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belten, wie die weißen Kappen der Zaunpfähle sich thürmten— just so wie damals, als er, ein 15 jähriger Bursche, vor dem statt⸗ lichen Doktorhause stand und auf das blondhaarige Töchterlein, Margarethe, wartete. Er hatte ihr einen großmächtigen Schnee⸗ mann aufgebaut und einen kleinen Schlitten selbst gezimmert, damit wollte er sie morgen, am ersten Feiertag, herumfahren. Wie würde sie sich freuen, wie würden ihre veilchenblauen Kinderaugen strahlen.. Ach, er mußte an dem Abend lange in Kälte and Schnee auf seine kleine Gespielin warten, und als sie endlich aus dem Haus trat, zeigte sie ihm rothgeweinte Augen und erzählte schluchzend, sie sei nur heimlich herunter gelaufen, vom Christbaum fort, um ihm zu sagen, daß die Mama ihr verboten habe, seine Geschenke ferner anzunehmen, daß sie beide überhaupt zu groß seien, um noch länger miteinander zu spielen. Zu groß? Er hatte verwundert auf die zarte Gestalt der Zehnjährigen herabgeschaut, die sich in ihrem kind. lichen Schmerz an den langen Jungen angeschmiegt. Und dann hatte sie weiter erzählt, daß man ihr eine Kindergesellschaft ein— geladen habe, die ihr aber nicht die geringste Freude mache, weil er ausgeschlossen sei. Die Mutter fände, daß der Sohn eines armen Handwerkers nicht zu den Kindern sämmtlicher Honoratioren der kleinen Stadt passe. Gretel aber wollte gar nichts von den vornehmen Kindern wissen, ihr machte der große Tannenbaum mit den vielen Geschenken auch wenig Freude, wenn sie nicht, wie sonst, mit ihm theilen durfte.... Damals war ihm ein Wehgefühl, so tief und schmerzlich, durch das Herz gegangen, als sei seine Mutter noch einmal gestorben. Gretel war also zu vornehm für ihn, für ihn, der dieses kleine Geschöpf so zärtlich liebte, als sei es seine Schwester. Er durfte ihr keine Freude machen, weil er ein armer Junge, der Sohn eines Handwerkers war. Zum ersten Male war ihm der Gedanke von der Ungerechtigkeit des Schicksals und der Engherzigkeit der Menschen gekommen. Dann war er traurig heim zu seinem Vater geschlichen, zu dem armen Handwerker, der mit seinen treuen alten Händen Tag und Nacht arbeitete und der sich den Bissen vom Munde abdarbte, damit sein Sohn etwas lerne und ein tüchtiger Mann werde. In jener Nacht hatte sich Walter gelobt, so gut und brav zu werden wie sein alter Vater, damit er ihm dereinst all' seine Liebe und Güte vergelte, und dann...
nein, sein herziger Spielkamerad sollte dann nicht mehr verweinte Augen haben, weil ihr Freund ein armer Junge sei!
Jahre waren vergangen und Walter aus dem heimathlichen Städchen fort in die weite Welt gezogen. Er hatte tapfer ge⸗— arbeitet und mit dem rothen Studentenmützchen auf dem dunklen Kraushaar war er endlich zu seinem Vater zurückgekehrt, um diesem von goldenen Hoffnungen und Plänen zu sprechen, um ihm Dank zu sagen für die ausopfernde Hülfe. Wehmüthig lächelnd hatte ihm der Alte zugehört und sich mit den harten Händen über sein weißes Haar gestrichen. Und dann hatte Walter das blonde Gretchen wiedergesehen, seinen kleinen Spielkamerad von ehedem! Wie schön war sie geworden! Eine blühende Jungfrau trat ihm statt des Kindes entgegen und doch— ihre blauen Augen schauten ihn noch ebenso kindlich fromm und strahlend an wie vor Jahren, nur daß jetzt ein leises Roth ihre Wangen färbte, wenn er zu ihr sprach. Ach, es war die seligste Zeit des Lebens, als die Liebe in das junge Herz zog. Wie klang ihm jedes Wort aus ihrem Mund so wunderbar süß, wie liebte er die Locken, die wie lichte Sonnen— strahlen ihr Köpfchen umrahmten, wie spiegelte sich in ihren frommen Kinderaugen der Himmel mit seinen schönsten Sternen wieder. Um ihn her lag die Erde in eisiger Erstarrung des Winters, aber in seinem Herzen trieb der Frühling tausendfältig Knospen und Blüthen. Nur zu bald war der Tag gekommen, an dem Walter wieder scheiden mußte und der Schmerz des Abschiedes hatte ihm die Zunge gelöst. Da sagte er der heiß Erröthenden, wie unaussprechlich er sie liebe, wie er nur glücklich sei in ihrer Nähe und wenn er in zwei Jahren wiederkehre, wolle er sich die Antwort holen, ob sie ihm als sein Weib zu folgen gewillt sei. Ach, er las ja die be— glückendste Antwort in ihrem strahlenden Antlitz, in ihren schim— mernden Augen, die unter Thränen lächelnd zu ihm aufschauten
und ihm in ihrer stummen Sprache eine ganze Welt von Glück
verkündeten! Zum Abschied legte er ihr sein Bildniß in die Hände zum Angedenken und schied, das Herz voll von goldiger Hoffnung und Liebesseligkeit
Der einsame Mann in dem hohen Gemach starrte noch immer ins Dunkel hinaus: Wollten die Gedanken denn garnicht weichen!
Schau, dort drüben flammten jetzt die Kerzen des Christbaumes auf und schimmerten wie freundliche Sterne zu ihm herüber. O. ihr trügerischen Sterne! Wie hatten sie ihm einst doch so bell, so verheißungsvoll geleuchtet, als er, von Sehnsucht und Hoffnung vorwärtsgetrieben, der Heimath zugeeilt war. Ueber den knistern⸗ den, blendenden Schnee war er mit beflügeltem Schritt hingeeilt; über sich den weiten Himmelsdom mit seinen unzähligen Sternen. Als plötzlich ein Meteor seine leuchtende Bahn zog, da jauchzte er ihm zu, der sollte sein Glücksstern sein, der ihn den Weg zu dem ersehnten Ideal, zu seiner süßen Braut wies. Jetzt wollte er sich ihre Antwort holen, wollte sie sich von den Eltern zum Weibe erbitten, jetzt konnte sie ihm nicht mehr verweigert werden, denn er war nicht mehr der arme Junge, den man ausschloß aus der Ge⸗ meinschaft der Vornehmen. Bescheiden zwar war das Leben, das er seinem Weibe bieten konnte, doch geschützt vor Noth und Sorge. O, er wußte es, sie wäre ihm gefolgt, auch wenn Armuth und Entbehrung sie erwartet hätte, denn Margarethe liebte ihn so wie er sie, von ganzer Seele.
Und als er sie dann sah,— da erloschen alle Sterne.— Sterne?— Irrlichter waren es, die ihn mit ihrem falschen Schein gelockt hatten, um ihn in unsäglichen Jammer zu stürzen.— Wie war das blonde Gretchen doch so bleich geworden, wie schauten ihre blauen Augen ihn so trüb und schmerzlich an! Ach, ihr war ja das Glück gestorben, der Frühling in ihrem Herzen ertödtet worden.
Seit einem Monat war sie einem andern Mann verlobt, den sie nicht liebte, und dem sie doch in naher Zeit am Altar den Eid der Treue leisten sollte. Vergebens war ihr Flehen gewesen, um⸗ sonst das Geständniß ihrer Liebe zu Walter, umsonst Trotz und Jammer. Was die Drohungen des Vaters nie vermocht hätten, das bewirkten die Thränen der Mutter. Ach, beide Eltern wollten ja nur das Beste, sie gaben ihr Kind einem reichen Mann, dem Sohne eines Kaufmannes, der mit schmeichlerischem Wesen und tausend süßen Worten sich rasch die Herzen der alten Leute erobert hatte. Arme Margarethe! Wie ein langer, trüber Wintertag, so öde und trostlos lag die Zukunft vor ibr und der Jammer ließ sie erbeben, als sie dem einzig geliebten Manne, dem Freund ihrer Kindheit, die leidvolle Geschichte erzählte und sah, wie sie diesem das Herz zerriß. Dann hatten sie sich, ohne Thränen, ohne Hände⸗ druck, getrennt, nur ein langer, todestrauriger Blick— und sie nahmen Abschied von Liebe, Hoffnung und Glück.
Mutterseelenallein, um Jahre gealtert, war Walter zur Arbeit zurückgekehrt. Der Vater hatte auf seine Bitten, mit ihm, dem jungen Baumeister, zu leben, den weißen Kopf geschüttelt. Er sei zu alt, um noch sein Leben zu ändern, er müsse weiterarbeiten, bis ihm das Handwerkszeug aus der Hand falle, und dann möge man ihn still unter den Hollunderbaum, seiner Frau zur Seite, betten, dort ruhe sich's gut... Freudlos waren Walter Thomas die Tage hingegangen. Die Wunde, welche ihm das Schicksal geschlagen, schien unheilbar zu sein. Tiefer und tiefer vergrub er sich in die Arbeit, nicht, weil sie ihm Freude machte, denn er hatte ja fetzt kein Ziel mehr, dem er zustrebte, aber die öden, einförmigen Tage verrannen doch schneller. Sein Leben erschien ihm nutzlos und doch— hatte er nicht die Noth seiner Mitmenschen zu mildern ge⸗ sucht? Er hatte die Armuth aufgesucht, hatte geholfen und getröstet, wo es in seiner Macht gestanden. Das hatte ihn zufriedener ge⸗ stimmt, aber zu rechtem Frohsinn war er nicht wieder gekommen. So waren wieder sechs Jahre vergangen, da zeigte ihm ein Brief aus dem Heimathsstädtchen an, daß dort eine bösartige, ansteckende Krankheit viele Menschen hinweggerafft habe, und daß auch sein Vater davon ergriffen sei. Er moge kommen, denn mit dem alten Mann werde es wohl zu Ende gehen. Sofort war Walter, von einem tüchtigen Arzt begleitet, heimwärts geeilt,
Zu spät!— Er konnte seinem Vater nur noch die Augen zu⸗ drücken. Im Sterbezimmer stand ein Strauß duftiger Frühlings- blumen. Als Walter die Nachbarin fragte, wer denselben gebracht, da antwortete diese:„Doktors Gretchen. Die arme junge Frau hat dem Leidenden viel Sorgfalt und Liebe bewiesen.“
Die arme junge Frau! So war sie nicht glücklich?— Die Nach⸗ barin schlug auf diese Frage einmal über das andere die Hände zusammen und fing geschwätzig an zu erzählen, wie Margarethe so unglücklich geworden. Der Mann, dem man sie gegeben, sei ihrer nicht werth gewesen. In kurzer Zeit habe er das von seinem Vater ererbte Vermögen vergeudet und in gewagten Spekulationen ver⸗


