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Da fühlte er, wie ein warmes Händchen schmeichelnd über sein Gesicht strich und die Stimme des kleinen Burschen klang weich und liebkosend, als er sagte:„Du, warum bist Du denn auf ein— mal so traurig? Hat Dir das Christkind nichts gebracht?“
Walter hob ihn hoch in die Luft und rief:„Ja, Du sonniges Kind, Dich hat mir das Christkind gebracht!“
Jetzt drängte der Kleine aber ernstlich zum Abschied, die Mutter stände unten vor der Hausthüre und warte auf ihn. Walter fühlte etwas wie Gewissensbisse, daß er seinen kindlichen Gast so lange von der Mutter entfernt gehalten hatte, die sich gewiß um ihren Sprößling ängstigte. Es war doch schon geraume Zeit ver. flessen, seit er das Kind auf der Treppe gefunden. Rasch nahm er Hut und Mantel vom Nagel und mit seinem Schützling an der Hand schritt er die Treppe hinab. Unten angekommen, schauten beide nach der Mutter aus— vergeblich; sie war nicht zu sehen. Walter, der Kleine rief mehrmals laut nach ihr, umsonst, die arme Frau war gewiß fortgegangen und suchte ihr Kind.
Zeitungsträger in dem ärmlichen, aber peinlich saubern Mäntelchen jubelte vor Glück, als ihm sein großer Freund die kindlichen Wünsche erfüllte. Hier diese große Trommel mußte er sich gleich umhängen, darauf wollte er morgen der Mutter etwas vortrommeln. Dazu gehörte nothwendig eine Trompete, denn sonst war das ja nur eine halbe Sache. Da war ein reizender, kleiner Wagen, den mußte Walter, der Kleine, entschieden haben, und den Hanswurst mit der rothen Nase, den wollte er darin spazieren fahren. So, nun blos noch das schöne Bilderbuch mit den beweglichen Bildern und eine Schachtel Bleisoldaten und Beide mußten eingestehen, daß sie mehr zu tragen nicht im Stande seien. Als sie den Laden ver lassen hatten, jubelte das Bübchen laut und auf seinem paus⸗ bäckigen Gesichtchen glänzte die reinste Glückseligkeit.
Als Walter die Freude des Kindes sah, lachte er hell auf. Im nächsten Augenblick aber erschrak er über seine eigene Lustigkeit— wie kam es nur, daß ihm so froh zu Muthe war? Ach, Jahre
waren vergangen, seit er zum letzten Male so fröhlich gelacht hatte.
Weihnachtsvorbereitungen.
Walter stand mit seinem Schützling, dem schon wieder Thränen in die Augen kamen, und überlegte, was nun zu thun sei. Natür— lich mußte er das Kind nach Haus bringen, und nachdem ihm der Kleine die Straße, in der er wohne, genannt hatte, wanderten Beide davon. Wie weich sich das Patschchen des Kindes in die
kräftige Hand des Mannes schmiegte, wie vertrauensvoll die blauen“
Augen zu ihm aufblickten, wie wacker die Kinderfüßchen neben ihm hertrippelten! Sie schritten durch die hell erleuchteten Straßen, wo in den Läden die schönsten Dinge zur Schau auelagen, und als sie an ein großes Spielwaarenlager kamen und die Blicke des Kleinen verlangend auf all' die tausend Nichtigkeiten schauten, die für Kinderherzen die Glückseligkeit bedeuten, da konnte Walter dem Wunsche nicht widerstehen, seinen Schützling zu beschenken.
„Wart' einmal, mein Schatz,“ sagte er,„ich glaube, da drinnen hat das Christkind allerlei liegen lassen, was ihm zu schwer ge— worden und was doch für den artigen kleinen Walter Berg be— stimmt ist. Das wollen wir uns holen, nicht wahr?“
Ei freilich wollte er das, man darf dem Christkind doch nichts
schenken, das so wie so nur einmal im Jahre kommt! Der kleine
Originalzeichnung von E. Henseler.
Und das Alles bewirkte der blondhaarige Bube an seiner Seite, dies Geschöpfchen mit dem sonnigen Lächeln und dem ewig schwatzen⸗ den Mündchen..
Plötzlich schaute der Kleine mit tiefernster Miene zu seinem neuen Freunde auf und sagte in wichtigem Ton:„Du, nun hab ich genug Spielsachen, nun kaufe aber auch was für Mama, damit die sich auch freut und auch so lacht, wie Du eben, ja? Bitte, bitte, Du bist auch so ein guter Mann!“— und dabei lehnte das Bübchen den Krauskopf schmeichelnd an den Arm seines Beschützers.
Die kindliche Bemerkung berührte Walter eigenthümlich und er fragte deshalb:„Lacht Deine Mutter denn nie? Ist sie traurig?“
„Ach ja,“ antwortete der Kleine,„Mutter weint sehr oft... Abends, wenn ich im Bett bin und wenn sie denkt, ich schlafe. Ich hoͤr's aber doch. Am Tage sitzt Mutter immer an der häß⸗ lichen Maschine, die so laut klappert. Das ist gar nicht hübsch— bei Dir ist's viel schöner.“
„So möchtest Du wohl bei mir bleiben?“ fragte Walter


