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mußte einem wohl werden unter dem cwig heiteren Himmel, den ihre Auffassung von Welt und Menschen über ihre Umgebung breitete. Reich durch eine dem verstorbenen Marquis in seinen letzten Lebens⸗ jahren zugefallene Erbschaft, ließ sie sich in der behaglichsten Atmo⸗ sphäre nach Belieben gehen. Alles war prächtig und bequem in ihrem Pariser Haus, von Zwang und Einschränkung wußte man nichts bei ihr.
„Hier ist mein Sohn,“ sagte sie, als ich meinen definitiven Einzug hielt;„er ist siebenzehn Jahre alt, dumm ist er, glaube ich, nicht. Setzen Sie sich, Herr Liäbär(Lieber ist mein Name) hierher auf die andere Seite des Kamins, damit wir ein Bischen plaudern können.“ Sie hielt einen kleinen runden Fächer vor das Gesicht, um es gegen die vom Kamin ausströmende Hitze zu schützen. Die Marquise war eine schöne Frau mit sehr lebhaften Augen, vollem dunkeln Haar, schlank, von mittlerer Größe. Man sah es ihr an, sie war zufrieden damit, wie der liebe Gott ihre Person gemacht.„Meinem Sohn gefallen Sie,“ fuhr sie fort;„er hat Sie bei Ihrem ersten Erscheinen hinter der Portiere beobachtet und findet, daß Sie wie ein Heiliger aussehen.“
„Aber Mama!“ rief der junge Marquis und lachte erröthend auf. Ich spürte es heiß werden bis in die Augen hinein.
Sie betrachtete mich mitleidig, bewegte spielend ihren Ecran, wie sie den kleinen Fächer nannte und sagte:„Nun, Gury, ich wollte nur Deinem Prezepteur sagen, daß mit uns Beiden aus⸗ zukommen ist. Da lebt nun meine Mutter in Pincy, und seit mein Sohn jagdfähig ist, hält er darauf, den. Dezember in dem wildreichen Departement bei seiner Großmutter zuzubringen. Das ist nun einmal eine Caprice, die er mir nicht opfert und durch seine Hartnäckigkeit haben wir schon mehrere Erzieher eingebüßt, recht schätzenswerthe Männer.“
„Sie müssen wissen, Herr Liäbär, daß wir in der Normandie nur die Jagd auf Hasen und Feldhühner haben, und daß es eine Wonne ist, in Pincy zu jagen,“ erklärte mir der junge Herr mit hocherhobenem Kopfe.
Ich nickte verständnißvoll und die Marquise sagte, indem sie die Augen auf die Spitzen ihrer kleinen Pantöffelchen senkte:„Viel⸗ leicht wäre es besser, Sie unvorbereitet nach Piney gehen zu lassen, und doch denke ich, Sie lassen sich vielleicht von vornherein zu sehr entmuthigen. Meine Mutter ist eine sonderbare Frau und muß, wie man sagt, immer ihr»Bete noires haben. Leider ist sie jetzt völlig im Zuge, es in den Erziehern meines Sohnes zu suchen.“
Mein erstauntes verblüfftes Gesicht mochte die Marquise zu fol⸗ gender Bemerkung veranlassen.„Durch traurige Verhältnisse in den ehelichen und finanziellen Angelegenheiten meiner Eltern bin ich schon als kleines Kind zu meinem Onkel gekommen und bei ihm erzogen worden, beurtheile meine Mutter also ganz objektiv, und da ich ihr nie besondere Sympathieen eingeflößt habe und sie nur in mir das getreue Abbild eines Mannes sah, von dem sie getrennt lebte, so sind wir uns nicht näher getreten. Sie hat gewiß große bedeutende Eigenschaften, für ihre Angehörigen aber sind dieselben verloren gegangen. Sie werden eine gelehrte Frau finden, die beständig Sie beobachtet, Ihnen eine Schwäche abzulauern, sei es in Ihrer Charakteranlage oder auf wissenschaftlichem Gebiet. Meine Mutter ist unerbittlich, Herr Liäbär, seien Sie auf Ihrer Hut. Ihre Physiognomie hat uns bestimmt, Ihnen den Vorzug zu geben, vielleicht besänftigt der friedliche, fromme Ausdruck Ihres Gesichtes auch die erregte Frau.“
Als ich mich in mein luxuriös ausgestattetes Zimmer begeben hatte, lud mich der hohe, bis zur Marmorplatte des Kamins herunter⸗ gehende Spiegel gewissermaßen ein, mein Angesicht einer gründlichen Forschung zu unterwerfen. Ich war meinen natürlichen Anlagen nach ein friedfertiger Mensch, der keine Gefahr lief, in Konflikt mit sich selbst, noch mit der Welt zu gerathen, und trotz dem ein⸗ gehenden Blick, mit dem ich meine Züge examinirte, bemerkte ich nicht, daß es in ihnen anders ausgesehen hätte, wie in meinem Innern, ohne daß ich aber die geringste Spur von dem hehren, siegreichen Ausdruck der Heiligen darin entdeckt hätte.
Ohne die Aussicht auf den Aufenthalt im Departement der Seine und Marne wäre mein Leben im Hause der lebensfrohen Marquise das sorgloseste und wünschenswertheste gewesen. Wohl gab Frau de Boisville manche Gesellschaften, aber sie erheischte nicht meine Gegenwart, als ich sie darum ersuchte, mich von größeren Gesell⸗ schaften dispensiren zu wollen. Ihr gegenüber fühlte ich mich frei
von innerlichem Druck und ließ mich aufathmend mit ihr in einer gemüthlichen Unterhaltung gehen. Es waren keine vierzehn Tage vergangen, da kannte ich ihre einfache Lebensgeschichte:„Jung an einen zwanzig Jahre älteren Mann verheirathet, in bescheidenen Verhältnissen, der Mann mißmüthig, krank; da kam die unverhoffte Erbschaft, einige Jahre darnach der Tod des Marquis. Sie gestand offen, daß sie nicht abgeneigt sei, sich wieder zu verheirathen, daß dies aber von Tag zu Tag mißlicher werde, des heranwachsenden Sohnes wegen.“— Ich sah auf der heitern Stirne eine trübe Wolke.„Begreifen Sie meinen sehnsüchtigen Wunsch?“ fragte sie und dehnte sich in dem Sessel vor dem Kamin, dem Plätzchen, das
sie immer zum vertraulichen Plaudern einzuladen schien,„ich mochte
die Liebe in der Ehe kennen lernen.“
Mein Erröthen mochte sie belustigen, denn wenn ich nach solchen unverhofften Geständnissen den Blick schüchtern auf sie richtete, sah ich, wie sie den Ecran schnell vor den wohlwollend lächelnden Mund und die fröhlichen Augen brachte.
Ueber meinen Schüler als solchen wüßte ich kaum anders zu berichten, als daß er mit der Billigung seiner Mutter mir ziemlich
unabhängig gegenüber stand; er hatte nicht die schmiegsame Höflichkeit
meines Berliner Schülers; im Bewußtsein, seine Schuldigkeit zu thun, war er geneigt, sich im Uebrigen ganz als frei und sein eigner Herr zu betrachten. für die Genüsse der Jagd in der Champagne und mir wurde es immer beklommener zu Muthe. Es war mir, als sähe die Diener⸗ schaft mich mit einem gewissen Mitleid an, und besonders der Be. diente mit den guten offenen Zügen, der als ganz junger Bursche in die Dienste der Marquise gekommen war und der besondern
Gunst sich erfreute, er betrachtete mich verstohlen, als er mein Zimmer
aufräumte. 5
„Wollen Sie mir Ihre Befehle in Bezug auf Ihren Koffer geben,“ sagte Henri, ehe er das Zimmer verließ.
„Ich packe mir das Wenige schon selbst,“ antwortete ich ihm, „Frau Gräfin Dutillier lebt ganz zurückgezogen, nicht?“
„Ja wohl, sieht aber sehr auf sorgfältige Toilette,“ sagte Henri etwas verlegen über seine Bemerkung.
Er war mitten in den Vorbereitungen
„Sagen Sie, Henri, halten Sie die Gräfin für eine gute
Frau?“ fragte ich, seines Versteckenspielens müde.
Er zog die Augenbrauen in die Höhe mit einem Ausdruck des
Zweifels.„Sie ist offen, spielt nie verstecktes Spiel,“ sagte er endlich.
„So spielen Sie mir gegenüber auch keins, Henri. Glauben
Sie, daß die alte Dame Gefühl hat?“ „Nein, das glaube ich nicht,“ antwortete er prompt.
und die Frau Marquise den ganzen Tag weinte, ging ich am halb offenen Zimmer der Frau Gräfin, die gerade hier war, vorüber und habe gehört, wie sie mit lauter Stimme sang.“
Ich stellte keine weitere Frage. Die Aussicht, der Gast einer alten Frau zu werden, die im Hader mit sich und der Welt lebte, war mir widerwärtig. Obschon, ich den Frieden liebe, bin ich nie einem Angreifer ausgewichen; aber wie ich mich den Nadelstichen
und Quälereien einer Greisin gegenüber zu verhalten hatte, das
wollte mir nicht klar werden.— Ich weiß nicht, warum mir meine alte Excellenz mit dem stillen tiefen Blick einfiel, und ich lebhaft wünschte, Gräfin Dutillier möge ihm gleichen. Im Ganzen war ich wenig erbaut von seinem zurückhaltenden Wesen gewesen, das
meiner Person nicht das geringste Interesse zugewendet hatte.
Wir reisten ab, die Marquise rief uns eine»bonne chances zu, welches ich mit dem etwas mokanten Lächeln, das ihren Wunsch begleitete, schweren Herzens für mich in Empfang nahm. 5
Wir kamen in Pincy an; es erwartete uns kein Wagen an der Station, obgleich der Weg bis zum letzten Hause, in dem die Gräfin Dutillier wohnte, ein recht weiter war. Der Bediente des jungen Marquis belud sich mit den Jagdgeräthschaften und wir passirten das Städtchen.
„Das ist Großmama's Schloß,“ sagte Guy lachend und deutete auf ein zweistöckiges weißes Haus mit grünen Läden, das, ländlich anspruchslos, in einem großen Garten lag. Eine alte Frau mit schneeweißem dichten Haar, das, zurückgekämmt, hinten recht kräftigen Zopf auslief, wurde in der Hausthüre sichtbar. Ihr dunkles Kleid war von puritanischer Einfachheit. Sie begrüßte den ihr entgegeneilenden Enkel mit einem flüchtigen Kuß und schon sahen
die durchdringenden grauen Augen nach dem Opfer, das gottergeben ä
Als vor 7 3 einigen Jahren die Nachricht vom Tode ihres Mannes hierher kam,
in einen
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