zu den
HOtrourrhessischen Muchrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Nr. 26.
Gießen, den 26. Juni.
Die Lindenblüthen.
Erzählung von Georg Hartwig. (Schluß)
Herrn von Satrup's Bitte nachkommend, fand er den Geheim— rath sehr gut gelaunt und ganz gegen seine sonstige Gewohnheit munter im Zimmer auf, und niederschreitend.
„Denken Sie, Baron, welch' Lieblingswunsch mir erfüllt ist!“ sagte der Geheimrath, seine Hand fast zutraulich in den Arm seines Besuchers schiebend und mit ihm gemeinschaftlich seine Promenade fortsetzend.„Ein Wunsch, welchen ich lange im Stillen gehegt, der aber erst durch einen Oheim meiner verstorbenen Gattin in Anregung und zugleich zur Ausführung gebracht worden ist! Meine Frau war eine geborene Gräfin Arendeil, eine sehr alte Familie, welche mit dem jetzt verstorbenen Oheim, dem letzten Grafen Arendeil, erloschen ist. Nun war es schon immer der Wunsch weiner seligen Gattin, ihren Namen auf unsern einzigen Sohn und unsere Tochter Ilda übertragen zu können—“
„Ah, ich verstehe!“ fiel Valingen ein, da der Geheimrath eine Schwenkung machte, um nach einem Becher auf dem Seitentischchen zu greifen.„Doch wie? Sie machen wohl gar Ihre Brunnen— promenade hier im Zimmer ab?“
„Ja! Ihre Gesellschaft fehlte mir draußen zu sehr!“ versicherte Herr von Satrup etwas steif zwar, aber immerhin sehr verbindlich. „Nun also! Meine beiden Kinder können an und für sich mit ihrem väterlichen Namen wohl zufrieden sein, indessen ich halte viel auf Familientraditionen. Schaden kann es meinem Sohne in seiner diplomatischen Laufbahn ebenso wenig, als meiner Ilda bei ihrer dereinstigen Vermählung.“
„Zweifellos, Herr Gebeimrath!“ beeilte sich der Baron beizu— pflichten.„Auch wäre das Erlöschen eines so edlen Namens in der That bedauerlich. Die Erbschaft, ich erinnere mich, davon einmal sprechen gehört zu haben, muß sehr bedeutend sein?“
„Sehr bedeutend!“ versicherte der alte Herr vergnügt.„Die Kinder sind beide, was man brillante Parthien nennt. Natürlich steigen auch meine Ansprüche bei einer Eheschließung in dem näm⸗
lichen Maße.“
„Selbstverständlich! Im Uebrigen ist Fräulein Ilda an sich ein Juwel von unschätzbarem Werthe!“ sagte Valingen warm und mit dem festen Vorsatz, Alles zu thun, um einer Kenntnißnahme des stolzen Vaters von dem genialen Auszug der beiden Lindenblüthen vorzu⸗ beugen.„Sie wollen mir jedenfalls mittheilen, daß Ihr Gesuch Allerhöchsten Ortes genehmigt worden ist?“
„Ja! Heute erhielt ich die offizielle Bestätigung hierher nach— gesandt!“ erwiderte der Geheimrath fast feierlich.
„So gestatten Sie mir einen herzlichen Glückwunsch!“ sagte der Baron, die Rechte seines Begleiters ergreifend und drückend. „Wir werden Fräulein Ilda nunmehr als Gräfin Satrup-Arendeil
anzureden haben“, scherzte er, dem jungen soeben eintretenden Mädchen entgegeneilend.
„Ja, denken Sie, ich bin eine Komtesse über Nacht geworden! Aber Ilda von Satrup,“ damit umschlang sie ihren Vater zärtlich, „ist doch der schönste, der liebste Name für mich!“
„Der andere,“ sagte der Geheimrath, ihr liebreizendes Antlitz an sich drückend,„kommt auch nur für etwaige Fälle in Betracht. Aber schaden kann's Dir weiter nicht, wenn Du Dich stets wie eine echte, würdige Arendeil beträgst, mein kleines Braunauge. Jetzt wird's mit der Parthie nach Farrendorf am Sonntag wohl wieder nichts werden?“ fuhr er gegen Valingen gewandt fort.„Mein Urlaub neigt sich allgemach zum Ende. Schade, ich hätte gerade diesen ganz unbeschwerlichen Ausflug gern noch unternommen.“
„Hoffen wir das Beste,“ erwiderte der Baron und sein Interesse wendete sich sogleich wieder der leidenden Henny zu. Er verabschiedete sich von Vater und Tochter und kehrte in sein Zimmer zurück.
Als der Abend herankam, klopfte Valingen an die Thür des Schlafgemachs. Die Baronin trat heraus.„Ich wollte Dir nur sagen, Mama, daß Du Dich zeitig niederlegen mußt— auf jeden Fall,“ kam er einem Einwurf sehr bestimmt zuvor,„wir haben morgen sonst zwei Kranke statt einer!“
„Die Jungfer ist so unzuverlässig, wie Du weißt, Gebhard,“ schaltete Frau von Valingen ein.„Ich ängstige mich dann um so mehr. Henny scheint jetzt gerade Neigung zum Schlafen zu ver⸗ spüren, wenigstens ist sie ruhiger geworden.“
„Eben deswegen genügt meine Aufsicht,“ entgegnete er bestimmt. „Ich wache hier im Nebenzimmer— die Thür bleibt offen. So kann ich das geringste verdächtige Geräusch hören und Dich nöthigen⸗ falls sofort wecken, Dich oder die Jungfer.“
„Mich, Gebhard!“ bat die warmherzige Baronin.
„Nun gut, Dich also,“ lächelte er, ihre Hand achtungsvoll an seine Lippen ziehend.„Dafür aber wirst Du auch ohne Sorge zu schlafen versuchen?“
„Ja, mein lieber, sorgsamer Sohn!“
Die Anordnungen des Barons wurden pünktlich befolgt. Es
ward ihm so wohl, so beruhigt zu Muth, als er nunmehr allein
der einzige Wachende sich wußte, bestimmt, den Schlaf eines lieben, theueren Wesens zu hüten. Alte Bilder gaukelten ihm vor der Seele, während er, am Fenster stehend, ein fernab zuckendes Wetter⸗ leuchten verfolgte. Wehmuth und Freude stritten sich um seine Empfindungen. Wie war es doch möglich, daß all' sein Fühlen und Denken Bezug hatte auf ein lockiges blondes Haupt, welches so anspruchslos und doch so zwingend sich durch alle Gedanken⸗ sprünge in den Vordergrund schob? Er mußte zuletzt ärgerlich lächeln, indem er sich gleichwohl vornahm, das Geschehene sammt


