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wie Graf Eberhard der Rauschebart, nicht nur bei unseren Ge⸗ sangvereinen eine bleibende Stätte gefunden, sondern werden sogar schon in der Schule dem Kindergemüthe eingeprägt.
Von weit weniger günstigem Erfolg als seine Lieder und Balladen waren die dramatischen Arbeiten Uhlands begleitet. Und obgleich Dichtungen wie„Konradin“,„Ernst, Herzog von Schwaben“ und „Ludwig der Baier“ hohe und ideale Gesinnungen vertreten, geht denselben doch die wirkliche dramatische Gestaltung und Bühnen⸗ technik ab, ohne welche ein dauernder Erfolg nicht erzielt werden kann.
Außer in seinen Liedern zeigt sich die Meisterschaft Uhlands noch ganz besonders in seinen Balladen und Romanzen, und wären außer den bereits erwähnten noch vorzüglich„die Mähderin“,„das Schloß am Meer“,„die Bidassoabrücke“,„Taillefer“,„das Glück von Edenhall“ und noch viele andere zu nennen, deren eigenartige Schönheit von keinem anderen Dichter erreicht wurde.
Allein nicht nur dem tiefen, oft trüben Ernste, der aus den meisten dieser Dichtungen spricht, huldigt Uhland; auch dem Humor ist er zugänglich, was wir aus verschiedenen seiner Lieder, wie „Unstern“, seinen Trinkliedern, seinen Glossen u. s. w. ersehen.
Erst im Jahre 1848 trat Uhland wieder als Politiker an die Oeffentlichkeit, da er auf Veranlassung des Kultusministers Paul Pfizer von Württemberg als einer der Vertrauensmänner nach Frankfurt zur Vorberathung einer Verfassungsreform abgesandt, und kurz nach seiner Abreise dahin vom Bezirk Tübingen⸗Rottenburg als Abgeordneter für die Nationalversammlung gewählt wurde. Zu Frankfurt nahm er im Parlamente seinen Sitz auf der Linken des Zentrums ein, mit welcher er auch zumeist stimmte. Indessen hatte er bei der Wahl des Reichsverwesers nicht dem Erzherzog Johann von Oesterreich, sondern Heinrich von Gagern seine Stimme gegeben, obgleich er sich ganz direkt gegen einen Ausschluß Oesterreichs aus dem Reichsverbande erklärte. In einer Rede vom 22. Januar 1849 sprach sich Uhland entschieden für eine nur sechsjährige Wahl des Reichsoberhauptes aus und hob hervor, daß die Wurzel des deutschen Staatslebens eine demokratische sein müsse.
„Zum Schluß, meine Herren,“ beendete Uhland seine Rede, „verwerfen Sie die Erblichkeit, schaffen Sie keinen herrschenden Einzel— staat, stoßen Sie Oesterreich nicht ab, retten Sie das Wahlrecht, dieses kostbare Volksrecht. Glauben Sie, meine Herren, es wird kein Haupt über Deutschland leuchten, das nicht mit einem vollen Tropfen demokratischen Oeles gesalbt 10750
In das Handschriftenalbum aber, in welches sich sämmtliche Parlamentsmitglieder zu Frankfurt zur Erinnerung an eine Zeit gemein⸗ samen Strebens und Hoffens eintrugen, schrieb Ludwig Uhland unterm 7. März 1849:
„Aus dem Geist einer mächtigen Volkserhebung muß auch die Form, die ihn fassen soll, geschaffen werden.“
Obgleich Uhland anfänglich gegen das Fortbestehen eines Rumpf— parlamentes gestimmt hatte, hielt der zweiundsechszigjährige Greis doch der Gefahr Stand und ging mit demselben nach Stuttgart. Von hier wurde er jedoch nebst den übrigen Getreuen— er selbst, Präsident Löwe und Schott an der Spitze— durch Militärgewalt vertrieben.
Nachdem sich die Wogen jener stürmischen Bewegung gelegt, verfloß der Lebensabend Ühlands in ruhigerer Weise. Blieb er auch stets seiner Gesinnung getreu, und empfand er auch fortwährend die wärmste Theilnahme für die Geschicke seines Volkes und Vater⸗ landes, so griff er doch nicht mehr selbstthätig mit ein. Auch seine Leyer verstummte mit den vorrückenden Jahren mehr und mehr und war er nicht der Mann, die Muse, wenn sie sich nicht freiwillig einstellte, in seinen Dienst zu zwingen. Sagt er doch selbst in einem, seinem Nachlasse entnommenen Sinnspruche:
Das Lied, es mag am Lebensabend schweigen, Sieht nur der Geist dann heil'ge Sterne steigen.
Wie hoch er aber selbst die Kunst des Gesanges stellte, ersehen wir aus zwei seiner herrlichsten Balladen:„des Sängers Fluch“ und„Bertran de Born“. Mit wie einfachen und doch beredten Worten, mit wie überzeugender Wahrheit schildert Uhland hier, wie der einstige Troubadour durch die dämonische Gewalt seines Gesanges die Unterthanen, ja selbst die Kinder dem König und Vater ent⸗ fremdet und von ihrer Pflicht abwendig macht. Und wie dann der gefesselte Sänger, dem Liebesschmerz und der Verlust des Freundes zwar nicht den Trotz gebeugt, aber doch das einst so wilde Herz
mit tiefem Kummer erfüllte, ohne es zu beabsichtigen, durch die himmlische Macht seines Liedes selbst das in gerechtem Zorn auf wallende Gemüth des Königs rührt und zur edelsten der Tugenden, zum Verzeihen, bewegt. In„Sängers Fluch“ dagegen zeigt uns Uhland in ergreifender Weise, wie nur der Barbar der göttlichen Kunst des Gesanges unzugänglich ist und wie brutale Verachtung derselben sich am schwersten an dem Verächter selbst rächt.
Die meisten Gedichte Uhland's sind bis zum Jahre 1835 Uent⸗ standen. Daß er sich aber bis in sein höchstes Alter warme Empfin⸗ dung für alles Edle und Gute bewahrte, das geht aus den wenigen nach seinem Tode in seinem Nachlasse veröffentlichten Zeilen hervor:
Von aller Herrschaft, die auf Erden waltet
Und der die Völker pflichten oder fröhnen,
Ist eine nur, je herrischer sie schaltet,
Um so gepries'ner selbst der Freiheit Söhnen; Es ist das Königthum, das nie veraltet,
Das beil'ge Reich des Wahren, Guten, Schönen; Vor dieser unbedingten Herrschaft beugen
Der Freiheit Kämpfer sich und Bluteszeugen.
Die letzte öffentliche Rede hielt Uhland 1859, als er, ein zwei⸗ undsiebzigjähriger Greis, der Feier von Schiller's hundertjährigem Geburtsfeste beiwohnte und, an dessen unsterbliches Gedicht„Die Glocke“ anknüpfend, sowohl die Poesie des Dichterfürsten als auch vorzüglich dessen warme Empfindung für Freiheit und Einigkeit pries.
Die hohen Orden, welche Uhland sowohl vom Könige von Preußen als auch vom Könige von Baiern angeboten wurden, wies Uhland in echt demokratischer Gesinnung entschieden zurück, nahm indessen tief. bewegt ein Goldstück an, welches ihm zu seinem fünfundsiebzigsten Geburtstage eine anonyme Verehrerin als Zeichen aufrichtigster Be⸗ wunderung mit der Bitte zuschickte, dafür eine Flasche des allerbesten Weines zu leeren. Ja, er lehnte sogar den Vorschlag seiner Gattin, das Geld in's Armenhaus zu schicken, mit den Worten ab:„Zwei⸗ mal so viel; aber der Dukaten gehört mir, und der freundlichen Ge— berin muß ihr Wille geschehen.“ Er fühlte wohl, daß diese freund- liche Gabe aus dankbarem Volksherzen stamme.
Uhland erfreute sich eines rüstigen Greisenalters. Geistig und kör⸗ perlich frisch feierte er am 5. April 1860 sein fünfzigjähriges Doktor. Jubiläum, ja, geleitete voll tiefen Schmerzes seinen am 25. Februar 1862 verstorbenen Freund Kerner, trotz der herrschenden Winterkälte, noch zu Grabe. Als man aber in ganz Deutschland begeisterungsvoll seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag feierte, lag er selbst leidend darnieder. Auch eine im Sommer unternommene Badereise konnte ihm keine Genesung mehr bringen. Am 13. November 1862 erlag der edle Sänger und Volkefreund seinen schweren Leiden und die Theilnahme bei der Nachricht von seinem Tode war bei Alt und Jung, bei Vor⸗ nehm und Gering eine gleich rege und aufrichtige.
Die würdigste Feier von Ludwig Uhland's, unseres deutschen Sängers, hundertjährigem Geburtsfeste wird aber sein, wenn wir seinen Geist, den Geist der Wahrheit und unwandelbarer Treue, unter uns walten lassen, wenn wir, gleich ihm, nicht ermüden in dem großen Kampfe für Recht und für Freiheit und wenn wir auf unser Banner das Wort schreiben, das er voll Feuereifers dem deutschen Volke zuruft, das Wort:
„Vorwärts!“
Nora. Eine Geschichte aus dem Kinderleben. Von Sara Hutzler. (Fortsetzung.)
Der Knabe betrachtete das Mädchen ganz still, ihre funkelnden Augen, ihre heftig zitternden Hände, ihren fliegenden Athem, der in der kalten Luft kleine Wölkchen zeigte. Wie anders sie aussah, wie lebendig, wie wenig falsch und verstockt! Er beugte sich theilnahm- voll zu ihr nieder.
„Und dann hat sie Dich wohl gesaust?“ Seine bezeichnende Geste des Jagens gab dem Wort seine Bedeutung.
Nora bejahte. Das Sprechen hatte sie auf Minuten aus ihrer Mattigkeit aufgerüttelt, nun sie geendet, verfiel sie wieder in ihr altes Zittern. Eine kleine Hand hob sich, um sich die Augen zu wischen. Die Nägel waren von Kälte blau umrändert. Ihr Ge— sichtchen war wachsbleich.
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