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zu den
Oberhessischen UMachrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Nr. 9.
Gießen, den 27. Februar.
1887.
Erna.
Novelle von L. Haidheim. Gortsetzung.)
Als Erich sich dem Schlosse näherte, hörte er die laute, zornerfüllte Stimme seines Vetters auf dem Hofe erschallen und dazwischen ein gellendes Schmerzgeschrei.
Was hieß das? Das klang ja wie— Wahrhaftig, Froysberg prügelte einen jungen Menschen, den er am Kragen festhielt. Er schlug ihn mit einer Wuth und Heftigkeit, die ihn gar nicht darauf achten ließ, wohin er traf, und die Peitsche hatte er umgekehrt, so daß der letzte Schlag, der dem Kopf des hübschen Burschen galt, förmlich krachte.
„Froysberg! Froysberg!“ rief Erich von Willwarth. In dem⸗ selben Augenblick ritten ein paar Herren, die zum Besuch kamen, durch das offene Thor.
Der Gutsherr hörte es und sah auf.
Den Gezüchtigten schleuderte er nach der einen Seite, wo derselbe blutend und heulend auf den Rasen niederstürzte, die Peitsche warf er nach der andern; keuchend, roth von der Anstrengung und Wuth, ging er seinen Gästen entgegen. N
Erich von Willwarth beugte sich über den ganz Zerschlagenen. Eine unbeschreibliche Empörung gegen seinen Vetter erfüllte ihn. Mochte der Bursche gethan haben was immer— sein Herr sollte sich nicht selbst zum Büttel machen.
„Steh auf, geh, leg Dich zu Bett, wenn Du das Blut ab— gewaschen hast, morgen fühlst Du nichts mehr davon!“ sagte er mit ermuthigendem Tone und half dem an allen Gliedern zitternden Jungen auf die Füße.
„Danke, gnädiger Herr!“ schluchzte dieser und Thränen brachen stromweise aus seinen Augen.
„Na, geh nur, geh nur! Ich werde Dir eine der Mägde schicken, daß sie Dir kalte Wasserumschläge macht!“
„Ach, gnädiger Herr, nur nicht die Kathrin! Sonst— sonst—.“
Erich hörte nicht, was der junge Mensch noch sagte. Er ging in das Schloß, noch immer entrüstet über seines Vetters ungeahnte Rohheit und sehr unlustig, dessen Gäste zu begrüßen.
Einer derselben, Assessor Birkner vom nächsten Landgericht, kam ihm schon entgegen; sie waren alte Bekannte, Erich freute sich nun doch ihn wiederzusehen. Herzlich schüttelten sie sich die Hände.
„Wir störten rechtzeitig eine von Froysbergs Exekutionen,“ sagte Birkner.„Er ist gegangen sich umzuziehen, es scheint ein hartes Stück Arbeit gewesen zu sein.“
Aus seinen Worten klang dieselbe Verurtheilung, die Erich für dies Verfahren hatte. 5
„Ich erlebe eine solche Scene hier zum ersten Mal.— Du scheinst meinem Vetter mehr davon zuzuschreiben, eine Wiederholung würde mich sofort von hier vertreiben!“ sagte er erregt.
„Ja, Du lieber Gott, morgen drückt er dem Burschen zehn Thaler
in die Hand und der küßt ihm den Rock dafür. Das ist Froysbergs Art!— Ungezügelte Heftigkeit, nachher Reue. Wie viel Strafe hat er wohl schon zahlen müssen für solche Ueberschreitungen! Er ist bei seinen Leuten freilich auch nicht beliebt, aber er zahlt eben freigebig, darum fehlt es ihm auch nie an Arbeitern.“
„Bis jetzt sah und hörte ich nichts dergleichen. Er ist ein ver⸗ gnügter, gutmüthiger Mensch,“ meinte Erich.
„Ist er auch, meist sind's Frauenzimmergeschichten. Cherches⸗ la femme! würde ich hier auch rathen.“
„Weiser Kadi!“ Erich wunderte sich im Stillen, auch davon hatte er bis jetzt nie etwas bemerkt. Gegen Froysberg sagte er nachher kein Wort darüber, hatte Birkner Recht mit dem„Suchet die Frau,“ so war strengste Zurückhaltung seine Pflicht.
Der Kollege Birkners erwies sich als ein sehr heiterer Gesellschafter. Die Herren kamen nicht aus dem Lachen und selbst Erich vergaß für Stunden die Eindrücke des Morgens.
Später als sie beim Wein saßen, erzählte Birkner, gegen Froysberg gewendet:„Die Sonnensteiner Herrschaften sind auch seit einigen Tagen wieder da.“
„Weiß schon. Der Thierarzt erzählte es mir, Calander's„Elfe“ lahmt.“—
„Was, die Elfe? Sie war ja für das große Rennen eingeschrieben!“
Die drei Herren sprachen eine Weile von dem Pferd. Calander mußte es zurückziehn, es war vielleicht für immer invalid.„Wie kam das?“ Bei dieser Gelegenheit schien es Froysberg an der Zeit, seine Heftigkeit gegen den Stallburschen zu erklären.
Er that dies zumeist gegen Erich gewendet.
„Ich hatte dem Esel verboten—“
Was er verboten hatte, kam nicht zur Sprache, denn„Herr Calander“ wurde gemeldet.
Erich von Willwarth fühlte sich versucht, aufzuspringen und das Zimmer in möglichster Eile zu verlassen; eine Hitze, ein Aerger kochten in ihm auf, schärfer noch, als da Erna Calander ihn am Morgen so schroff entlassen.
Herr Calander, ein kleiner, unbedeutend erscheinender Herr von jener Respektabilität des Aussehens, welche man an den Handelsherren der Hansastädte so oft findet, wurde von den drei jungen Männern mit großer Lebhaftigkeit und Verbindlichkeit empfangen und erwiderte dieselbe jovial, aber immer mit einer Reserve, die seinem Alter wohl anstand.
Erich wurde vorgestellt.
„Ah, ah, habe schon die Ehre— durch meine Tochter!“—
Und den aufhorchenden jungen Herren erzählte Calander die Geschichte von Erna's Geldverlegenheit.
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