Ausgabe 
25.12.1887
 
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loren. Weib und Kind habe er von da ab recht schlecht behandelt, habe sich dem Trunk ergeben und endlich seinem Leben durch Selbst⸗ mord ein Ende gemacht. Sein junges Weib mit ihrem Kinde habe

er in Armuth zurückgelassen. Margarethe habe im Laufe der Zeit auch ihre Eltern verloren und sei bettelarm aus der Stadt gezogen. Seit gestern sei sie verschwunden, Niemand wisse, wohin sie sich gewendet habe. Walter hatte den duftigen Frühlingsstrauß an die Lippen gedrückt, und als letztes Andenken an das blonde Gretchen mit sich aus der Heimath genommen

Wo mag sie jetzt wohl sein? Wehmüthig schaute Walter zum Himmel auf, als müsse ihm von dort die Antwort kommen. Die Wolken hatten sich verzogen und am dunklen Firmament erschien Stern an Stern. Wie diese heute so seltsam funkelten, es sah fast aus, als ob sie dem traurigen Mann da unten neckisch zublinzelten, als wenn sie ein Geheimniß zu verbergen hätten, was sie doch am liebsten ausplauderten. Walter lächelte. Wie kamen ihm nur so närrische Gedanken? Der große Christbaum im Weltall mit seinen unzähligen Lichtern brannte nicht für ihn, das Christkind hatte ja keine Gaben für ihn. Die Sterne am Himmel leuchteten für Andere, sein Glückstern war längst erloschen

Da was war das? Da fiel ja eine Sternschnuppe vom Himmel, just, als wolle sie ihn Lügen strafen? Walter starrte fast erschreckt zum Himmel auf, dann drehte er sich unwillig vom Fenster ab und murmelte:Alter Thor, schäme Dich! Was erschrickst Du, wenn eine Sternschnuppe fällt, als sei Dir eine Offenbarung ge kommen! Du wirst am heiligen Abend anfangen, an Ammen⸗ märchen zu glauben? Trag lieber Deinen trägen Körper in die frische Luft und laß Dir den Wind um die Ohren gehen, damit die sentimentalen Gedanken verfliegen!

Walter richtete sich energisch auf und versuchte ein Liedchen zu trällern, es wollte ihm aber doch nicht ganz gelingen. Er trat an die Thür und griff nach Hut und Mantel. Da war's ihm, als ob draußen Jemand leise schluchze und mühsam die Treppe erklimme. Rasch öffnete er die Thüre, welche zur Treppe führte, doch er konnte nichts sehen, denn es war dunkel draußen. Der Portier hatte wohl in der Weihnachtsfreude vergessen, das Gaslicht anzuzünden. Rasch holte Walter die Lampe und erblickte nun ein Bübchen, etwa im Alter von fünf bis sechs Jahren, welches, mit einigen Zeitungen unter dem Arm, die hohen Stufen hinanstieg.

He, kleiner Mann, wo willst denn Du hin? rief Walter dem Kinde zu.

Ein rothbäckiges Gesichtchen drehte sich ihm zu und starrte ihn mit zwei großen blauen Augen an, aus denen dicke Thränen rannen. Mutter hat gesagt, ich soll ganz oben'rauf gehn und die Zeitungen hintragen, ganz oben rauf! Das Bübchen schaute den neugierigen Fragesteller ordentlich vorwurfevoll an und begann wieder weiter zu klettern unter fortwährendem Schluchzen.

Aber, Du kleines Kerlchen, bist ja ganz oben. Höher hinauf wohnt Niemand mehr, da ist der Boden. Komm nur wieder her⸗ unter und gieb mir die Zeitungen, die werden wohl für mich sein! Lächelnd streckte Walter die Arme nach dem Kinde aus und zog es in's Zimmer hinein. Dann kniete der große Mann nieder und wischte dem kleinen Burschen die Thränen vom Gesicht und vom Mäntelchen, in das er vorsorglich eingehüllt war.Na, na, nur nicht weinen! Du hast Dich wohl gefürchtet auf der dunklen Treppe, nicht wahr?

Energisches Nicken und erneuter Thränenstrom. Walter sah sich hülflos nach einem Trostmittel um; da fiel sein Blick auf das kleine, für ihn gedeckte Tischchen. Er hatte sein Abendbrot noch nicht berührt. Und dort in dem Schränkchen befand sich ja auch noch ein Stück Pfefferkuchen, vielleicht wirkte das mehr als alle Trost⸗ reden. Walter setzte den kleinen Zeitungsträger mit dem drollig⸗ ernsten Gesicht in einen weichen Sessel vor den Tisch und indem er ihm zublinzelte, fragte er:Sag' mal, mein Kind, wie wär's denn mit diesem Lebkuchen, he?

Erst sahen die blauen Kinderaugen so fragend auf den fremden Mann, als traue er der Sache nicht recht, dann öffnete sich das Mäulchen zu einem freudig verlangenden Lächeln und die roth⸗ gefrorenen Händchen griffen mit energischer Bewegung nach dem Kuchen. Wie tapfer die weißen Zähnchen jetzt einbissen! Walter schaute so aufmerksam zu, als vollziehe sich ein Wunder vor seinen Blicken. Im Nu war der Lebkuchen verschwunden und erwartungs⸗

voll schaute das Bübchen auf den gedeckten Tisch. Das sollte doch

nicht Alles sein? So ein Stück Kuchen machte doch nicht satt. Der kleine Mann nahm mit Recht an, daß man ihn nicht zu Gaste lade, um ihn durch einen Leckerbissen noch hungriger zu machen. Walter Thomas lachte leise vor sich hin, als er seinen kleinen putzigen Gast betrachtete und griff nach einem Brödchen, um es dem Kinde mit Fleisch zu belegen. Dabei fiel ihm ein, daß er selbst eigentlich auch hungrig sei. Ganz in seine wehmüthigen Er⸗ innerungen vertieft, würde er das Abendbrot sicher vergessen haben, wenn ihn der kleine Mann nicht daran erinnert hätte. Das ließ sich ja aber nachholen und Walter ließ seinen Gedanken die That folgen. O, welch' ein Zerstörungswerk wurde da in kurzer Zeit auf dem reichbesetzten Tisch angerichtet! So hatte es Walter noch nie geschmeckt und wenn sein blondes Gegenüber ihn mit den großen Augen freudig anlächelte, dann wurde es dem Einsamen ganz warm um's Herz. Es war doch seltsam; dies Bübchen mit dem blonden Kraushaar und den strahlenden blauen Augen erinnerte ihn an irgend Jemand; ihm schien es, als kenne er dies Kind schon lange, lange Zeit!

Wie heißt Du denn eigentlich, mein kleiner Freund?

Walter! lautete die prompte Antwort.

Wie drollig, also ein Namensvetter.Und wie weiter?

Walter Berg!

Der Frager stutzte. Berg, so hieß ja der Mann seiner Jugend⸗ geliebten Margarethe? Ja, ja, an sie erinnerte ihn jeder Zug in des Kindes Gesicht; wie konnse ihm das entgehen? Nun mußte er über sich selber lachen. Wie die Phantasie uns oft narrt! Wäre ihm sein kleiner Gast an irgend einem andern Tage begegnet, er hätte gewiß an alles andre als an seine Jugendliebe gedacht. Weil das Bürschchen da blonde Löckchen und blaue Augen hatte, mußte es natürlich seinem Gretchen ähnlich sehen. Und Berg hießen schließlich viele Leute! So, nun war Walter, der Kleine, gesättigt und mit einer Miene innigster Befriedigung wischte sich derselbe den rosigen Mund ab. Jetzt nur noch die süße Limonade, die ihm der Gastfreund zurecht gemacht hatte und dann war das Werk gethan.

Plötzlich riß das Bübchen Mund und Augen auf, als ob ihm ein schrecklicher Gedanke käme. Hastig rutschte es vom Sessel her⸗ unter, und steuerte wortlos auf die Thür zu. Sein sträfliches Be⸗ ginnen wurde jedoch sofort verhindert, denn zwei Arme umschlangen den kleinen Flüchtling und ehe dieser noch recht wußte wie ihm geschah, saß er auf dem Schooße seines neuen Freundes. O nein, so rasch ließ Walter dies reizende Bübchen nicht fort. Ihm war so glücklich zu Sinn, jetzt hatte er doch ein Wesen, mit dem er plaudern konnte. Aber der kleine Kerl schien ganz andere Absichten zu hegen, denn er stemmte sich kräftig gegen die ihn umschlingenden Arme und als er seine Befreiungsversuche nutzlos sah, richtete er seine klaren Kinderaugen, halb bittend, halb vorwurfsvoll auf Walter Thomas und rief:Aber ich muß doch nach Haus, sonst fliegt das Christkindel weg und ich kriege keinen Weihnachtsbaum. Bette, bitte laß mich fort, lieber Mann!

Ja so, das Christkind! das war allerdings ein Grund. Also Dir wird das Christkind auch etwas bringen?

Nun freilich, ich bin ja doch artig gewesen! Walter, der Kleine, sah fast beleidigt aus. Natürlich würde ihm das Christ⸗ kind etwas bringen, es kam doch zu allen guten Kindern und er wußte ganz genau, daß er brav gewesen war. Außerdem hatte die Mutter ihm vorher gesagt, er solle rasch die Zeitungen hier in dies Haus tragen und dann wieder herunterkommen, während dessen würde das Christkind wohl eingetroffen sein. Er hat selbst den kleinen grünen Tannenbaum heute Morgen gesehen, als die Mutter nach Haus kam, an den würde das Christkind goldne Nüsse und Aepfel hängen und bunte Lichter. Einen großen, großen Pfefferkuchen⸗ mann sollte er haben und vielleicht noch etwas, er wüßte aber noch nicht was

Das kleine Mäulchen ging wie ein Mühlrad und Walter, der Große, hätte der silberhellen Kinderstimme immer, immer lauschen können, als sei es Musik. Just so hatte ja auch vor vielen Jahren sein kleiner Spielkamerad, Doktors Gretchen, von ihren Weihnachts- erwartungen geplaudert und ihre Augen hatten ebenso geglänzt wie die des Kindes auf seinen Knieen, und auch sie hatte damals so süß unschuldig gelächelt Lang, lang ist's her! Traum⸗ verloren schaute Walter auf die goldig schimmernden Löckchen vor sich nieder und ein leiser Seufzer stahl sich über seine Lippen

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