Ausgabe 
25.12.1887
 
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415.

Heinrich Olden war seit frühester Kindheit Waise und ohne Heimath gewesen. Wie warm und wohlthuend berührte ihn nun die zarte Fürsorge Johanna's, die seine leisesten Wünsche schon er⸗ rieth, noch ehe er sie ausgesprochen hatte; wie sehnte er sich Abends nach seinem Stübchen, und wie herrlich flogen die Tage und Wochen dahin.

Johanna blühte auf; zum ersten Mal in ihrem Leben empfand sie, was Glück und Jugend war. Stundenlang vorher schon freute sie sich auf Heinrich's Kommen; ihre Wangen rötheten sich, ihr Herz klopfte, sobald sie seinen Schritt vernahm. Was war das für eine selige Zeit! Leise, unmerklich wuchs die Liebe in ihren Herzen empor, und dann kam ein Tag, wo sie mit einander auf dem Berge saßen und wo das Geständniß der Liebe sich von seinen Lippen rang. In seligem Kuß vergaßen sie auf Augenblicke Alles. Dann aber freilich trat die Wirklichkeit wieder in ihre Rechte ein.

Wirst Du mir auch treu bleiben, meine Johanna? Sieh', es werden noch Jahre vergehen, ehe ich eine Anstellung als Lehrer er⸗ lange, auch wenn ich noch so fleißig bin. Ist es nicht Unrecht,

Dein blühendes Leben an diese ungewisse Zukunft zu ketten? Sprich nicht so, Heinrich! Ich habe Dich ja so unendlich lieb, lieber als alles in der Welt; wir sind noch jung, wir können warten.

Und sie warteten. Fröhlich und unverzagt schauten sie der Zu⸗ kunft in's Auge. Johanna sparte und arbeitete, um ihre bescheidene Aussteuer zu erschwingen. Rastlos flog die Nadel durch das Linnen, und glückliche Bilder eines trauten Heims zogen durch ihre Seele. Nur des Sonntags gönnte sie sich eine kurze Rast, um mit Heinrich

zur Bank auf dem Hügel zu wandern; es war immer ihr Lieblings⸗ sitz gewesen, und sie wurden nicht müde, mit einander in die sonnige Landschaft zu blicken.

So verging ein glückseliges Jahr. Heinrich mußte nun eine andere Universität beziehen es kam zum Scheiden.

Schluchzend lag Johanna an seiner Brust, und segnend fühlte er die zitternden Hände der Mutter auf seinem lockigen Scheitel ruhen, hörte er ihre flehende Bitte:O bleibe meinem Hannchen treu.

Johanna geleitete ihn noch bis zur Bank da droben. Es war ein Herbsttag, wie heute, sonnig und duftig, und doch lag ein Zug der Wehmuth über dem Bilde. Sie rissen sich von einander los.

Sei glücklich, mein Heinrich, und vergiß mich nicht.

Gott behüte Dich, mein Lieb.

Dann schieden sie. f

Johanna blieb allein zurück, durch ihre Seele zog ein ahnender Schauer, als schwände mit des Geliebten Gestalt Jugend und Glück für immer wieder dahin. Würde er ihr, der um zwei Jahr Aelteren, auch immer so gut bleiben wie heute, würde er nie eine Jüngere und Hübschere finden, die sein Herz begehrte?

Sie wanderte langsam bergab, in ihr stilles, trauriges Daheim zurück. Langsam und eintönig schlichen die Tage dahin, als einzigen Lichtblick Heinrichs Briefe bringend. Aus feder Zeile sprach sein gutes, treues Herz, aus jedem Wort seine tiefe, innige Liebe.

Er schrieb jede Woche; allmählich aber kamen die Briefe seltener, sie wurden auch wohl kürzer:Sei nicht böse, mein Lieb, ich habe soviel zu arbeiten.

Und sie verzieh ihm ja so gern! Gewiß, er hatte sie noch eben so lieb, wenn er auch nichts mehr von ihrem Heim und von künftigen Tagen schrieb. Sie bezwang ihr thörichtes, furchtsames Herz, sie

nähte und hoffte, und konnte es doch nicht hindern, daß Thräne um Thräne auf die Arbeit tropfte.

Wochen vergingen; Heinrich schrieb nicht mehr. Endlich, endlich kam ein kurzes Blättchen; aber was er schrieb, klang gezwungen, es war nicht mehr der alte herzliche Ton.

Johanna floh in ihr Stübchen; hier lag sie lange in fassungs⸗ losem Schmerz; was sie ahnend befürchtet hatte, es war nun ein⸗ getroffen: Heinrich liebte eine Andere! Er schrieb es nicht mit Worten, aber ihr Herz las es zwischen den Zeilen, aus jedem Buch⸗ staben flammte es ihr entgegen.

Und er sollte glücklich werden! Was lag an ihr? Sie hatte eben geträumt, und nun war sie erwacht. Als sie ruhiger geworden, schrieb sie ihm:

Mein lieber Heinrich!

Was ich Dir heute zu sagen habe, fällt mir recht schwer, aber Du wirst mir nicht zürnen, daß ich damals mein Herz nicht besser erkannte. Gieb mir mein Wort zurück, Heinrich, wir passen nicht zu einander, und ich würde mit Dir doch nicht glücklich werden.

Du findest wohl eine Andere, die Dich besser versteht, mich aber laß wieder still und in Frieden meine Bahnen wandeln. Gott sei mit Dir.

Deine Johanna.

Erst als der Brief fort war, fühlte Johanna, daß sie damit Glück und Lebensfreude von sich geworfen hatte, aber es war das Rechte gewesen. Heinrich's Antwort bestätigte das nur zu sehr. Trotz seiner bedauernden Worte sprach die helle Freude über ihren Entschluß aus seinen Zeilen, und Johanna empfand es bitter schmerz⸗ lich, daß sie ihm überflüssig geworden war zu seinem Leben und Glück.

Zwölf Jahre waren seitdem vergangen. Neidlos hatte sie ihre Freundinnen zum Altare gehen sehen, auch wohl hier und da eine mit Kranz und Schleier geschmückt. Leise, leise schwand die Jugend, ihr einst so glückstrahlendes Gesicht wurde welk und bleich. Johannas Herz war ruhig geworden. Still und ergeben hatte sie die Mutter unter den grünen Rasen gebettet. Sie hoffte nichts mehr und wünschte nichts mehr.

Heinrich hatte ihr noch manchmal geschrieben, auch seine junge Braut. Er hatte ihr dann seine Vermählung und später die Geburt eines Töchterchens angezeigt.

Johanna hatte es thränenlos gelesen. Nur die schmerzlichen Fältchen um Mund und Augen zeugten von dem heißen Kampf zwischen Pflicht und Liebe. Heut Morgen, als Johanna im Kreise der Kleinen saß, denen sie in ihrem Stübchen Stricken und Nähen lehrte, hatte es geklopft, und auf ihrherein schaute ein lockiges Männerhaupt durch die Thür, und eine liebe, bekannte Stimme fragte:Dürfen wir kommen, Johanna?

Da war sie zitternd aufgesprungen und hatte die Kleinen fort⸗ geschickt.

Das also war Heinrichs geliebte Frau, und das sein Töchterchen.

O Tante Hanna, ich habe Dich so lieb, so lieb, schmeichelte der rothe Kindermund, und Johanna hatte das Kind emporgehoben, ihre überströmenden Augen in seinen Locken verborgen, und mit zuckenden Lippen wieder und immer wieder das rosige Gesichtchen geküßt.

Dann hatten sie lange beisammen gesessen in ihrem Altjungfern⸗ Stübchen, wo es so eigen nach Lavendel duftete, und wo der Vogel munter zwitschernd in dem Bauer umherhüpfte.

Sie waren Beide gekommen, um Johanna zu überreden, mit nach ihrem Heimathsort zu ziehen, aber Johanna hatte bittend gesagt:

Nein, laßt mich hier; hier habe ich meine Gräber, mein Stübchen, und meine lieben, lieben Erinnerungen.

Nun war auch dies Wiedersehen überstanden, nun hatte sie nichts, gar nichts mehr zu fürchten.

Johanna erhob sich von der Bank. Sie schritt langsam durch das raschelnde Laub; drüben, von der Straße her, tönte die jugend⸗ liche Stimme eines Wanderburschen zu ihr herüber. Sie lauschte!

O Jugendzeit, o du rosige Zeit,

Mit Blüthen im Thal und auf Höhn:

Wo die Welt noch so offen, das Herz so weit

O Jugend, wie bist Du so schön! erklang es in wehmüthiger Weise an ihr Ohr. Sie zog das Tuch fester um die Schultern. Ein Frösteln durchlief ihren Körper, aber es war wohl nur der Herbstwind, der sie so erschauern machte: denn ihr Herz hatte ja überwunden.

Lose Blätter.

Sonst und Jetzt. Als der Minister Zedlitz unter Friedrich dem Großen verlangte, daß in den Volksschulen etwas Geographie gelehrt werden sollte, nannte man ihn einen Desertionsbeförderer. Gegen den Schreibunterricht hatte man auch wichtige Bedenken: die Mädchen, meinte man, würden Liebesbriefe schreiben, und aus den Jungen bildete manQuerulanten. Mehr Respekt vor der Schule und demSchul⸗Beherrscher hatte der Lord⸗ kanzler Brougham.Der Schullehrer ist der Beherrscher unserer Epoche, sein Alphabet ist mächtiger als des Soldaten Bajonet, sagte er.

M.

Stanislaus Leszeynski, König von Polen, pflegte oft von den über⸗ standenen Gefahren zu sprechen, denen er ausgesetzt gewesen war.Es fehlte mir nur noch die Gefahr des Verbrennens, setzte er dann hinzu. Und er kam wirklich auf diese Weise um's Leben. M.