Ausgabe 
26.6.1887
 
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Aber die Menschen verwechseln stets die Person mit der Sache. In

ihren Augen bin und bleibe ich das Weib des Zuchthäuslers!

Und als ob aus dem letzten Wort eine dämonische Gewalt her vorströmte, sprang sie von ihrem Sitze auf und eilte fort.

Am Nachmittag erhielt Berger folgende Zeilen von ihr:Aus Rücksicht für mich und mein unverschuldetes Leid betrachten Sie mich während dieser letzten beiden Tage, welche wir noch gemeinschaftlich in Germenau zubringen, als eine Kranke, die Anspruch auf Schonung hat. Ich bitte Sie dringend darum!

I Es war ein herrlicher Sommersonntag, als zur bestimmten Stunde die Wagen vor dem Lindenhause anfuhren, freudig begrüßt von den beiden, ganz gleich in weiße Gewänder gekleideten jungen Mädchen. Beide hielten zierlich geflochtene Körbchen in den Händen, bis an den Rand mit Lindenblüthensträußchen gefüllt,den Zeichen

ihres Standes. Jeder Einzelne, welcher aus der Thür hervortrat,

ward mit einem solchen geschmückt, und Jeder ließ sich diese duftige Dekoration sehr gern gefallen. Henny und Ilda waren bereits an Brust und Hüten reichlich damit versehen und Erstere strahlte vor Entzücken, als Herr von Valingen die ihm dargereichte Gabe durch aus von ihr selbst in seinem Knopfloch befestigt zu haben wünschte.

Erna's Erscheinen freilich gab Henny einen Stich durch das überfrohe Herz, um so mehr, als der Baron mit achtungsvoller Wärme die ihm dargereichte Hand der jungen Frau an seine Lippen drückte, wobei seine Blicke den nicht weit entfernt stehenden Assessor fragend streiften. Dieser sah bleich und abgespannt aus.

Erwarten Sie noch Jemand? fragte die Baronin freundlich, als er ihr den Arm reichte, sie an den Wagen zu geleiten.

Es ist mir verdrießlich, daß der Zug sich gerade heute um eine Stunde verspäten muß, erwiderte er, sie in die Kissen hebend. Der Bahnkörper ist durch einen kleinen Bergrutsch unpassirbar ge worden. So geht's aber zumeist, wenn man ungeduldig wird.

Herr von Satrup führte Erna, die in ihrem schwarzen duftigen Gewande und dem schwarzen Spitzenhütchen auf dem dunkelblonden Haare unendlich reizvoll aussah, an den Platz neben Frau von Valingen, welcher gegenüber er sich selbst niederließ, während die jungen Mädchen flink wie die Schnetterlinge in den nachfolgenden Wagen hüpften, von Berger und Valingen gefolgt.

Los! Los! rief Henny, ihre blaßrosa Handschuhe lebhaft an einanderschlagend.Ach, nur erst fort! Nicht wahr, Herzensilda?

Diese nickte sehr einverstanden.Wenn wir oben im Schloß nur recht viel Schönes zu sehen bekommen!

Die Kunstsammlungen sind bedeutend. Insbesondere sind Park und Gartenanlagen sehenswerth, versicherte Berger.

Jetzt! Jetzt! jubelte Henny.Adieu, Germenau!

Die Pferde zogen an, und unter allgemeiner Heiterkeit und in bester Stimmung setzte sich der kleine Zug in Bewegung. Die Fahrt ging mitten durchs blühende Gefilde immer langsam bergauf. Ueberall lagen an smaragdgrünen Abhängen weißschimmernde Dörfer weithin verstreut, zwischen welchen der Fluß sich in malerischen Krümmungen fort und fort durchwand. Der Himmel leuchtete gol dige Bläue und über den Triften schwebte erfrischende Kühle daher. Alles war so schön, so reich geschmückt von der Natur, als ob sie

ein Fest zu feiern gedachte; selbst die Menschen, welche den Wagen

grüßend vorübergingen, erschienen der glücklichen Henny wie Tänzer und Tänzerinnen, die zur fröhlichen Kirchweih auszogen, zu Spiel und Lust.

Und dann war das Wirthshaus am Fuß des Schloßberges er reicht. Ein luftiges Schweizerhäuschen. Hier sollte Kaffee getrunken und dann erst das Schloß besichtigt werden. Wie köstlich saß es sich in der schattigen Nußlaube! Ilda begann förmlich zu schwärmen. Vergessen war der kecke aufdringliche Fremdling, sie sah ihn im Geiste sich ihr ehrfurchtsvoll nähern. Gewiß, wenn er den guten Anstand wahrte, mußte er noch dreimal so vortheilhaft erscheinen.

Endlich hatte Herr von Satrup seine zweite Tasse mit gewohnter Umständlichkeit geleert und Erna auf das fragende Kopfneigen der

Baronin sich bejahend erhoben; endlich hatte auch Henny darein

gewilligt, ein Tuch für alle Fälle über den Arm zu legen und nun konnte die Wanderung beginnen. Paarweise gingen sie hinauf. Voran die jungen Mädchen Arm in Arm, ihnen nach Erna Stein⸗

bach neben Herrn von Valingen, sodann die Baronin zwischen dem Geheimrath und Reinhard Berger.

Vor dem Eingang des Schlosses zeigte sich eine breite überbaute Einfahrt. Das Gebäude selbst ragte mit seinen zierlichen Thürmchen und blitzenden Spiegelscheiben wie ein Märchengebilde in den klaren Sommernachmittag hinein.

Ich werde den Verwalter aufsuchen, sagte Berger.Die Oertlichkeit ist mir bekannt. Gleich darauf kehrte er mit diesem und der überraschenden Nachricht zurück, daß der junge Fürst Alexander anwesend sei.

Der Fürst wünscht aber, daß alle Herrschaften in der Besich tigung des Schlosses in keiner Weise beeinträchtigt werden. Also bitte, einzutreten! Durchlaucht sind in ihrem Arbeitszimmer. Nur dieses und die angrenzenden Wohngemächer des Parterre hat der Fürst sich ausschließlich vorbehalten.

Wie interessant! flüsterte Henny ihrer Freundin zu, einen kleinen Streifkuß auf deren Wange drückend.Er ist da! Ach, Ilda, dieser Tag wäre ideal schön, wenn Erna Steinbach zu Hause geblieben wäre! Aber so komme doch schneller, die Anderen gehen ja fort. Ob der junge Fürst wohl ebenso bezaubernd aussieht, wie den Nachsatz verschluckend, sprang sie hinter ihrer Pflege mutter her in das hohe, helle Treppenhaus hinein, von welchem glänzende Marmorstufen in die Räume der oberen Etage führten. Der Assessor vermied es, bei der nun folgenden eingehenden Be⸗ sichtigung aufgestapelter Seltenheiten und vortrefflicher Gemälde in Erna's Nähe zu kommen, nur als die ganze Gesellschaft, vom Kastellan geführt, an ein breites Eckfenster trat, um einen Rund⸗ blick in die paradiesisch schöne Umgebung zu gewinnen, trat er dicht neben sie und erfaßte ihre herabhängende Hand. Sie sah tief er röthend auf, erwiderte aber seinen Druck in nichts.

Die farbenprächtigen Gartenanlagen, künstlerisch erdacht und sorgfältig erhalten, entlockten Henny laute Freudenrufe. Die Spring: brunnen, die Statuen und vollends die Ruheplätzchen, welche überall die schönste Fernsicht gestatteten, entzückten sie ganz und gar. Hier in gesicherten Grenzen erhielten beide Mädchen gern Erlaubniß, sich frei umherzutummeln, und so kam es, daß Henny einigen zahmen Rehen nachsprang, während Ilda sich von einer Muschelgrotte un widerstehlich angezogen fühlte.

Diese lag ganz wundersam versteckt zwischen Kletterrosen, deren rothe und weiße Blüthenranken wie Gardinen an beiden Seiten des Eingangs niederhingen und aufgerafft waren.

Ilda trat ein. Oh, wie dämmerig war es hier nach dem flim⸗ mernden Sonnenlicht draußen. Und wie süß duftete es hier in dieser schattigen Kühle! Mit glückseligem Behagen hielt sie Umschau in diesem kleinen Feenreich... als plötzlich ein Schrei über ihre Lippen drang.

Niemand anders als der gefürchtete und doch ersehnte Fremdling mit der brennenden Cigarre diesmal jedoch ohne dieselbe er⸗ hob sich von dem Eckdivan und trat ihr schnell, fast den Weg ver⸗ sperrend, entgegen.Finde ich Sie endlich wieder, meine Er stockte.Was thun Sie hier auf Schloß Farrendorf?

Ilda fühlte, wie alles Blut nach ihrem Herzen strömte. Gott, wenn grade jetzt die Anderen herbeikamen!Ich ah, ich bitte, lassen Sie mich! flehte sie mit zitternder Stimme.Sprechen Sie nicht mehr zu mir, nie mehr

Weshalb denn nicht? fragte er, näher hinzutretend.Weshalb flohen Sie eigentlich neulich so erschreckt von hinnen? Ich wollte Ihnen ja nur mittheilen, daß ich eine ganz vortreffliche Stellung für Sie ausfindig gemacht habe.

Es ist ja Alles unwahr! stieß sie erregt hervor.

Unwahr? fragte er, sie mit heißer Bewunderung betrachtend. Ich sage Ihnen, es ist nicht unwahr! Und hier ist Ihr Armband. Ich denke wenigstens, es gehört Ihnen?

Ilda griff in Verzweiflung danach aber mit dem Reifen hielt der Fremde jetzt ihre schlanke Hand fest.Schönes, schönstes Mädchen

Es klang ihr trotz Scham und Zorn etwas unendlich Süßes aus diesen Worten in's Herz.Geben Sie mir mein Eigenthum und dann.... o Himmel, o Himmel, dort! Sie vollendete nicht, sondern stürzte aus der Grotte fort, dem eben um die Ecke biegenden Baron entgegen.

Nun, was fragte Herr von Valingen betroffen und er staunt, als er das junge Mädchen so sichtlich verwirrt sah, während seine Mutter Ilda's heiße Wangen streichelte.