Ausgabe 
24.4.1887
 
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schaften, welche sein ganzes Leben überdauerten. Zu diesen intimen Freunden zählten vor Allen Justinus Kerner und Karl Mayr, nach maliger Oberjustizrath in Tübingen, sowie später Gustav Schwab. Gleiches geistiges Streben verband diese Freunde, und sind Uhland, Kerner und Schwab ja bekannt als die Gründer des schwäbischen Dichterkreises, welchen eine Dichterschule zu nennen sie ganz aus drücklich ablehnen.

Auf die Geistesrichtung Uhlands war das Studium der alt⸗ deutschen und dänischen Literatur Professor Rösler hatte ihm seine reichhaltige Bibliothek zur Be nutzung frei gegeben, und entzückt vertiefte sich Uhland in die poetischen Schätze des Mittelalters. Aus den alten Heldensagen, aus dem Walthari-, später auch aus dem Nibelungenlied sog er seine Neigung zur Romantik und manchen Stoff zu seinen Balladen entlehnt er eben daher. So entstand zum Beispiel schon damals, neben man chem anderen Gedichte,der blinde König. Den Geist der Romantik hält Uhland hoch und bezeichnet ihn in einem begeisterungsvollen AufsatzeUeber das Ro mantische als die Sehn sucht nach dem Unendlichen. Seine Balladen und Ro manzen stehen in der deut schen Literatur fast uner⸗ reicht da, und da er, zu⸗ gleich ein Meister der Sprache, sich von allen phantastischen Ausschweis fungen der übrigen Ro mantiker frei hält, und sich stets einer klaren, durch sichtigen und knappen Form befleißigt, nennt Strauß ihn mit Recht den Klassiker unter den Romantikern.

Am 3. April 1810 wurde Uhland zum Doktor der Rechte ernannt, und trat dann Anfang Mai eine Reise nach Paris an. Seinen Aufenthalt in der französischen Hauptstadt be⸗ nutzte er hauptsächlich zu Nachforschungen nach alt deutschen Poesien in den dortigen Bibliotheken, und manche Ausbeute brachte er mit heim. Besonders

von bestimmendem Einfluß. entstanden und nicht ohne Einfluß auf Land und Volk geblieben.

Ludwig Uhland.

lenkte er die Aufmerksamkeit auf die altfränkische Heldensage, welche

Pipin, Karl den Großen und dessen Helden behandelt, und auch Uhland zu manch herrlicher Ballade, wie z. B.Klein Roland, Roland der Schildträger,König Karl's Meerfahrt dc. begeisterte. Aber auch eine Anzahl anderer Lieder, wieder Rosenkranz, der nächtliche Ritter,das Ständchen, diealtfranzösischen Gedichte sind in Paris entstanden. Eine Abhandlung über das altfranzösische Epos, welche Uhland gleich nach seiner Rückkehr in die Heimath begann, jedoch erst im Jahre 1812 der Oeffentlichkeit übergab, war bahnbrechend für dieses Gebiet der Forschung. In den Jahren 1812 und 1813 veröffentlichte er außerdem noch in Kerner's poetischem Almanach und in demdeutschen Dichterwald, den er selbst mitSinge wem Gesang gegeben eröffnete, manche Perle volksthümlicher Lyrik, worunter besondersdie Wanderlieder und der gute Kamerad sich allgemeiner Beliebtheit und Anerkennung erfreuten.

Im Jahre 1812 wurde Uhland in die Kanzlei des Justiz ministeriums berufen. Seine Aufgabe bestand hauptsächlich darin, die von den Gerichten gefällten Strafurtheile, vornehmlich die Todes urtheile, zum Vortrag für den König zu bearbeiten. Da indeß die Ansichten des jungen, strengrechtlichen Kabinetssekretairs häufig mit

denen des Ministers auseinandergingen, und er sich gegen seine

bessere Ueberzeugung den Ansichten seines Vorgesetzten nicht zu fügen

vermochte, nahm er, trotz der Aussicht auf Gehaltsverbesserung, seinen Abschied. In Stuttgart ließ er sich als Rechtsanwalt nieder.

Unterdessen nahte auch die Zeit heran, wo Uhland sich als Landtagsabgeordneter thatkräftig dem Dienste seines Volkes weihen sollte. Bisher hatte er seiner Theilnahme an dem Geschicke desselben nur in Liedern Ausdruck gegeben. Die schönsten und feurigsten seiner vaterländischen Gedichte waren in den Jahren 18141817

Die warme Begeisterung für Freiheit und Menschenwürde verleihen denselben eine seltene Hoheit und Kraft, so daß sich in dieser Be⸗ ziehung wohl kaum ein anderer Sänger mit Uhland messen kann, während auch die meisten seiner anderen Gedichte durch ihre Ob⸗ jektivität und Formenschön⸗ heit, sowie durch ein ihm ganz besonders eigenthüm⸗ liches schönes Maaßhalten denen des Altmeister Goethe würdig an die Seite zu stellen sind. ü

Nachdem das deutsche Volk sich mit unzähligen Opfern vom Drucke der Napoleon'schen Gewalt herrschaft befreit hatte, brach eine Zeit über Deutschland herein, welche die alte Reaktion in verschlimmer⸗ tem Grade wieder einzu führen und die Völker all' ihrer Rechte wieder zu be⸗ rauben drohte. Auch der König von Württemberg wollte es umgehen, seinem Lande die früher bereits in's Leben getretene kon stitutionelle Verfassung zu⸗ rückzugeben. Da war es Uhland, welcher die Ein gabe der Stuttgarter Bür⸗ ger an den König redigirte, in welcher sie in frei müthiger Weise um Wieder⸗ herstellung der alten Ver⸗ fassung ersuchten. Da war er es, welcher Allen voran das gute alte Recht mit be⸗ redten Worten vertheidigte und dem Minister von Wangenheim, der den frei⸗ heitlichen Bestrebungen der Altwürttemberger besonders feindlich gegenüber stand, den bitteren Vorwurf machte:

Du meinst es löblich, doch du hast Für unser Volk kein Herz.

Und wiederum war es Uhland, der die Landstände von 1817 ermahnt, sich als ganze Männer zu erweisen und ihre Würde und des Volkes Rechte getreulich zu wahren mit männlichem, ernstem Wort.

Und kann es nicht sein Ziel erstreben, So tretet in das Volk zurück!

Daß Ihr vom Rechte nichts vergeben, Sei Euch ein lohnend stolzes Glück!

Am 29. Mai 1820 vermählte sich Uhland mit Emilie Vischer aus Kalw. Es lagen aber an jenem Tage solch wichtige Berathungen im Abgeordnetenhause vor, daß er sich verpflichtet fühlte, denselben beizuwohnen. Von früh bis zwei Uhr Nachmittags hielt er ge treulich in den Sitzungen aus, ja, kehrte nach seiner um drei Uhr stattgefundenen Trauung noch einmal dahin zurück. Gewiß ein Zeichen, wie ernst er es mit der Erfüllung der übernommenen Pflichten nahm. Von gleichen patriotischen Gesinnungen beseelt, stand ihm seine Gattin als treue Gefährtin sein ganzes Leben hin⸗