Ausgabe 
26.6.1887
 
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Es war ein Mann, ein Herr in der Grotte dort, stammelte sie, mit ihren Thränen kämpfend.Als ich eintrat, erschrak ich heftig.

Herr von Valingen runzelte die Stirn.Ich denke, Mama wir gehen jetzt Alle einmal in diese Muschelgrotte. Darf ich um Ihren Arm bitten, Komtesse Ilda? Herr Geheimrath, bitte hier⸗ herzukommen! Wir gehen in die Grotte, gnädige Frau, wenn es Ihnen recht ist.

Sofort bogen Alle, auch Henny, welche ziemlich athemlos von ihrer Rehjagd zurückkehrte, in den bezeichneten Weg ein und standen demnächst vor dem duftenden, farbenprächtigen Rankenwerk des Ein⸗ ganges still.

Herr von Valingen mit der heftig bebenden Ilda trat zuerst ein.

Der Fremde lehnte in nachlässiger Haltung an einem kleinen Marmortischchen und schien über die Störung seiner Betrachtungen wenig erbaut.

Herr von Valingen fixirte ihn einige Sekunden mit zweifel. losem Mißtrauen und Verdruß, als plötzlich der Fremde die Gestalt des Assessors in's Auge faßte und erfreut ausrief:Ich kann mich nicht irren! Reinhard Berger

Getroffen, Durchlaucht! gab dieser lebhaft zurück.

Ilda ward' es dunkel vor den Augen. Fürst er... noch die Enthüllung.

Nach dieser Erkennungsscene, sagte der Assessor schnell vor⸗ tretend,darf ich mir gestatten, Ew. Durchlaucht mit meiner liebens⸗ würdigen Gesellschaft bekannt zu machen.

Hier ließ der Baron Ilda's Arm unwillkürlich fallen. Sie stand allein, die Blicke des Fürsten aber fühlte sie durch ihre ge⸗ senkten Wimpern hindurch bis in die Seele dringen.

Geheimrath von Satrup Baron von Valingen Frau

und jetzt

Baronin von Valingen Frau Steinbach Baronesse von Valingen Komtesse Satrup-Arendeil! i

Bei Nennung dieses letzten Namens ging ein eigenthümlicher Ruck durch das gesammte Nervensystem des Fürsten. Er ließ das Buch, welches er in der Hand hielt, zu Boden fallen, erröthete lebhaft, strich mit der Rechten ein paar Mal, wie in Nachsinnen verloren, über seine stolze Stirn und neigte endlich, nur Ilda ver⸗ ständlich, mit lächelnder Befriedigung das Haupt, als habe er einem Räthsel nachgespürt und seine Auflosung endlich gefunden.

Ich bin den Herrschaften aufrichtig verbunden, sagte er so dann mit vollendeter Höflichkeit,daß Sie sich herauf bemüht haben, mein väterliches Erbe in Augenschein zu nehmen. Auf das, was Ihnen noch fremd blieb, darf ich als Führer Sie wohl selbst auf⸗ merksam machen.

Dabei trat er zunächst zwischen Frau von Valingen und Erna Steinbach, wußte es aber sehr bald geschickt so einzurichten, daß er neben Ilda und mit dieser allein vor einem dicht bestandenen Blumenrondel stand.

Komtesse, sagte er leise und mit vor Erregung nicht ganz fester Stimme,ich habe den Scherz errathen. Vergeben Sie mir, daß ich denselben so ernst zu nehmen wagte. Ich bitte, vergeben Sie es mir! Wenn Sie ahnten, wie tief mich meine Kurzsichtigkeit demüthigt

Nicht doch, Durchlaucht, flüsterte sie, ihr liebreizendes Antlitz

ermuthigend zu ihm erhebend.Die Schuld ist ganz allein mein. Es war ein lustiger Jugendstreich!

Darf ich es zu hoffen wagen, fuhr er fort, und auch seiner seits in den von Ilda angenommenen Flüsterton verfallend,daß Sie meiner tiefen Reue gestatten werden, dieses häßliche Versehen durch durch

Sie beugte sich schnell über einen duftigen Geranienzweig.

Darf ich die Hoffnung hegen, daß es mir gelingen könne, je gelingen könne

Hatte Ilda wirklich genickt? Es mußte wohl geschehen sein, denn Fürst Alexander richtete sich plötzlich sehr befriedigt und sicht⸗ lich beglückt auf.

In Germenau also auf Wiedersehen und dann in der Residenz!

Hier wurde die Unterhaltung wieder allgemein, um später in einem längeren Zwiegespräch zwischen Herrn von Satrup und dem liebenswürdigen Schloßbesitzer zu endigen. Der Fürst hatte die Erlaubniß erbeten und erhalten, die Familien, welche er heute als Gäste bei sich gesehen, sehr bald in Germenau aufzusuchen.

Nach einem äußerst angenehm verplauderten Ruhestündchen, in welchem man mit schäumenden Gläsern auf gute Nachbarschaft an⸗

rath, als er den Fuß in die Nußlaube setzte, um das Anspannen

stieß, wobei der Fürst sich mit unverkennbarer Huldigung vor der tief erröthendenJulia Flotow neigte, brach die kleine Gesellschaft auf, um den Heimweg anzutreten.

Die Bitte des Fürsten, seinen Wagen zu benutzen, ward energisch abgeschlagen, dagegen konnte und wollte der Geheimrath ihm die Erlaubniß nicht versagen, sich den Wanderern bis zum Wirthshaus drunten anzuschließen. 5

Es versteht sich von selbst, daß Fürst Alexander diesen Weg zwischen Vater und Tochter zurücklegte und bei dieser Gelegenheit das Herz der Letzteren ebenso völlig gewann, als er den Stolz des Ersteren durchaus befriedigte. Nach einem nahezu warmen Abschied von Beiden und einer verbindlichen Begrüßung ihrer Freunde zog sich der Fürst zurück, um den Rest des Tages irgendwo allein und ungekannt im Schatten des Waldes zu verträumen.

Ein charmanter Mann, dieser Fürst, murmelte der Geheim

der Pferde hier abzuwarten. Dann betrachtete er sein schönes, nach⸗ denkendes Kind und fuhr ebenso leise fort:Ich sagte es ja im Voraus, daß es bei einer Vermählung von Belang sein würde. Komm' an meine Seite, kleines Braunauge!

Inzwischen hatte Berger mit den Andern gleichfalls die Laube erreicht, als Erna Steinbach sich schnell forschend umsah und dann aufsprang.

Was suchen Sie, gnädige Frau? rief der Baron.

Mein Tuch, ich ließ es wohl im Zimmer liegen, erwiderte sie, hinauseilend. 3

Gestatten Sie

Schon hatte Berger die Laube verlassen und eilte der jungen Frau nach in's Schweizerhaus. N

Erna's Brust wogte heftig, als sie sich mit dem geliebten Mann so plötzlich allein sah. Doch eingedenk des Vergangenen wollte sie den ungestümen Herzschlag abermals mit Gewalt ersticken, diesmal versagten jedoch ihre physischen Kräfte. Sie schwankte und wäre gegen die Thüre gesunken, wenn nicht Berger's Arme sie gehalten und gestützt hätten.

Erna, endlich, endlich! flüsterte er, die schlanke Gestalt liebes⸗ warm an sich drückend. Bevor sie sich freimachen konnte, ward' die Thür geöffnet, und ein älterer Herr mit stark ergrautem Haar und sprechenden klugen Augen trat aus der Gaststube in den Flur hin⸗ aus.Er muß jeden Moment kommen, Herr Wirth! rief er leb⸗ haft.Lassen Sie mich einmal selbst nachsehen!

Der Assessor zuckte beim Klange dieser Stimme wie elektrisirt zusammen.Vater! rief er, die junge Frau umschlungen haltend, Vater, hilf mir, wie ich Dich gebeten habe! 1

Doktor Berger, Professor an der Universität zu Breslau, trat langsam an die Gruppe heran. Die Arme auf den Rücken gekreuzt, sah er dem jähen Farbenwechsel der tieferschütterten Erna ebenso gelassen zu, als den bittenden Mahnungen seines Sohnes. Dann sagte mit einem Anflug von guter Laune:Ich denke, wir sagen uns zuerstguten Tag! Und sodann übernimmst Du es wohl, mich dieser jungen Dame vorzustellen!

Alles, Vater, was Du willst, rief der Assessor, die jetzt vom Rücken herabgesunkene Hand des alten Herrn ergreifend und innig drückend,nur nimm ihr die falsche, die grundlose Furcht aus der Seele!

Der Professor, welcher unterdessen nicht eine Sekunde aufgehört hatte, Erna's zu Boden gesenktes Antlitz, welches in Schmerz und Scham erblaßt war, zu betrachten, sagte als Erwiderung:Du hast wohl die Güte, drinnen für mich die Zeche zu berichtigen, für mich und den Kutscher!

Der Assessor, unwillig zwar und in seinen, sowie Erna's hei- ligsten Empfindungen gekränkt, gehorchte nichtsdestoweniger mit flie⸗ gender Eile. Als er zurückkehrte, fand er zu seinem Erstaunen die Stelle, wo Beide gestanden, leer. a

Ohne zu wissen, was er von dieser neuen seltsamen Laune seines Vaters halten sollte und im Glauben, daß er Erna in der Nuß · laube wiederfinden würde, eilte Berger aus dem Hause in den Garten.

Er traf seine Reisegesellschaft in fröhlichster Stimmung, aber die Gesuchte nicht. 24

Lieber Berger, rief der Geheimrath,ich glaube, die Wagen fahren schon vor! 7

Herr Assessor, rufen Sie doch Frau Steinbach herbei! bat die Baronin dazwischen. b

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