Ausgabe 
24.7.1887
 
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zu geben, und weil einem Fischer doch nichts erwünschter sein kann

als ein Boot, so haben wir beschlossen, ein ebenso stattliches Fahr⸗

zeug als Christinens Vater es besitzt, fix und fertig für Sie bauen

zu lassen. Ich denke, es soll Ihnen Glück bringen, und wenn Sie mir noch die Freude machen wollen, esMax zu nennen, so wird

mir das eine ganz besondere Genugthuung sein.

Sie lächelte und nickte ihm zu, und diesmal begriff Jan, was sie meinte, seine Augen öffneten sich immer weiter; seine Lippen bewegten sich, aber sagen konnte er nichts.

Und wenn Sie ein eigenes Schiff besitzen, zum nächsten Frühling ganz gewiß, sagte die Dame lächelnd,so müssen Sie selbstver ständlich auch eine Frau haben, und ich kenne eine, die, wenn ich nicht irre, gerade für Sie passen müßte. Was meinen Sie zu Christine Geerts? Ich habe mir die Freiheit genommen, bei dem Vater des Mädchens um dasselbe für Sie anzuhalten und habe eine günstige Antwort erhalten. Es handelt sich jetzt wirklich nur noch darum, ob Sie Christine zur Frau haben wollen?

Diesmal lachte Jan über's ganze Gesicht. Seine Augen richteten sich in banger Frage auf Peter Geerts, und als der ihm lächelnd seine Hand entgegen hielt, wechselten die Beiden einen einzigen kräftigen Händedruck, der aber bedeutete mehr als viele Worte und genügte vollkommen zu ihrer Verständigung. Jan lachte wieder herzhaft in den dumpfen Brusttönen, die ihm eigenthümlich waren, und Frau Helmich, die erkannte, welche gewaltige Aufregung in dem von seinem Glück so unerwartet überraschten Burschen arbeitete und vergebens nach Ausdruck rang, wollte ihm Zeit gönnen, sich zu fassen. Sie sagte, daß sie Frau Geerts ebenfalls begrüßen möchte und trat mit deren Mann in das Haus. N

Jan wußte nicht, ob er wache oder träume, ob er ihnen folgen oder bleiben solle, da legten sich wieder wie schon, oftmals früher ein Paar Hände von rückwärts her über die Augen.Stinchen! schrie er auf.

Ja, sie war es, sie hatte sich leise herbeigeschlichen, und jetzt, den Kopf dicht zu dem seinigen geneigt, fragte sie halb lachend, halb weinend:Du guter, alter, thörichter Jan, bist Du nun zu

frieden und machst kein dummes Zeug mehr und prüͤgelst nicht ganz

unschuldige Leute? Stinchen! Er sprang auf, er zog sie zu sich und Gott sei Dank, er fand die Sprache vollkommen wieder!

Im nächsten Frühling zu Jan und Stinchens Hochzeit kam Frau Helmich mit ihrem Max von Hamburg herübergereist. Sie sah nicht gern, daß darüber geredet wurde; aber Jedermann in Neudorf wußte es doch, daß sie beinahe allein aus ihren Mitteln das schöne Boot hatte bauen lassen, das schmuck gemalt mit schönen, weißen Segeln und roth umsäumtem Wimpel, in dem groß der NameMax zu lesen war, sich auf den blauen Wellen schaukelte.

Das Hochzeitsmahl fand inHansens Hotel statt, und der alte Harms, der oben am Tische neben Frau Helmich saß, versicherte dieser einmal über's andere, daß er, nun er diesen Tag erlebt, gerne sterben wolle. Die Dame selbst hatte Stinchen den Kranz von frischen Myrthen auf das blonde Haar gesetzt und ihr eine Schnur leuchtender Korallen um den Hals gehängt. Niemand ahnte, wie sie in ihrem Herzen damit gleichsam Sühne leistete und Abbitte that für ihre früheren Zweifel an edle, warme Empfindung auch unter rauher Hülle und formloser äußerer Gestalt. a

Ein Fichtenbaum steht einsam. Novelle von M. Elton.

Schüchternheit ist ein schlimmer Dämpfer für die nach Ent⸗ faltung drängenden geistigen Fähigkeiten eines jungen Menschen. Mir war die Blödigkeit als Pathengeschenk auf den Lebensweg mit⸗ gegeben worden von den drei alten Junggesellen, die die muntere Laune meiner Mutter mir als Pathen ausersehen, und die, wie ich die lebhafte Frau später öfters unter fröhlichem Gelächter habe er⸗ zählen hören, an meinem denkwürdigen Tauftage Alles geleistet haben

sollen, was nur immer im Linkischen, Verkehrten an Thaten, Worten

und Bücklingen möglicherweise geleistet werden kann. Ich will

nicht von den Jahren reden, da mich diese Mitgift quälte, ohne

daß ich ihr einen Namen zu geben vermochte. Als ich mir klar bewußt wurde, daß ich einblöder Mensch war, befand ich mich mitten im Studium der Theologie. Wie es nun an die Vorproben zum Predigen ging, stand ich, an allen Gliedern zitternd, mit kaltem Schweiß bedeckt auf der Kanzel und entledigte mich der gewissenhaft vorbereiteten Aufgabe so schlecht wie möglich. Der wohlmeinende Rath meiner Obern bestimmte mich zum Studium der Philologie, welches Studium mich später in den Stand setzen werde, an einem Gymnasium Anstellung zu finden. Ich war nun Kandidat der Theologie und der Philologie, die geeignete Stelle aber wollte sich nicht finden. Meine Eltern lebten in beschränkten Verhältnissen, und da ich der Aelteste von zehn Geschwistern war, ging ich selbst verständlich nicht nach Hause und wartete meine Anstellung ruhig ab. Es ist kein Mangel an guten hilfbereiten Menschen auf der Welt, und so war bald ein Platz im Hause eines hohen Offiziers für mich gefunden, der versuchsweise es mit dem Privatstudium eines etwas leichtfertigen Neffen probiren wollte.

Nach den ersten Monaten begab ich mich, mir Muth zusprechend, in das Studierzimmer der Excellenz und wiederholte mir noch ein mal vor der Thüre Wort für Wort meinen Spruch:Herr Graf, Excellenz, Ihr Neffe ist ein lieber gutherziger Mensch; wäre es unsere Aufgabe, die Klassenstunden gemüthlich zu durchplaudern, so dürfte ich ihm das glänzendste Zeugniß geben, zum Studieren und Arbeiten aber wird er nicht zu vermögen sein, so lange ich sein Lehrer bin. Ich stand vor der Excellenz, quetschte mir die Hände und brachte endlich unter der gütigen Mitwirkung des freund lichen Mannes ungefähr heraus, was ich sagen wollte.

Sie meinen, der Junge thut nichts, habe mir es gedacht, sagte er und sah sinnend vor sich hin.Nehmen Sie es sich nur nicht so sehr zu Herzen, Herr Kandidat, Sie wären der einzige Lehrer, der mir anderes über den lieben Neffen berichten würde. Halten Sie es nur noch bis zum Herbst aus, dann werde ich es noch einmal mit der Kadettenschule versuchen.

Im Herbst war ich entlassen und gerade im Begriff, mich aus der Hauptstadt in das kleine Heimathsstädtchen zu begeben, da schrieb mir ein Freund, ein junger Philologe, welcher Hauslehrer in Frank reich war, er wisse eine Stelle für mich, wenn ich mich unverzüglich zu ihm begeben wolle. Zwei Tage darauf führte er mich in Paris zu einer Dame, die gütig genug war, mein Benehmen, über welches ich mich nachträglich schwer ärgerte, meinem mangelhaften Französisch zuzuschreiben.

Du mußt aus Dir heraustreten und Deine Schüchternheit über winden, sagte kopfschüttelnd mein Freund, als ich bereits als Er⸗ zieher des siebzehnjährigen Sohnes der Marquise de Boisville an genommen war. Er stand so unabhängig von jeder körperlichen Schwäche vor mir, war mir so gewandt, so bewunderungswürdig der Marquise gegenüber vorgekommen, daß ich kläglich zu ihm sagte:

Fritz, ich bin nun fest überzeugt, daß die Schraube inwendig eine Krankheit ist, wie jede andere.

Die Du selbst aus dem Fundament heraus kuriren kannst, lachte Fritz Bornemann.

Die Krankheit ist ein chronisches Uebel, antwortete ich und schüttelte hoffnungslos den Kopf.

Der Verkehr mit der liebenswürdigen Marquise wird Deine verdammte Bescheidenheit, die Wurzel jedes Uebels, endlich gründlich ausrotten, die Dame hat das Talent, es Jedem behaglich zu machen.

Warum hat mein Vorgänger sie verlassen?

Der? Der bekam Händel mit der alten Dame in Piney, lachte Fritz Bornemann sonderbar in sich hinein.Die Marquise wird es Dir selbst erzählen, ich will ihr nicht vorgreifen; sie wird nichts bemänteln, sie ist von einer geradezu frappirenden Offenheit.

Wir durchmaßen Paris von einem Ende zum andern, Fritz war ein guter Führer und kannte die Stadt. Seit einigen Jahren Er⸗ zieher bei den Enkeln des Due de Montmorency, von der Familie mit liebenswürdiger Rücksicht behandelt, fühlte er sich behaglich in dem Ansehen, dessen er sich erfreute. Mir ging eine neue Welt auf in dem geschäftigen muntern Paris und ich gedachte ohne jegliches Bedauern der langen Abende, die, nachdem der alte schweigsame Herr mit uns zu Abend gegessen und sich dann zurückgezogen, den gefälligen faulen Schüler und mich bis zehn Uhr an das Schul⸗ zimmer fesselten.

Nie habe ich wieder einen Menschen gesehen, der sich dem Da sein so sorglos und fröhlich hingegeben, wie die Marquise. Es