Ausgabe 
27.2.1887
 
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Du übertreibst ich singe einfach nicht mit in dem Chor der Anbeter. Uebrigens kommt es mir vor, als sähen Vater und Tochter jeden Mann im heirathsfähigen Alter für eine Nummer ihrer Wahlliste an.

Höre, Erich, Du mußt nothwendig Karlsbader trinken mit Deiner Galle steht es schlimm, lachte Froysberg.

Erich zwang sich mitzulachen, während er sein Benehmen an dem heutigen Tage einer Prüfung unterwarf. Was war es denn, was ihn veranlaßte, sich jedesmal in Calander's Gegenwart so unleidlich zu machen? Was mußte der Mann von ihm denken? Und doch fühlte er, daß er das nächste Mal nicht anders sein würde.

Rascher, als er selbst begriff, ging wieder eine Woche hin, ohne daß er in seinem qualvollen Verlangen nach irgend einem Auswege aus seiner Noth auch nur einen Schimmer von einer Aussicht ge funden. Ein Brief sollte ihn trösten:

Ich sehe ein, Deine Situation ist völlig so peinlich, wie Du sie empfindest, thu uns nur die Liebe, geduldig zu bleiben. Es ist in der That sehr viel leichter, den heroischen Entschluß zu fassen, seinem Schicksal zu stehen, als ihn auszuführen, dennoch erwarte ich dies von Dir, als den einzigen Liebeslohn, den Deine Tante und ich jemals beanspruchen werden, schrieb der General.

Ach, das war Alles wahr und gut und so voll zarter Liebe aber inzwischen wurde für ihn dies Leben eine Hölle. Sein Geld war zu Ende, von wem sollte er borgen? Und wie zurückzahlen? Und wie leben als Gentleman zwischen all diesen reichen Leuten?

Warte! warte! hieß es. Geschehen etwa noch Zeichen und Wunder?

Und um das Maaß des Elends, der Tollheit zu füllen, er liebte diese Erna die kleine Bonne. Sie stand Tag und Nacht vor seiner Seele, der leidenschaftliche Wunsch, sie in dem Thürmchen wieder zu sehen, einmal mit ihr zu sprechen, erfüllte ihn. Und da gegen haßte er die Andere, die reiche Erna, die ihn so erschrocken, so mißachtend angesehn. Er hätte sie beleidigen mögen, so recht tief und tödtlich kränken, um ihr heimzuzahlen, und doch war er dazu eben zu sehr ein Mann.

Als Froysberg ihn aufforderte, ja dringend bat, mit ihm nach dem Sonnenstein zu kommen, lehnte er schroff ab, und als sein Vetter ihn drängte, mußte wieder das Kopfweh als Entschuldigung dienen.

Froysberg ging verstimmt, und Erich blieb noch verstimmter zurück.

Erna's kleines Buch verließ ihn nicht mehr. Wie ein Thor hatte er es hundertmal heimlich geküßt, heute schlug er es auf und las:

»Mourons, puisqu'il n'y a point pour nous de place au ban- quet des vivants le

Ja, sterben! sterben! Es gab für ihn keinen Platz mehr an der Festtafel der Lebenden.

Welch ein Thor er gewesen war, sich zum Gefangenen auf Ehren wort zu machen in diesem furchtbaren Gefängniß!

Immer wieder kam er zurück auf das Eine:Wenn ich nur arbeiten könnte.

O, wie bitter er lachte.

Diringer hatte sich frei gemacht und kam ihn zu besuchen. Der Aermste war nicht weniger niedergeschlagen, als er selbst. Die Stelle, welche der General für Erich gehofft, war vergeben an einen Andern natürlich! und die Aussichten Diringers hatten sich ebensowenig erfüllt.

Du sollst nur nicht den Kopf verlieren, hat der Prinz abermals betont, man werde an Dich denken.

Erich zuckte die Achseln und lachte in unbeschreiblich bitterem Hohn. Dennoch brachte ihm der Freund eine gewisse Erleichterung. Einer von Erich's Kameraden schickte eine ziemliche Summe, die er Erich schuldete.

Gott sei Dank! Welch furchtbares Gefühl, kein Geld zu haben! rief er erleichtert.

Aber Du brauchtest doch nur ein Wort zu sagen. Ich begreife nicht, daß ich nicht daran dachte! rief Diringer.

Und zurückzahlen? fragte Erich mit einem Ausdruck, der dem Andern Schweigen auferlegte.

Emmy ist seit einiger Zeit mit ihrer neuen Freundin ein Herz und eine Seele; es ist die reiche Calander hier aus der Nähe. Sie wird die Leute besuchen, erzählte Diringer.

Dann reise ich ab, irgend wohin. Ich will mit den Leuten nichts zu thun haben, fuhr Erich auf. 8

Erstaunt sah der Hauptmann ihn an. 8

Ich kann das geldstolze Volk nicht leiden, setzte Erich unter dem fragenden Blicke desselben hinzu. s

Emmy schwärmt aber gradezu für die Tochter, wie für den Vater! wandte der Letztere ein.

»A la bonne heure! über den Geschmack ist nicht zu streiten.

Und dabei nahm Erich von Willwarth das kleine Buch vom Rasen auf, wo es noch lag, seit Diringer ihn hier gestört. Zäͤrtlich strich er mit der Hand darüber hin und steckte es in seine Brusttasche.

Sie besprachen dann mancherlei. Erich's Pferde sollten ver kauft werden das gab ihm wenigstens vor der Hand die Mittel zu existiren. Diringer und Theo hatten seine Einrichtung inventarisirt ein Althändler bot ziemlich viel dafür. Ihm war zu Muthe, als zerrisse man ihm das Herz, aber es mußte sein! Fort mit der Sen timentalität, alle diese Dinge waren ihm gleichgültig gewesen, bis bis er sie verlieren sollte.

Du hast Froysberg noch nichts gesagt? fragte der Hauptmann.

Kein Wort. Ich ertrüge es nicht, als armer Vetter bei ihm zu sein. Er ist gutmüthig, er würde mir sein Geld aufdrängen und mich auf alle Weise verpflichten wollen, aus reiner Freude am Geben!

Also ein guter Kerl ist er? Das freut mich um so mehr, als er sich nach meiner und Theo's Ueberzeugung um Emmy bewirbt. Erich erschrak; ihm fiel jenes: cherche la femme von Birkner

Diringer sah seine Bedenklichkeit. Erzählen wollte er nichts; es' widerstrebte ihm, über seinen Gast geber zu Gericht zu sitzen. i

Froysberg hatte unterdeß seinen Nachmittag in angenehmster Weise verlebt. Dennoch war er sehr ernst gestimmt, als er Abschied vom Sonnenstein nahm. Sollte das Unglaubliche wahr sein? Sollte Erich wirklich sein eignes und das Vermögen seiner Schwestern ver spielt haben? Daher wohl seine Verstimmung, sein stetes Bemühen, sich heiter zu zeigen, wo doch Jeder den grüblerischen Ernst merkte?

Ein Gutsbesitzer, der Vater jener Kinder, welche Erna's Ge sellschaft im Thürmchen bildeten, hatte Froysberg darüber befragt und dem nichts Ahnenden endlich Alles erzählt, was man in der Stadt über seinen Vetter flüsterte. 3

ein.

Erich von Willwarth hatte schlecht geschlafen und in der frühen Morgenstunde sich auf's Pferd geworfen, um sich Ruhe zu erreiten. Das war ihm auch theilweise gelungen, um so unangenehmer fühlte er sich aber überrascht, als bei seiner Heimkehr eine der Dienerinnen im Schlosse, ein blutjunges, zierliches Blondköpfchen, ihm blaß und aufgeregt an seiner Thür entgegentrat und ihn bat, sie anzuhören.

Auf dem Korridor blieb er stehen.So reden Sie, Kind was wollen Sie denn von mir? Jetzt erkannte er sie, sie war das Liebchen des Stallknechts, der jetzt bei Calander diente.

Das Mädchen bat ihn flehentlich, bei dem gnädigen Herrn ihre Entlassung zu erwirken. Weil der Verwalter ihr auf wiederholtes Ansuchen erklärt, der gnädige Herr wolle nichts davon wissen und weil der Fritz vor Eifersucht wie verrückt sei, wende sie sich an den Herrn Baron von Willwarth.

So, so! Jetzt verstand er das Mädchen.

Die Bitte war ihm nicht angenehm, aber jenes Mitleid mit dem mißhandelten Burschen wachte in ihm wieder auf und besiegte seine Abneigung, sich in des Vetters Angelegenheiten zu mischen zudem der Bursch liebte das hübsche Kind. Erich von Will warth verstand seine Gefühle und mußte selbst lächeln, daß er sich zum Beschützer dieser Liebe aufwarf.

Er schickte das Mädchen fort mit dem Trost, daß er versuchen

wolle, etwas für sie zu thun.

Ach der Herr Baron war so gut. Der Fritz hatte es damals gleich gesagt, daß der Herr Baron zu ihm gesprochen, wie wenn er sein Bruder wäre, so sanft und freundlich. Ja, der Fritz ließ sein Leben auch für den Herrn Baron!

Als Froysberg spät am Morgen sichtbar wurde, nahmen die beiden Vettern das Frühstück gemeinsam ein; für Erich war es schon das zweite, er lachte seinen verschlasenen Vetter aus. Dieser war in eigenthümlich wechselnder Stimmung, bald heiter und freundlich, bald ernst und forschend.

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