Ausgabe 
24.7.1887
 
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kam, ein jeder Betheiligte zuerst mit den Blicken und vollzählig, wenn auch beinahe ohnmächtig, waren sie da. Jan trug den völlig besinnungslosen Max auf seinen Armen an's Land. In dem Augen⸗ blick aber, als er den Rand des Bootes überschritt, riß der in er⸗ neuter Wuth dahersausende Sturm das eine in der Hast vielleicht ungenügend befestigte Segel los. Durch rasches Ausweichen nur gelang es Jan, den Knaben vor dem wuchtigen Schlage der Segel stange zu schützen, ihn selber aber traf sie schmetternd an die Stirn, und während Frau Helmich den geretteten Sohn in ihren Armen empfing, sank der brave Fischer lautlos nieder auf den von der Fluth überspülten Ufersand.

VI.

Auf die Frage, wie Jan, der doch hinter Schloß und Riegel sitzen sollte, in der Stunde der Gefahr so rechtzeitig hatte am Platze erscheinen können, auf die Frage gab es eine sehr einfache Antwort. Wie so häufig, war auch hier die Nachricht über Jan's Streit über trieben worden. Allerdings hatte Jan in seiner Aufregung einen Mann zu Boden geschlagen. Der Landjäger hatte ihn auch, um weiteres Unheil zu verhüten, und weil sich die Tragweite der That noch nicht übersehen ließ, mitgenommen und eingesperrt. Da der Geschädigte indessen aus seiner Betäubung später wieder erwacht war, und außer dem anfänglich heftig auftretenden Nasenbluten keine nachtheiligen Folgen weiter verspürte; da er auf Stellung eines Straf antrages verzichtet, wahrscheinlich in dem Bewußtsein, daß eine gerichtliche Untersuchung auch an den Tag bringen müsse, wie schwer er Jan gereizt, wurde dieser am nächstfolgenden Tage aus der Haft wieder entlassen.

Er hatte trotz seiner letzten unglücklichen Erlebnisse in Neudorf nichts Eiligeres zu thun gehabt, als dahin zurückzukehren, wo er gerade noch früh genug angelangt war, um sich unerschrocken in die Gefahr zu stürzen und das schwierige Rettungswerk zu vollbringen.

Ein unangenehmer, prickelnder Schmerz an der Stirn war die erste Empfindung, deren er sich nach seinem Unfall beim Landen, nach einer langen und tiefen Ohnmacht, wieder bewußt wurde, und zugleich vernahm er von einer ihm unbekannten Männerstimme dicht neben sich die Worte:Es ist ein Glück, daß er einen so eisen festen Hirnschädel hat. Ich denke, bei seiner sonstigen guten Gesund heit bringen wir ihn in nicht allzu langer Zeit wieder auf die Beine.

Jan begriff nicht, was das bedeutete und wo er war. Er er⸗ hob die Hand, um nach seinem Kopf zu fassen, fühlte sie aber so gleich ergriffen und niedergehalten; er hätte sich aufrichten mögen, aber eine bleierne Mattigkeit, ein ihm sonst durchaus unbekanntes Gefühl hielt alle seine Glieder wie gefesselt. Die Augen vermochte er aber doch ein wenig zu öffnen, und da erblickte er ein bärtiges Gesicht, das sich über ihn beugte, ein Paar große, weiße Hände, die mit Nadel und Faden an seiner Stirn umherfingerten und ihm jene über die Maßen unangenehme Empfindung erregten.

Er erkannte das fremde Gesicht als dem Arzte in Tr. angehörend, den er wohl oft, wenn er während der Badezeit täglich nach Neu⸗ dorf herüberkam, gesehen, wenn auch nie weiter mit ihm zu thun gehabt hatte. Er vernahm, wie der Doktor freundlich beruhigende Worte an ihn richtete, ihn ermahnte, ganz still zu liegen, und er sah weiter um sich und erkannte Peter Geerts, der seine Hände fest wie in einem Schraubstock hielt, und da war auch Frau Anna und der Großvater. Eine unbeschreiblich wohlige Empfindung überkam ihn trotz der körperlichen Schmerzen. Nur das Eine begriff er, daß er wieder in dem Hause war, mit dem alle seine Lebensinteressen verwebt waren, inmitten der Familie, von der man ihn nicht hätte losreißen können, ohne seinen Lebensnerv zu durchschneiden; dann verwirrten sich auf's Neue seine Gedanken. Müde und schwer sanken seine Augenlider herab und nur ein unbeschreiblich wohl thuendes Gefühl von Kühlung auf seiner Stirn machte sich ihm noch bemerkbar.

Mit den kalten Umschlägen muß ohne Unterbrechung fort gefahren werden, sagte der Doktor zu den Umstehenden, indem er sein Geräth, mit dem er die klaffende Wunde an Jan's Stirn zugenäht, wieder zusammenpackte,weiter ist für jetzt nichts zu machen. Wie gesagt aber, wenn sich nicht noch innere Verletzungen berausstellen, und wenn nichts Störendes dazwischen tritt, denke ich, kommt er bald wieder auf die Beine.

Der Erfolg sollte diesen Auespruch rechtfertigen, die kerngesunde

Natur des jungen Fischers half ihm, den Stoß zu überwinden. Vierzehn Tage waren kaum vergangen, da saß er schon wieder, wenn auch noch mit verbundenem Kopfe, vor der Thür von Peter Geerts Häuschen auf der nämlichen Bank, auf welcher der Eigen⸗ thümer an jenem verhängnißvollen Sonntag Nachmittag gesessen hatte. Jan freute sich des seine Adern durchströmenden Gefühls wieder⸗ kehrender Gesundheit. Er freute sich des hellen Sonnenscheins und des milden kräftigenden Windes, der wohlthuend seinen leidenden Kopf umwehte, und doch war er nicht innerlich froh und zufrieden. Peter Geerts und seine Frau hatten ihn während der über- standenen schlimmen Zeit wie einen Sohn gepflegt; mit keinem Worte war selbst der erstere auf das Zerwürfniß von neulich zurück⸗ gekommen; aber das eben war auch wieder das Beunruhigende, 0 denn von der Zukunft, wie nun alles werden sollte, war auch kein Wort gesprochen. Stinchen hatte er all die Zeit über nicht ein 0

einziges Mal gesehen. Was sollte daraus werden? Pflegten sie ihn nur heraus, weil es Christenpflicht war, und um, wenn er vollkommen wieder hergestellt war, ihn mit einem:Jetzt geh' Deiner Wege fortzuschicken? 1 Jan fühlte sich bei dem Gedanken immer unbehaglicher. Sein während der letzten Wochen merklich abgeblaßtes Gesicht nahm einen trübseligen Ausdruck an, und allerlei schwermüthige Gedanken, z. B. daß es sich recht kühl und friedlich auf dem Meeresgrunde in der Tiefe dort unten müsse ausruhen lassen; oder daß, wäre sein Schädel etwas weniger fest und stark gewesen, jetzt aller Kummer, alle Herzensangst zu Ende sein würden, regten sich in seiner ehrlichen Seele und verdüsterten seine Stimmung immer mehr. Dies müßige Dasitzen wollte ihm ohnehin nicht behagen. Jan seufzte, daß es einen Stein hätte erweichen können und plötzlich schrak er zusammen. Der letzte Blutstropfen schien sein Gesicht zu verlassen. Denn die Promenade entlang, auf das Häuschen zu kam Peter Geerts und an seiner Seite, sich mit ihm unterredend, ganz als wäre er ihres- gleichen Frau Helmich. 9 Was beabsichtigte die? Und wie angelegentlich die Beiden mit einander redeten! Es war klar, jetzt wurde die Sache unter ihnen abgemacht; Stinchen sollte mit nach Hamburg und dann bekam er, Jan, sie vielleicht in seinem Leben nicht wieder zu sehen, vielleicht heirathete sie auch einen Miethskutscher; ja, was konnte dann nicht alles geschehen! 1 Sein unerfreulicher Gedankengang wurde dadurch unterbrochen, daß Frau Helmich und Geerts immer näher herankamen. Die Dame schien sehr heiter angeregt, und das war zum Theil darin begründet, daß der schreckliche Gewitterabend, nachdem er glücklich überstanden, N sie von einer schweren Sorge befreit hatte. Max war gründlich von ö seiner Vorliebe für die See und dem Plane, Seemann zu werden, geheilt. Nur mit Schaudern vermochte er jener entsetzlichen Stunde noch zu gedenken. Durch ein leichtes Kranksein hatte er sie über- dies bezahlen müssen, und deshalb war auch die Abreise für ihn und die Mutter verzögert worden. 5 Frau Helmich kam gerade auf Jan zu. Sie streckte ihm ihre zarte, fein behandschuhte Hand entgegen, die er sehr verlegen und unbehülflich einen Augenblick zwischen seine großen Finger nahm, dann setzte sie sich sogar neben ihn auf die Bank und machte ihm die überraschende Mittheilung, daß sie einzig und allein gekommen sei, ihn zu besuchen und sich nach seinem Wohlsein zu erkundigen. Sie sah ihn dabei so freundlich an, daß Jan immer mehr in Verwirrung gerieth und als Antwort auf ihre theilnehmenden Fragen nur einige unverständliche Laute aus seiner Kehle hervorbra te. Sie sagte, daß sie ihm nie vergessen, nie genug danken könne für das, was er für ihren Sohn und für sie gethan habe, daß sie un · tröstlich gewesen sein würde, wenn er durch seine edle Aufopferung sich ein unheilbares Uebel zugezogen oder gar den Tod gefunden hatte. Maßloses Erstaunen malte sich bei ihren Worten auf des jungen Fischers breitem Gesichte. Es war ihm nie eingefallen, was er gethan, für etwas Besonderes zu halten. Peter Geerts und sein Boot,unser Boot, überhaupt Menschen in Gefahr zu sehen und das Rettungswerk nicht mit Einsatz aller seiner Kraft unbedenklich sofort zu beginnen, der Fall war ja überhaupt ganz undenkbar, Jan verstand offenbar die Frau in ihrer bewegten Dankesrede gar nicht; aber sie war noch nicht zu Ende.Alle diejenigen, fuhr sie fort,die in dem gefährdeten Schiffe waren oder ihre Angehö rig darin hatten, und ich nicht zum Wenigsten, wir möchten die Freu

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haben, Ihnen auch einen sichtbaren Beweis unserer Erkenntlichkeit

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