Ausgabe 
27.2.1887
 
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Am nächsten Morgen fühlte er sich wie zerschlagen, Froysberg hatte eine neue Büchse bekommen, ein sehr schönes, kostbares Gewehr. Sie schossen es ein und verbrachten Stunden in sehr angenehmer Weise. Erichs Meisterschaft regte Froysberg zu lebhaftem Wetteifer an.

Für den Nachmittag hatten sie eine weitere Fahrt auf ein Vorwerk angesetzt, zugleich wollten sie eine Pastorenfamilie besuchen, bei welcher Erich als Knabe in Pension gewesen.

Sie erreichten gegen Abend das gastliche Pfarrhaus und trafen

den geistlichen Herrn eben im Talar, von einem Begräbniß kommend, vor der Pforte seines Gartens. 5 Er hatte Erich öfter seit jener Zeit wieder gesehn, erkannte ihn also sofort und begrüßte ihn wie Froysberg voll Freuden. Dann führte er die Herren zu seiner Frau und der zum Besuch gekommenen, kürzlich verheiratheten Tochter. Es wehte noch immer derselbe Hauch des Friedens und der Liebe um diese schlichten guten Menschen wie vor Jahren, und Erich, entzückt, seinen einstigen Liebling, die Tochter wiederzusehen, die er als Knabe so viel auf den Armen getragen und im Kinderwägelchen gefahren, nahm gern eine Einladung für den Abend an. Es wurde ein Spiel arrangirt. Erich zog es vor, bei den beiden Damen zu bleiben, der Oberförster im Dorfe wurde geholt. Froysberg war immer zufrieden, wenn er die Karten in der Hand hatte. Man kam aber nicht dazu sich niederzusetzen, denn ein Wagen rollte vor das Pfarrhaus, jubelnd sprang die junge Frau empor: Es ist Erna! Calanders sind es! und dann war sie schon draußen am Wagen.

Es gab ein großes Freuen und Umarmen vor der Thür, und ehe Erich Zeit gefunden, sich zu fassen und Herr zu werden über das stürmische Herzklopfen, welches ihm fast die Besinnung raubte, trat Erna Calander mit der kleinen Doktorin und ihr Vater mit dem Pastor ein. 8

Die Hausfrau war in die Küche geschlüpft, Erfrischungen zu besorgen, Exich und Froysberg fiel die Unterhaltung der neuen Gäste mit zu, und der Letztere gab sich auch vollkommen unbefangen in seiner gewohnten angenehmen Weise derselben hin. Es dauerte keine fünf Minuten, so hatten er und Fräulein Calander sehr viel von dem Bazar zu erzählen, den Froysberg ohne Erich mehrfach besucht hatte und dieser, welcher in seiner Verstimmung damals so wenig wie jetzt Interesse für denselben gehabt, erfuhr nun als stummer Zuhörer mit Erstaunen, daß Froysberg, seine Schwester Emmy und Erna Calander ganz gut bekannt waren, daß man sogar einen Besuch Emmys auf dem Sonnenstein geplant.

Was? Seine Schwester bei diesen Leuten? Ihm war, als hasse er die Calanders glühend, als werde sein Elend ihm neben ihnen viel empfindlicher und schmerzhafter noch als sonst.

Die kleine Doktorin schaute ihren alten Freund ganz erstaunt von der Seite an. 5 Wie verändert Erich von Willwarth war! Und so stumm

und steif. Erna Calander hatte einmal scheu und erröthend versucht, ihn in die Unterhaltung zu ziehn, er lehnte dies Bemühen aber

mit einer kurzen höflichen Antwort ab und sie wurde blaß, so kam es der jungen Frau vor. Bald darauf hatte Erich sich mit dem Oberförster in eine Unterhaltung vertieft, die ihn völlig in Anspruch zu nehmen schien.

Während derselben sagte er sich aber immer, daß er sich absurd benehme, daß er sich lächerlich mache. Er war wüthend auf sich und konnte doch aus dem unseligen Banne nicht heraus.

Als die Pastorin dann kam, ihre Gäste zu einem einfachen Vesperbrod zu laden, führte Erich die Doktorin zu Tisch.

Die kleine Frau sah ihn so herzlich und voll warmer Theil⸗ nahme an, es wurde ihm plötzlich ganz weich und weh zu Muthe, daß er sich auf ihre Hand beugte und sie küßte.

Sie sagte nichts, drückte ihm nur die seinige und blickte tief ernst vor sich hin wie in schweren Gedanken.

Er hätte am liebsten allein sein mögen, ein Unglücklicher wie er gehörte nicht zwischen frohe Menschen.

Nach dem Essen ging Erna Calander und die Doktorin Arm in Arm im Garten herum. Sie waren vertraute Freundinnen.

Erna Willwarth liebt Dich, ich möchte darauf schwören, er giebt sich just so steif und stöckisch wie mein Alfred damals; weißt Du noch? sagte die kleine Frau.

Er denkt nicht daran! Ich habe ihn beleidigt, tief beleidigt und er wird mir das stets nachtragen, erwiderte das junge Mädchen.

Dann erzählte es der Freundin von der Geldanleihe auf offener Straße und wie sie ihn später wiedergesehen, wie er sie im Boot gefahren. 5

Er kannte mich doch, Papa hat ihm geschrieben und gedankt; was soll es, daß er sich den Anschein gab, als hielte er mich für irgend eine Gouvernante oder dergleichen? Ich ließ mich täuschen; wenn ich es auch nicht begriff, so glaubte ich doch an die Wahrheit in seinem Benehmen und er war so ich hätte ihm gut sein können, Maria! Da auf einmal schoß mir der Gedanke durch den Kopf: es ist Alles Heuchelei! Nein, nein, zuerst ärgerte ich mich nur, daß er vor der reichen Erna Calander sich tiefer verbeugte als vor der armen Gouver ach, ich weiß nicht, ich bin ganz verwirrt. Ich fühle, daß ich ihn beleidigte und bin doch so verbittert auf ihn, daß er so heuchelte.

Erna Erich Willwarth ist alles Andere eher als ein Heuchler!

Ach, lehre mich die Menschen kennen! Tante Louise lachte laut auf und sagte auch gleich:Eine neue ganz geschickte Manier, Leimruthen zu stellen!

Tante Louise sollte sich schämen! Der arme Erich! Ist es denn unmöglich, daß er Dich für die Gouvernante der Kinder hielt?

Aber Papas Brief?

Ja so! Ich weiß nur, er heuchelt nicht. ist tief unglücklich!

Und Papa hörte, er hätte sein ganzes Vermögen an der Börse verspielt. Heute früh hat es ihm ein Agent erzählt, der bei ihm war, fuhr Erna Calander fort.

Das glaube ich nicht. Welcher Unsinn!

O, doch, sagte Erna mit tiefem Ernst.Der Mann hat viele Details gewußt. Nicht sein Geld allein auch die Schwestern, denen er ein Jahrgeld zahlen mußte, haben Alles verloren.

Aber, Kind, ein solcher Fall würde großes Aufsehen machen.

Die Familie sucht es zu vertuschen; sein Schwager, Graf Kyburg, soll auch durch diese Geschichte hart betroffen werden. Die Kyburgs haben gleich Berlin verlassen, man bedauert den Grafen allgemein, mehr noch die Gräfin. Doch hat er erzählt, ein Prinz interessire sich für Willwarth, man müsse suchen, ihn durch eine Heirath zu retten.

Erna!

Ich erzähle nur, was Papa Tante Louise anvertraut hat; er ahnt nicht, daß sie mir Alles ausgeplaudert.

Wie niedergeschlagen klang der Ton!

Erna, Erna, sie zerstört Dir jeden Glauben an die Menschheit!

O, nein! Aber freilich den Glauben, daß mich Jemand aus Liebe!

Und Erna Calander legte ihre Hand vor die Augen und zerdrückte schwere Thränen darin.

Du armes Mädchen! Wie verkehrt Du bist! flüsterte die kleine Doktorin und ein wahres Mitleid mit der Freundin überkam sie.

Als die beiden Damen später zur Gesellschaft zurückkehrten, saß Erich bei den Männern in lebhaftem Gespräch.

Er bemerkte sie nicht und redete ruhig weiter.

Es handelte sich um die Erklärung einer anscheinend harten militärischen Verordnung.

Er sprach klar und ruhig, aber Erna hörte, sein Ton zu ihr war weicher und wohlthuender gewesen.

Zufällig hob er die Blicke auf und begegnete dem ihren, sofort flog eine düstere Wolke über sein Gesicht; er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schwieg.

Ohne auch nur eine Silbe mit einander gewechselt zu haben außer den nothwendigen Höflichkeitsphrasen, trennten sie sich.

Aber der Aermste

Sage mir, hast Du mit unserm Nachbar vom Sonnenstein irgend welche unliebsame Begegnung gehabt? fragte Froysberg seinen Vetter während der Rückfahrt.

Das Fräulein ist mir so unsympathisch, wie ihr Vater, ent gegnete Erich herbe, ohne direkt zu verneinen.

Du hast Unrecht. Komm mit mir dahin, ich muß ihnen meinen Besuch machen; überzeuge Dich, daß sie höchst angenehme Leute sind, versetzte Froysberg.Du markirst ein wenig zu sehr Deine Ab neigung, unter die Zahl der Bewerber Ernas gezählt zu werden.

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