Ausgabe 
26.6.1887
 
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seinem väterlichen Urtheilsspruch durch Henny's jetziges Leiden als kompensirt zu betrachten.

Wie geisterhaft ruhte draußen der Mondschein auf den schwarz⸗ bewaldeten Bergen, wie filberhell rieselte dort unten der Fluß in dieser zauberischen Beleuchtung hin. Sein Rauschen drang weithin durch die stille Nacht, auch Gebhard von Valingen hörte es und gedachte eines Tages, wo er Henny mit Gewalt davon hatte ab⸗ halten müssen, auf den verstreut liegenden Steinen über das Wasser zu schreiten.

Wie? Hatte Henny nicht soeben seinen Namen gerufen? Der Baron trat vom Fenster fort an die Thür und lauschte.

Gebhard!

Er trat schnell ein. Das Nachtlämpchen flimmerte auf dem Tisch und warf ein mattes Dämmern über die weichen Kissen, in welchen Henny ruhte.

Was möchtest Du? fragte er leise, näherschreitend.

Sie antwortete nicht.

Er trat an ihr Lager und beugte sich tief über ihr schlummerndes Haupt.Henny! flüsterte er leise.

Sie schlief unruhig und sichtlich von Träumen bewegt fort. Ihr rechter Arm lag unter dem gelockten, halbgelösten Haar, während die linke Hand auf der Bettdecke ruhte. Noch röthete schwache Fieber gluth ihre Wangen und ließ den kleinen, rothen Mund wie eine Kirsche glühen, aber es lag über dem lieblichen Antlitz doch schon wieder ein gesunder Lebenshauch, besonders jetzt, wo Henny im Schlaf hell auflachte.

Der Baron, welcher ein ähnliches Bild süßer Unschuld und An⸗ muth nie gesehen, konnte sich so schnell nicht wieder aus seiner ge⸗ beugten Stellung aufrichten. Da hörte er sie plötzlich rasch hinter⸗ einander flüstern:Weil ich ihn so lieb habe, Mama! Zum Sterben lieb! N

Tief bewegt lauschte er diesem Bekenntniß. Aber jetzt zuckten Henny's Finger heftig wie im Schmerz zusammen.Nicht Erna, Gebhard ich kann nicht nein, nein! stieß sie laut hervor, und aus den geschlossenen Wimpern drängte sich ein heißes Tropfenpaar.

Nie, Henny, nie! murmelte er leise, und seine Rechte legte sich unwillkürlich wie zum Gelöbniß auf die ihre.

Es war, als ströme aus dieser sanften Berührung Frieden und Ruhe in ihr traumgeängstigtes Herz. Henny athmete ein paar Mal tief, fast beglückt auf, während sie das blonde Haupt völlig zur Seite wandte, um alsbald in einen festen, gesunden Schlaf zu versinken.

Der folgende Morgen fand sie nahezu in alter Frische und Ge⸗ sundheit. Im Andenken an ihre letzte Unterredung mit Gebhard sträubte sie sich anfangs heftig, ihm gegenüber zu treten, und erst nachdem die Baronin zum Oefteren versichert hatte, daß ihr Sohn

nur noch friedliche Gesinnungen hege, entschloß sich Henny, das

schwere Wagniß zu bestehen. Schüchtern trat sie dem Baron ent⸗ gegen und eine jungfräuliche Scham verschönte ihre Reize doppelt und dreifach bei diesem ersten Wiedersehen.

Auch Valingen fand sich nicht so leicht als gewöhnlich und bei weitem nicht mit seiner gewohnten Sicherheit mit dieser Situation ab. Auch er hielt die Blicke fragend, gleich wie sie die ihren auf ihn, auf Henny's blaue Augen gerichtet, und als sie bittend sagte: Ich meinte es ja nicht böse mit unserer Verkleidung, laß Dich doch versöhnen, nahm er ihre ausgestreckte kleine Hand, nicht eben sehr väterlich oder brüderlich, warm in die seine und hielt sie so lange umspannt, bis Henny jubelnd rief:Du bist wieder gut! Er ist wieder gut, Mama!

Ihr erstes Erscheinen unter den hochästigen, blüthenbesäeten Lindenbäumen trug bei allen Bewohnern der Villa einen Sensations⸗ erfolg davon, selbst Herr von Satrup hatte für diesen feierlichen Moment, wo sie zwitschernd wie eine Lerche auf ihn zusprang, einen umfangreichen Rosenstrauß in Bereitschaft gehalten.

Bemerkenswerth war das Verhalten des Barons. Er gab sich ersichtlich Mühe, sein Interesse allgemein zu vertheilen, ohne im Grunde doch einen Blick von Henny's Gestalt abzuwenden. So oft sie in seine Nähe trat, erröthete sie unwillkürlich, ohne zu wissen warum. Gebhard von Valingen seinerseits dagegen wußte desto besser, was er bei diesem reizenden Farbenwechsel dachte und empfand.

Unter so günstigen Verhältnissen war natürlich keine Rede mehr von Aufschub oder Aufgabe der vielbesprochenen Parthie nach Schloß Farrendorf. Die jungen Mädchen bestürmten den Baron so lange, schnell den Assessor Berger herbeizuschaffen, um mit diesem Sach

verständigen das Programm festzustellen, bis Herr von Valingen lachend seinen Hut ergriff, um den erhaltenen Auftrag auszurichten.

Er fand den Assessor am Schreibtisch sitzend, mit der Abfassung eines umfangreichen Schreibens beschäftigt, welches er beim Eintritt des Barons schnell in ein offenes Fach legte. 1

Ich bin sehr gern bereit, den Reisemarschall zu spielen, er-. widerte er freundlich auf die vorgetragene Bitte der gesammten Lindenblüthen,und werde mich binnen Kurzem im Lindenhause einfinden. Ein unaufschiebbares Geschäft

Welches ich um keinen Preis stören möchte, sagte Herr von Valingen sich erhebend.

Der Assessor war sichtlich in Nachdenken versunken, während er den Baron zur Thür geleitete. Endlich fragte er ziemlich kurz: Hat Frau Steinbach die Absicht, mit von der Parthie zu sein?

Unsere weiße Rose denkt an baldige Abreise, entgegnete der Baron mit feiner Betonung.Ich hoffe indessen, daß es unsern Ueberredungskünsten gelingen wird, sie bis übermorgen festzuhalten. Soll ich eine Bestellung in diesem Sinne auch von Ihnen über⸗ mitteln? f

Ich denke, es wird nicht nöthig sein, insofern, als die Damen schwer zu überzeugen sind. Auf baldiges Wiedersehen!

Als der Baron fort war, nahm Berger das Schriftstück wieder zur Hand.Was nutzt es? murmelte er vor sich hin.Ihr krank haftes Ehrgefühl wird in diesen Betheuerungen nichts weiter sehen als mitleidsvolle Schonung. Der einzig heilende Balsam für diese Wunde wäre Er sprang auf und zerriß den Brief.Elende Stümperei! Lächerliche Auseinandersetzung! Am Ende gebe ich ihr noch gar die Versicherung, daß ich mich großmüthig bei den Meinen für sie verwenden wolle. Damit wäre dann die Sache endgültig ein für alle Mal beseitigt. Es ist zum Verzweifeln! Aber, unter- brach er sich mit zärtlicher Wehmuth,woher soll denn mit einem Male blindes Vertrauen kommen, da man das ihrige bis jetzt systematisch untergraben hat? Nein, Wort gegen Wort! Und hilft das nicht, dann die letzte lebendige Beweisführung!

Er eilte in das Lindenhaus, wo man seine Ankunft mit leb. hafter Freude begrüßte. Der Geheimrath, welcher den talentvollen jungen Kollegen längst in Protektion genommen, drang mit der ihm angeborenen Gründlichkeit so tief in alle Details des Vorhabens ein, daß Henny mit lachender Ungeduld zuletzt rief:Aber, Herr Geheimrath, das wird ja die reine Gerichtsverhandlung und ein Protokoll, kein Programm!

Erna Steinbach war nicht anwesend. Berger fand sie auf dem Rückweg an dem entlegensten Theil der Promenade unter einem Baume sitzend, anscheinend mit Lesen beschäftigt. a

Als er vor ihr stand, schlug sie die großen, dunklen Augen halb erschrocken, halb befriedigt zu ihm auf.Sie wissen nun Alles, es giebt kein unwürdiges Geheimniß mehr zwischen uns. Auch danken kann ich Ihnen recht aus Herzensgrund sie stockte, von Scham bezwungen. 5

Erna hat er leise und eindringlich. 0

Sie haben mir viel, unendlich viel erspart, fuhr sie hastiger fort, um das Unvermeidliche so schnell als möglich auszusprechen. Ich danke Ihnen!*

Was ich that, that ich für uns Beide, sagte er, bemüht, ihre Hand zu ergreifen.Und nun hören Sie auch meinen Dank für so viel ehrendes, beglückendes Vertrauen.

Es war eine Last, die ich mir vom Herzen wälzte, flüsterte sie, ihren Hut vom Boden aufraffend,weiter nichts. 9

Weiter nichts, Erna? fragte er zärtlich.Wirklich weiter nichts als Eigennutz und Selbstsucht? Auch nicht ein Fünkchen von dem, was ich Ihnen so heiß, so aufrichtig tief und wahr und innigg entgegentrage? 2

Sie zitterte unter seinem warmen Blick wie eine Gerichtete. Mein Leben ist entehrt! stieß sie fast rauh hervor. ch darf und kann mich nicht mit einem befleckten Namen in den Kreis einer makellosen Familie drängen, die ihren Sohn 9

Ich bitte Sie, Erna, fiel er ihr leidenschaftlich in's Wort, ist denn an Ihrer Person ein Tüpfchen dieser Schuld haften ge⸗ blieben? Können Sie dafür, daß Ihr Gatte einen Manifestations⸗ Meineid leistete? Würden Sie sich auch für eine Mörderin halten, wenn er ein solches Verbrechen auf sich geladen hätte? 3

Meine Seele ist rein, wie mein Herz, Gott weiß es, sagte die bleiche, schöne Frau, ihre Hände gegen die Brust drückend.

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