einer Thür, denn der Mond schien hell und ließ alle Gegenstände deutlich erkennen. Ich hatte schon eine geraume Zeit gewartet und begann bereits ungeduldig zu werden, als ich endlich einen Schatten am Hause entlang kriechen sah. Unter dem Fenster der Speisekammer machte er Halt und nie werde ich das Bild vergessen, welches sich vom hellen Mond bestrahlt meinen Blicken bot. Ein Geschöpf bis zum Skelett abgemagert, nur in ein paar ekelhafte Lumpen gekleidet, mit wirrem Haar und Bart erhob sich zitternd von der Erde und die unheimlich großen Augen, welche dem todtenbleichen abgezehrten Gesicht etwas Gespensterhaftes verliehen, bohrten sich förmlich in das Innere der Speisekammer. Ich habe schon oft Gelegenheit gehabt, hungrige Wölfe zu sehen, aber mit welch hungriger Gier sich diese Augen auf die Vorräthe in der Kammer richteten, das läßt sich
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nicht wiedergeben, meine Herren.


