Ausgabe 
24.4.1887
 
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Bist wohl hungrig? fragte der Knabe, den Wechsel ihrer Farbe gewahrend, und ohne ihre Antwort abzuwarten, griff er in die Tasche seiner Jacke und zog ein Stück Brod hervor. Sie ver schlang es gierig.

Er stellte sich breitbeinig vor sie hin.

Wenn Du mitlaufen könntest, würdest Du gleich warm, schlug er vor,versuch's mal!

Sie antwortete nicht sogleich und als sie es endlich that, kam die Erwiderung leise, fast unhörbar.

Ich fürchte mich!

Wovor?

Die Polizei wird mich finden!

Sooo! Er zog die Silbe vor Verwunderung lang. Darauf war er nicht gekommen. Die Schwierigkeit einer Hilfe leistung machte sich ihm plötzlich unangenehm bemerkbar. Mit der Polizei hatte der biedere Bursche bisher noch keine Verbindung ge habt. Seine Mutter war eine Plätterin, die auf Tagelohn aus⸗ ging, und er hatte seit zwei Jahren seinen Erwerb als Zeitungs träger. Die Angelegenheit des kleinen Mädchens schien ihm bedenklich.

Wollte man Dich anzeigen? fragte er.

Nora nickte bejahend.

Sie blieben Beide stumm. Es war das Schweigen der Hilf losigkeit, das sie überkam.

Das Kind sah mit verschüchterten Blicken zu dem Knaben auf und dieser schob die in den Hosentaschen steckenden Hände unruhig hin und her und guckte mit einem verdummten Gesichtsausdruck über das Kind fort. Die Aussichtslosigkeit ihrer Sache ließ sein Interesse erlahmen. Eigentlich kannte er sie ja garnicht, eigentlich, was ging sie ihn an? Er gestand sich zu, daß sie ein nettes Ding war und daß er, daß na ja, daß sie ihm leid that und immer leid gethan hatte, wenn er sie mit ihrem gefüllten schweren Korbe des Morgens in kalter Frühe mit ihrem dünnen Umhängetuch hatte ausgehen sehen, er war ihr sogar einmal gefolgt, um zu sehen, wohin ihr Weg führte. Da war sie in ein Haus unweit von seinem Heim eingetreten und nach langer Zeit mit verweinten Augen wieder herausgekommen. Es war ihm auch gelungen, zu erfahren, daß dort ihre Mutter früher gewohnt und daß sie im Frühjahr gestorben war. Das hatte ihn freilich weich gestimmt, so weich, daß er mit seiner lieben Alten darüber gesprochen. Die gute Frau hatte dann so manches über den neuen Aufenthalt des Kindes gefragt und versprochen, so zufällig bei der Bäckerin'reinschauen zu wollen. Das hatte sich indeß hin gezogen. Die Plätterin war sehr beschäftigt; die gute Absicht ver⸗ schleppte sich von Tag zu Tag und verzog sich endlich ganz und gar. Jetzt war aber die Sachlage eine andere. Das Kind hatte seine Angelegenheiten sozusagen verpaßt, sie hatte sich in in die Lage ge bracht, polizeilich gesucht zu werden, und das, das war etwas, worauf er nicht gefaßt sein, etwas, das auch recht peinlich werden konnte. Er sann einen Moment nach. Unwillkürlich warf er einen Blick

auf seinen Rock, der um des Kindes Schultern hing.

Nora hatte ihn während seines stummen Sinnens schweigend be trachtet. War's, daß ihr Feingefühl sie verstehen ließ, was in ihm vorging, war's, daß seine offenen Züge keine Verstellung zuließen, das Kind verrieth es nicht, aber sie faßte den Rock mit ihren beiden durchfrorenen Händen und löste den Knopf.

Mir ist nicht mehr kalt, sagte sie ruhig,hier ist Dein Rock!

Er nahm ihn verlegen entgegen und dann wurde er feuerroth. Die fast stolze Ergebenheit, die Selbstbeherrschung, das Zartgefühl des Waisenkindes trat ihm deutlich vor die Seele. Er schämte sich. Er war größer als sie, er war ein Junge, er konnte ihr ein Freund sein, wenigstens für den Augenblick, und er zögerte? Pfui, Robert! Er sagte es sich leise und laut wandte er sich, seine Zeitungen zusammenraffend, an das nun heftig zitternde, bleiche Kind:

Wir wollen doch ein Stück laufen, sagte er,das wärmt, komm!

Sie ließ sich ohne Widerstand von ihm aufrichten. Er faßte sie an der Hand und zusammen thaten sie einige Schritte. Ihre kleinen, halb erfrorenen Füße erreichten das Tempo seiner großen Schritte nur zur Hälfte. Auch schmerzte sie ihr Körper vom langen, reglosen Sitzen. Sie blieb verzagt stehen.

Ich kann nicht mit, flüsterte sie, und das letzte Wort hob sich aus dem Flüsterton ab und wurde zu einem schrillen Auf⸗ schrei. Große Thränen standen ihr in den Augen.

Der gute, unbeholfene Bursche! Er war von jeher weichherzig gewesen. Sie weinte, das kleine, blasse Ding, und sie sah, vor ihm stehend, in ihrer dürftigen Verkommenheit so hilflos, so unselbständig aus. Der Knabe fuhr sich mit dem Aermel seines Rockes erst rasch über die Augen und tappte dann in seinen Taschen nach einem Schnupftuch. Er erinnerte sich, daß er vor einigen Tagen eins gehabt hatte, es mußte also noch irgendwo irgendwo stecken.

Wart' einmal! Er tauchte zum dritten Mal in den Schooß seines Rockes und langte das Futter heraus, dann stieß er mit un⸗ gewöhnlicher Wohlgezieltheit die Hand in eine innen verborgene Tasche seiner Jacke auch nichts! Die Hose vielleicht; zwei Taschen hatte er schon ausgeleert nichts, und plötzlich erblickte er, in seinem Bücken und Recken wurde es sichtbar, die sehr wenig reputirlich aussehenden bräunlich-grauen Zipfel eines Taschentuches unter seinem Hosenträger, am Gurt der Beinkleider eingeklemmt. Er athmete, wie von einem unwürdigen Verdacht befreit, erleichtert auf, reckte sich, rückte an seinen verschobenen Kleidern herum und reichte dem kleinen Mädchen mit großer Zufriedenheit das Schnupf tuch hin. Auch ihr Verständniß für Sauberkeit war wenig ent⸗ wickelt; mit einer wahrhaft bedauerlichen Hast griff sie nach dem dargebotenen Tuch und nutzte es zum Trocknen ihrer Thränen. Er stand vor ihr und sah sie mit einer plötzlich in ihm erwachenden gönnerhaften Befriedigung an. Es war seltsam, wie sie der gemein same Gebrauch des unsauberen Artikels einander nahe brachte. In ihm stieg plötzlich das Gefühl der Wichtigkeit auf. Er war eigent⸗ lich für das Kind da sehr nothwendig, er war ersichtlich mehr als ein Fremder, er war ihr Ritter, ihr Helfer, ihr Beschützer! Sie reichte ihm das Tuch zurück und er entdeckte, bevor er es an den alten Ort, unter seinen Hosenträger, wieder einschob, noch eine feuchte Stelle unter ihrem Mundwinkel, die er mit der dreisten Ungenirtheit eines durchaus Berechtigten mit eigener Hand nachtrocknete. Nora hob den Kopf und ließ es geschehen. Auch ihr war die Situation eine neue. Wie lange war es her, seit sich eine Hand sorgend um sie ausgestreckt, wie ewig lang, seit Jemand mit ihr gefühlt, seit ein Menschenkind für sie besorgt gewesen war! Wie wohl das that, wie sehr weckte es das Bedürfniß, sich anzulehnen, sich stützen zu lassen! Der große gute, freundliche Junge war stark, o so viel stärker als sie, er deckte sie ganz und gar mit seiner breiten Gestalt, sie sah es zum ersten Mal, wie klein sie war! Viel zu klein, um für sich selbst zu entscheiden, was zu thun war! Wie schön, daß er da war, wie gut, daß er für sie denken wollte. Sie wollte auch auf das hören, was er sagte, sie wollte ihm folgen in Allem!

Weißt Du was? Vielleicht könnt' Rich Dich verstecken? Der Knabe machte den Vorschlag halb zweifelnd, aber das Kind ergriff ihn mit Eifer.

Ach ja!

Bei ihrer Bereitwilligkeit ergriffen ihn Zweifel.

Ich weiß aber nicht ihr rathloses, eben noch hoffnungs frohes Gesichtchen ließ ihn stocken,vielleicht würde meine Mutter helfen, sagte er sinnend, tröstend, und zusammen gingen sie dorthin. Es waren zwei einfache Stübchen, die sie bewohnten, der Knabe er⸗ zählte es im Laufen; sein Vater sei lange todt, ein Schwesterchen auch. Ob sie noch Geschwister habe?

Nein, nie gehabt!

Ob er noch zu rasch liefe?

Nein, jetzt gehe es.

Sie müßte sich vor seiner Mutter nicht ängstigen, wenn sie etwa knapp spräche, sie sei so gut und lieb.

Nein, sie wollte sich nicht fürchten!

Und sie fürchtete sich auch nicht, denn als die Frau vor ihr stand, schlug des Kindes Herz hochauf. Das war ihr keine Fremde, das war Jemand, dessen freundliches Gesicht ihr schon einmal zu gelächelt hatte, auf der Straße, als sie nach der Zeit fragte.

Dich kenne ich ja schon, hatte sie fast jubelnd gerufen, und die Frau nickte und reichte ihr die Hand.Ja, ich weiß, damals ranntest Du eilig davon!

(Fortsetzung folgt.)

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