Ausgabe 
25.12.1887
 
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zu den

Oberhessischen Uachrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Gießen, den 25. Dezember.

Hein Glücksstern.

Erzählung von Edda E.

5 0 Herr Thomas, das wäre fertig! Der kleine kahl⸗ köpfige Dekorateur suchte hastig seine sieben Sachen zusammen, packte sie in ein dunkelgrünes Tuch und stülpte sich seine abgeschabte Mütze mit der Miene eines Menschen auf, der am Vorabend freudiger Ereignisse steht.

Ja, was ist denn heute mit Euch los, Meister Krause? Ihr habt es ja verteufelt eilig! Brennt es irgendwo? Walter Thomas war den hastig trippelnden Bewegungen des dürren Männchens ge⸗ folgt, das jetzt mit einem Blick mitleidigen Erstaunens zu der reckenhaften Gestalt seines Arbeitgebers aufsah.

Ja, heute ist doch heiliger Abend und da muß ich mich

sputen, denn ich will meiner Alten noch zur Hand gehen, wenn sie den Christbaum putzt. Na, zu Haus wird man sich wohl wieder vor lauter Heimlichkeiten nicht durchfinden. Ach, Herr Thomas, manchmal wird's nem armen Familienvater herzlich sauer, sieben Kinder mit Ehren durchzubringen, aber an so nem Abend, wo man nicht weiß, ob die Helle von den Lichtern der Tanne, oder von den glücklichen Gesichtern der Kinder herkommt, da da wären mir zwölf auch nicht zu viel!

Wie seltsam die Augen des armen kleinen Handwerkers glänzten! Na, Adieu auch, Herr Thomas. Vergnügte Feiertage!

Da war er auch schon draußen und stürmte die Treppen hinab wie ein Knabe, der die Schule hinter sich hat. Ja freilich, er ging ja zu Weib und Kind! Ein Seufzer hob die Brust des

Zurückgebliebenen. Also der Weihnachtsabend war wieder da! Daran hatte er gar nicht gedacht. Deshalb war gewiß auch die alte Kadow, die ihn bediente, heute so besonders früh fortgegangen, die hatte ja auch zwei Enkelchen daheim, für die sie einen grünen Tannenzweig mit Aepfeln und Nüssen behängen mußte. Es wurde so still um ihn her, leise knisterte das Feuer im Kamin, sonst kein Laut in dem schönen Raume. Ungeduldig schritt Walter auf dem weichen Teppich auf und ab und schaute mit unzufriedenem Blick auf die kostbaren Portieren, die in weichen, schweren Falten Thür und Fenster umgaben, rückte hier an einem reichgeschnitzten Stuhl, schob dort eine Blumenetagere vor und ließ sich dann auf einen Sessel vor dem Kamin nieder.

Wie prächtig und schön war alles, was er sich durch Fleiß und Mühe erworben hatte, und doch es fehlte etwas in diesem kost⸗ bar und geschmackvoll eingerichteten Heim, etwas, das sich nicht durch Reichthum erwerben ließ es fehlte die weiche, sorgende Hand der Frau, das stille, liebevolle Walten eines Weibes, welches auch den armseligsten Raum traulich und heimlich machen kann. Weshalb hatte er sich denn nun eigentlich gemüht und geplagt, für wen diese Wohnung geschmückt? Er hatte ja auf der ganzen, weiten Welt Niemand, der sich daran freute, der ihm dankte, Nie⸗ mand, der ihn erheiterte, wenn wie heute die Einsamkeit

ihm fast das Herz abdrücken wollte. Mißmuthig warf er die eben angezündete Cigarette in's Feuer; das Rauchen wollte heute nicht schmecken. Er sprang auf. Vielleicht, daß die trüke Stimmung verflog, wenn er diese Räume verließ, die ihm keine Freude mehr machten, vielleicht, daß ihm bessere Gedanken kamen, wenn er mit lustigen Freunden plaudeite Ja so! Er war ja noch fremd in der großen Stadt, kannte noch Niemand, da er erst vor einigen Wochen sich in B. niedergelassen hatte.

Der Einsame trat an's Fenster und starrte hinaus. Leise und traumhaft sanken weiße Flocken nieder und hüllten Bäume und Dächer in ein weißes, schimmerndes Gewand ein. Der Feiertag sollte die Erde nicht in ihrer Nacktheit sehen, auch sie sollte ein glitzerndes Festkleid tragen. Schau, dort im gegenüberliegenden Hause waren die Fenster hell erleuchtet und Walter erblickte in einem der Zimmer eine kleine Schaar von Kindern beieinander sitzen, welche aufmerksam der Erzählung des ältesten Sch westerchens lauschte. Jetzt huschte eine Frau, wahrscheinlich die Mutter, durch's Zimmer, sorgsam einige Packete vor den neugierigen Blicken der Kinder verbergend: sie schmückte im Nebenraum den Tannenbaum. Wie sich die Kleinen jetzt an die Thür drängten, um durch das Schlüsselloch das Walten des Christkindchens zu belauschen! Ein krausköpfiges Mädchen drückte ihr Näschen an den Fensterscheiben fast platt. Wollte es vielleicht erspähen, wann das Christkindchen wieder davon fliege und seine beglückenden Gaben zu anderen Erden⸗ kindern trage?

Glückliche Kinderzeit, wie weit lag sie hinter dem einsamen Manne! Vor Walter's geistigem Auge stieg das Bild eines armseligen Stübchens auf, in dem ihm sein gutes Mütterchen ein winzig kleines Bäumchen mit dünnen Lichtern geschmückt und ihn mit warmen Handschuhen, Strümpfen und Halstüchern beschenkt hatte. Und in demselben engen Raume ruhte sein Vater mit seinem edlen, ernsten Gesicht von harter Arbeit aus und pflanzte dem geliebten Sohne das beste Gut des Menschen, die Moral, in's Herz. Wie glücklich war er damals, wie geborgen fühlte er sich. Ihn konnte keine Unbill des Lebens treffen, sein Mütterchen wachte ja über ihn. Ach, wie bald erloschen die Kerzen, und statt des ersehnten Christ⸗ kindes kam der unbarmherzige Tod in ihr Haus. Die Mutter; hände, die stets so sanft über sein dunkles Haar gefahren, die alle Thränen kindlichen Schmerzes so bald zu trocknen gewußt, waren kalt und starr geworden, und während in allen Häusern die Weih⸗ nachtzkerzen aufflammten, beugten sich Vater und Sohn gramvoll über die Leiche der besten aller Frauen.

Dem Sinnenden stieg es heiß in die Augen, aber nur kurze Zeit verdunkelte sich sein Blick, dann fuhr er mit der Hand über das Gesicht, als wolle er die wehmüthigen Gedanken von der Stirn verbannen. Hei, wie die Flocken jetzt so wild durcheinander wir⸗