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gleichen. Schnell entschlossen, zündete er die Kerzen des Bäumchens an. Walter, der Kleine, jauchzte auf. Da war ja auch der ver⸗ sprochene Pfefferkuchenmann und da— eine bunte Mütze. Das Kind breitete seine mühsam herbeigeschleppten Schätze unter dem Christbaume aus und beschäftigte sich dann angelegentlichst mit seinen Spielsachen.
Walter Thomas schaute sich im Zimmer um. Eine kleine Dach⸗ kammer mit abgeschrägten Wänden und einem winzigen Fenster, vor dem sich eine schneeweiße Gardine bauschte. Dort an der Seite stand ein Bett, sorgsam bedeckt mit einem weißen Tuche, und darüber ein kleines Bild— Walter trat näher, um dasselbe zu betrachten. Ein Ruf der Ueberraschung kam von seinen Lippen. Es war ein schlechtes Oeldruckbild, die Mutter Gottes mit dem Kinde darstellend. Just so eins hatte er einst auf dem Jahrmarkt für wenige Groschen gekauft, um es Klein-Gretchen zu bringen. Wenn es dasselbe wäre, wenn ihn seine Ahnung nicht getäuscht hätte!— Wo blieb sie nur, die Bewoherin dieses Raumes, sie, die ihm allein die Entscheidung bringen konnte über Glück und Unglück. In fieberbafter Ungeduld schritt Walter auf und nieder und blieb dann plötzlich mit einem Jubelschrei vor einer ärmlichen Kommode stehen. Eine kleine Photographie in schlichtem Rahmen stand auf derselben— es war sein eignes Bild, das hatte er ihr als Student zum Abschied gegeben, nachdem er ihr seine Liebe ge ⸗ standen. Und in der Ecke des Rahmens steckten vierblättrige Klee⸗ blätter, die er ihr gesucht hatte in jenen Tagen des Glücks.— O, sie sagten ihm jetzt, daß Margarethe ihn noch immer liebe, daß sie an ihn denke, um ihn weine, wie er um sie gelitten hatte. Walter nahm das Bild in beide Hände, das Glück drohte ihn zu überwältigen. Da zupfte ihn etwas am Aermel und als er nieder⸗ schaute, stand Walter der Kleine vor ihm und sagte in kindlich⸗ verweisendem Tone:„Du, Du, nicht das Bild von Onkel Thomas anfassen! Mama hat's verboten; sie schilt immer, wenn ich es nehme, um damit zu spielen.“
Walter fühlte, wie seine Augen feucht wurden. Dieses liebliche Kind war ja ein sprechender Zeuge für die treue Liebe seiner Mar⸗ garethe. Jauchzend hob er den blondlockigen Knaben empor, drückte einen Kuß auf die reinen Kinderlipyen und rief aus:„O, Du mein Glücksstern!“ Wie einst ein leuchtender Stern den Königen aus dem Morgenlande den Weg zeigte zur Krippe des Erlösers, e ihn dieses Kind aus Leid und Kummer zur Glückseligkeit geleitet.
Jetzt rief das Bübchen klagend aus:„Wo nur Mutter bleibt, die kommt ja garnicht!“ Dem Glücklichen ging plötzlich ein Stich durch's Herz. Die Mutter irrte jetzt wohl in Nacht und Kälte herum, ihr Kind suchend und er war es, der ihr Stunden der Angst und Sorge gebracht hatte, nicht ahnend, daß er sein Liebstes auf der Welt damit treffe. Plötzlich lauschten beide, Mann und Kind, denn draußen ließen sich eilige Tritte vernehmen und eine von 5 0 5 durchzitterte weiche Frauenstimme rief angstvoll:„Walter,
alter!“
Während der Kleine mit dem jubelnden Ruf:„Mutter!“ zur Thür sprang, trat Thomas hinter den kleinen Tannenbaum, um nicht gleich gesehen zu werden. Ihm war zu Muthe wie einem erwachen⸗ den Kinde, das noch einmal rasch die Augen schließt, um nicht vom Strabl der Sonne geblendet zu werden. Da wurde hastig die Thür geöffnet, ein junges blondes Weib in schlichtem, schwarzem Kleid trat ins Zimmer und sank dort in die Knie, ihr Kind leiden- schaftlich umschlingend, während ein krampfhaftes Schluchzen die mädchenhafte Gestalt durchbebte. Vom raschen Laufen hatte sich ihr Haar gelöst und fiel in goldigen Wellen über die Schultern. In klagendem Tone rief sie aus:„O, warum hast Du mir das gethan, Kind! Wie habe ich mich um Dich geängstigt! Wo warst Du nur? Ich habe Dich vergeblich im ganzen Hause gesucht als Du nicht zurückkamst, ich rief Deinen Namen.— Vielleicht warst Du zurückgekommen, während ich im nebenanliegenden Laden etwas kaufte. In allen benachbarten Straßen suchte ich meinen kleinen Jungen, ohne ihn zu finden, ich fragte alle Menschen, die mir be— gegneten, ob sie Dich nicht geseben hätten— vergeblich! Ich eilte wieder in das Haus zurück, wohin Du die Zeitungen tragen solltest, klopfte an alle Thüren— alles umsonst! O Walter, mein armer Bub', wo warst Du?“
Erschreckt hatte der Kleine auf seine erregte Mutter geschaut und schon wollte er in das Weinen derselben einstimmen, da fiel
sein Blick auf das brennende Christbäumchen, auf all die schönen aus:„O, Mutti, ich war bei dem lieben Mann, der mir den Weihnachtsbaum argesteckt und
Spielsachen und er rief fröhlich guten, mir die schönen Spielsachen geschenkt hat. Er will Dir auch etwas schenken, damit Du nicht mehr weinst!“ 2
Betroffen schaute das junge Weib mit den dunkelblauen, meer⸗ tiefen Augen auf den strahlenden Christbaum. Wer hatte den an⸗ gezündet, wie kamen all' die Sachen dorthin? Und wer war jene dunkle Männergestalt, die jetzt zögernd hinter dem Tannenbaum hervortrat? Wer konnte es gewagt haben, hier einzudringen? Das bleiche Weib schnellte empor, um sich im nächsten Moment mit der
Hand⸗über die Augen zu fahren, als wolle sie ein sinnverwirrendes
Traumbild verscheuchen. Ein Ton klang ihr entgegen, halb Jauchzen, halb Schluchzen:„Margarethe!“
Was war es, was da so traut an ihr Ohr schlug? Waren es Heimathsglocken? Margarethe tastete nach einem Halt; fast wäre sie umgesunken. Da fühlte sie sich fest umschlungen. Ueber sie beugte sich ein dunkelbärtiges Männerantlitz und eine von verhaltenem Jubel durchbebte Stimme flüsterte ihr zu:„Mein Lieb, meine süße Margarethe, ich hab' Dich wieder, um Dich nie, nie mehr zu lassen!“
Wie wurde es in dem kleinen Raum so still und feierlich! Nur die Flämmchen am Christbaum knisterten leise. Sie flüsterten sich geheimnißvoll etwas zu. Kannst Du sie verstehen?—„Wir sind das Symbol jenes Lichtes, das einst vom Himmel auf die Erde kam, um die Menschen aus Nacht und Dunkel zu erlösen,“ so wisperten sie.„Und wenn ein Funke jenes erwärmenden Strahls in die Seele zweier Menschen fällt und sie durchglüht, dann können sie nicht mehr von einander lassen, dann hat die Sünde keine Macht mehr über sie, dann steigen die Englein vom Himmel herab und breiten segnend ihre Hände über sie.“ So flästerten die Weihnachts- kerzen und das Christkind flog lächelnd durchs Zimmer. Draußen aber, über die dunkle Stadt hinweg tönten alle Glocken und sangen das ewige, uralte Lied, das Lied von der welterlösenden Liebe.
Herbstfäden. Von G. Peltry.
Es war einer jener herrlichen Tage, wie sie nur der Herbst zu bieten vermag: lichtblauer Himmel, lachende Sonne und durchsichtige klare Luft. Auf dem Hügel droben stand eine steinerne Bank, und auf der Bank saß eine kleine, zusammengesunkene Gestalt, augen. scheinlich in tiefe Gedanken verloren. Sie hatte das Haupt an einen Baumstamm gelehnt, die schmalen, wachsbleichen Hande lagen gefaltet im Schoß, und die großen, grauen Augen blickten sehnend in die duftige Ferne, als suchten sie noch immer ein Glück, welches das Leben ihnen wohl schuldig geblieben war.— Es lag ein eigen wehmüthiger Hauch über der ganzen Mädchengestalt, auf deren schmerzlichem, verblühtem Gesicht eine lange, traurige Geschichte zu lesen stand.
Sie beugte sich vor, und ihre Hand nahm kosend einen der langen Herbstfäden, die sich von Blatt zu Blatt schlangen. Sie seufzte.— Wie oft hatte sie mit Heinrich hier oben gesessen, wie oft hatte er ihr neckend die schimmernden Fäden auf's Haar gelegt und ihr dabei so fröhlich lachend in's Auge geschaut. Das war vorbei— vorbei.— Sie hatte ihn ja längst ausgeträumt, den holden, seligen Traum von Glück und Liebe.
Johanna war die einzige Tochter eines Lehrers. Der wunder- liche Vater hatte ihrer nie sonderlich geachtet, und da die Mutter schwach und leidend war, so lange sie denken konnte, so hatte auf Johanna's Schultern schon frühzeitig die Last des Haushalts und der Pflege geruht. Eine sonnige Jugend hatte sie nie gekannt, und ihre Zeit theilte sich zwischen Schule und Hausarbeit. Spater aber, in den Jahren, da ihren Gefährtinnen die Welt im rosigsten Sonnenlichte lag, traten die Sorgen des Lebens erst recht hart und unerbittlich an sie heran. Kaum vierundzwanzig Jahr alt, starb ihr der Vater nach kurzem Krankenlager, und auf die schmale Wittwenpension angewiesen, standen die beiden Frauen hilflos den andrängenden Entbehrungen gegenüber.
Da— gerade als die Noth am größten war, erbarmte sich ihrer ein alter, treuer Freund des Verstorbenen, der ihnen einen Pensionär, einen jungen Studenten zuwies.
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