Ausgabe 
27.2.1887
 
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Das freundliche Entgegenkommen des alten Herrn fand bei Erich von Willwarth keineswegs das so natürliche Echo.

Steif, hochmüthig, schweigsam, erregte er offenbar das geheime Verwundern seiner drei Tischgenossen. Calander's Blicke streiften in heimlichem Forschen sein Gesicht. Er fühlte das, fühlte, daß er sich im ungünstigsten Lichte, in dem eines hochmüthigen Aristokraten zeigte. Das verstimmte ihn nun noch mehr, trieb ihn aber noch tiefer in die falsche Stellung hinein. Unterdeß erkundigten sich die Andern nach Fräulein Calander's Befinden und zeigten für die junge Dame lebhaftes Interesse.

Calander war gekommen, Froysberg nach einem Stallknecht zu fragen, welcher in dessen Diensten stand, und der sich ihm angeboten.

Froysberg erröthete, griff aber mit Lebhaftigkeit nach der günstigen Chance für den jungen Mann und lobte dessen Tüchtigkeit.

Erst aus dem Laufe der Unterhaltung errieth Erich, daß der Belobte der am Morgen so unbarmherzig Geprügelte war. Froysberg sagte keine Silbe davon und empfahl den Burschen für die bessere und verantwortlichere Stellung.

Die beiden andern Herren interessirten sich für den Gesprächs gegenstand nicht und redeten von Pferden.

Erich allein sah, wie Froysberg's Augen ihn verlegen vermieden, die unangenehme Empfindung, die ihm am Morgen schon gekommen, verstärkte sich durch diese Art und Weise seines Vetters. Er fühlte sich ziemlich überrascht, einer neuen Seite in dessen Wesen gegenüber⸗ zustehn, einer ihm höchst unsympathischen.

Sie redeten dann eine Weile vonElfe.

Herr Calander brach bald wieder auf.

Ich hoffe, daß wir Sie bei uns sehn werden, Herr von Willwarth, sagte er, ihm die Hand bietend beim Abschiede.

Eine stumme Verbeugung, die weder Nein noch Ja sagte, war die Antwort.

Ueberrascht und verletzt wandte Calander sich ab. Die andern Herren begleiteten ihn an seinen Wagen, sie waren sämmtlich näher mit ihm bekannt und überhäuften ihn mit all den Artigkeiten, die junge Leute einem älteren Manne so gut erweisen können. Erich blieb im Speisesaale zurück und sah von dort einen Augenblick herab auf die sehr schöne Equipage des reichen Mannes. Wagen, Pferde, Livree Alles mustergültig und von einer schlichten Gediegenheit, die bei demGeldprotz, wie Erich in seiner heimlichen Verbitterung alles nannte, was Calander hieß, allerdings überraschend erschien.

Sobald Herr Calander an den Wagen trat, wich Erich Willwarth zurück, und als die Andern wieder kamen, saß er ruhig an seinem Platze, als wäre er nie davon aufgestanden.

So ein Heimtücker! Kennt Erna Calander, hat ihr einen Ritterdienst erweisen können und sagt davon kein Wort! fuhr sein Vetter auf ihn los. i

Birkner war hellsehender gewesen.

Hast Du Unannehmlichkeiten mit Calander gehabt? Du ließest sein Entgegenkommen etwas stark an Dir abtröpfeln, fragte er.

Sie kennen Fräulein Calander, Herr von Willwarth, ich ge stehe ich würde sehr glücklich gewesen sein, wenn ihr Vater mich so eingeladen.

Hast Du sie denn in Berlin öfter gesehen? Wohl gar mit ihr getanzt? Ah wohl gar einSchwarm?Und der Alte invitirt ihn, man kommt ihm mit offenen Armen entgegen. So stürmten die Fragen auf ihn ein.

Bitte, echauffiren sich die Herren nicht. Ich bin Fräulein Calander völlig gleichgültig, wie sie mir und was die Ehre einer Einladung nach dem Sonnenstein betrifft, so bin ich leider zu be schränkt, um sie würdigen zu können, sagte Erich von Willwarth mit anscheinendem Gleichmuth, die Asche von seiner Cigarre stäubend.

Aber Du kennst sie doch, rief Froysberg.

Ich habe die Ehre. Es liegt natürlich an meiner mangelnden Begabung, daß ich die Bewunderung der Millionärstochter nicht theilen kann. Bitte sehr, mein hochgeschätzter Herr, wandte sich Erich dem Kollegen Birkners zu.Ihr vielsagender Blick täuscht sich. Fräulein Calander hat mir keinen der zahllosen Körbe gegeben, die sie austheilen soll. Ich hatte ein einziges Mal die Ehre, mit ihr zu sprechen und bin geschmacklos genug gewesen, sie Nun, ich finde das Protzenthum in seiner Naivetät viel erträglicher, als mit dem Raffinement der noblen Scklichtheit.

Stumm vor Staunen sahen die drei Herren ihn an.

Na da schlage! für Deine Menschenkenntniß hast Du hoffentlich nicht viel ausgegeben! rief Birkner endlich.

Sein Kollege schien von Erich'sHochmuth gradezu empört.

Froysberg lachte.

Talmi! Talmi! meint er, nichts als Talmi! Das sieht dem Berliner zu ähnlich! Au contraire, mein Junge. Die Calander haben eine solche Furcht, für Protzen zu gelten, daß sie ihre echte

Einfachheit ein ganz klein wenig zu stark auftragen.

Um sie zu kennen, muß man sie in ihrem Hause sehen, Willwarth! setzte Birkner hinzu.

Wie viel Lärm um nichts. Es ist mir wirklich mehr als gleichgültig, wie sie sind oder scheinen. Ich bin jeder Zeit bereit, meine Ansicht zu korrigiren, wenn Sie es zu Ihrer Beruhigung nöthig halten, bis dahin Friede mit Fräulein Calander und ihrer Million! hatte Erich halb zu Froysberg und Birkner gesagt.

Da lag doch irgend etwas vor, irgend eine ärgerliche Erinnerung, das ließen sich jene nicht ausreden.

Später am Abend, es waren noch einige andere Herren ge kommen und man spielte, trotz des köstlichen Sommerabends, hier zu hohen Sätzen konnte Erich von Willwarth es nicht mehr aushalten. Er entfernte sich unter dem Vorwande unerträglicher Kopfschmerzen und seine Blässe, seine Verstimmung machten dies glaublich genug. Er ging in den Park und suchte die einsamsten Wege auf. Jeder Ton der Menschenstimmen reizte ihn heute wie ein Nadelstich, und laut aufstöhnend warf er sich zuletzt auf eine Bank, um vor sich hinzustarren.

In sein Denken, welches unbewußt nach und nach zu weichem schmerzlichen Träumen wurde, zu einem heißen Zurücksehnen nach den Morgenstunden mit Erna, fiel störend ein erregtes Sprechen und ein schmerzliches Weinen ganz in seiner Nähe.

Er horchte auf, dann beugte er sich seitwärts, der Stimme entgegen.

Da standen sie: ein Bursch derselbe, den Froysberg geschlagen, und ein junges hübsches Mädchen.

Fritz, so glaube es doch, ich habe es nicht gethan, ich habe nicht einmal gewußt, daß er nach mir hinsah, wie sollt ich ihm zu gelacht haben? Ich kann ihn nicht leiden, Du weißt es ja, und wenn er nicht selbst gekommen wäre, mich für's Schloß zu miethen, so hätt' ich längst einen Platz in Berlin.

Ich bringe ihn um, ich schlage ihn todt! Alles, was er mir heute gethan hat, soll er büßen! knirschte der junge Mensch.

Und uns machst Du unglücklich, wirst es schon dahin bringen, daß sie Dich in's Gefängniß werfen; dann hast Du Deinen Willen, und was aus mir wird, das ist Dir ja einerlei, zürnte das Mädchen..

So thue mir's zu Willen, geh morgen früh zum Verwalter hinein und kündige den Dienst. Der Herr muß Dich ziehen lassen, wenn Deine vier Wochen um sind. Ich kriege eine Stelle auf dem Sonnenstein, der Herr Calander will mich, Johann hat es beim Aufwarten gehört.

Erich von Willwarth lauschte nicht länger, ihm war die Wuth des Burschen viel begreiflicher, als sein widerstandsloses Ertragen der Schläge. 1

Die beiden Liebenden hatten sich geeinigt; er sah sie später Arm in Arm zärtlich flüsternd noch einmal.

Als er auf seinem Zimmer ankam, lag Erna's kleines Buch auf seinem Tische. Der Diener hatte es aus der Rocktasche genommen und neben das Zigarrenetui gelegt. Wieder stand sie vor seiner Seele, wie sie ihn angesehen mit den lieben braunen Augen, als sie ihm das Buch lobte. Er legte sich in's Bett und las.

Es war die Sprache einer kindlich reinen Seele.

Zuerst fand er den Inhalt schulmeisterlich lehrhaft, dann begann Einzelnes ihn zu fesseln, und endlich las er mit Eifer, es war ihm, als thue er einen Blick in Ernas Seele.

O, wie begreiflich, daß sie die Maummonsanbeter verachtete.

Aber hatte sie das Recht des Mißtrauens, des Argwohns? Durfte sie gleich so auf den Anschein hin Jeden in diese Kategorie stellen?

Und wenn sie nun gar geahnt hätte, wie es um ihn stand, daß eine reiche Heirath allein ihn vom Untergange retten konnte?

Da war das ganze Heer der Dämonen wieder, die ihm den Schlaf raubten, sich auf seine Brust wälzten und sein Blut bis zur Raserei erhitzten.

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