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flüsterte er, hingerissen von dem Augenblick, die ganze Welt um sich vergessend.
Tödtlich erblaßt befreite sie sich aus seinen Armen.„Das ist nicht möglich, das kann nicht sein,“ stammelte sie, wie zur Abwehr, die Hände von sich haltend.
„Warum nicht, wenn Du mich liebst, wenn nur der tausendste Theil meiner heißen, zärtlichen Liebe in Deinem Herzen einen schwachen Wiederhall findet. Nicht die Gunst eines Liebeswortes sollst Du mir jetzt gewähren. Einzig, ewiggeliebtes Fränzchen, nur um einen kleinen Blick will ich zu Deinen Füßen flehen.“
Zögernd hoben sich die langen Wimpern, und eine Welt von Liebe fluthete über ihn hin.
„Nun hast Du freiwillig Dich mir geschenkt, nun bist Du wirklich mein,“ jubelte er, sie in seine Arme ziehend.„Jetzt hole ich mir mein Glück, und sei es mit Ketten an den Himmel geschlossen.“
Sie verstand ihn nicht, nur eine Ahnung, als schwebe ein dunkles Etwas zwischen ihm und ihr, beschlich sie.„Sie sind so vornehm, ein Graf, wie konnte ich es nur vergessen,“ flüsterte sie, angstvoll zu ihm aufblickend. 5
„Ein Bettler bin ich, ein armer, halb zu Tode gehetzter Pilger, dem Du holdes, engelreines Kind die höchsten Güter der Welt, Liebe, Vertrauen, Zufriedenheit wiedergeben sollst. Willst Du es thun?“
Sie nickte, während ein leises, glückseliges Lächeln ihr dunkles, unregelmäßiges Gesicht zur höchsten Schönheit verklärte.
Entzückt blickte Julian auf sie herab. Durch die schlichte Feld— blume an seiner Seite war seinem Leben wieder Werth und Inhalt geworden. Nun galt es muthig einzusetzen alle Kraft, nun hieß es sich stählen zu dem schweren Kampf, der ihm im Vergleich zu dem hohen Preise fast wie ein leichtes Spiel erschien. Als seien der ermatteten Seele neue Schwingen gewachsen, mit welchen sie sich jubelnd zum lichten Himmelsäther erheben können, war ihm zu Muth. Freudiger Trotz schwellte sein Herz; mit Keulen bewaffnet hätte er der Welt, die ihm die Seligkeit dieser Stunde neidete, entgegentreten mögen.
Leise, wie klagend, zog ein Windstoß durch die Aeste der Weiden⸗ bäume, krächzend scheuchte ein Flug Raben empor, während welkes Laub melancholisch unter ihren Schritten raschelte.
Ein Gefühl, als ob plötzlich eine eisige Hand nach seinem war⸗ men Herzen griffe, überkam ihn. Unwillkürlich faßte er fester die kleine Hand, die in der seinen ruhte. Als müsse er sie schützen vor unbekannter Gefahr, als dürfe er sie nie mehr von sich lassen, war ihm zu Muth. Aengstlich forschend beugte er sich zu ihr hinab, doch sie blickte mit dem alten glücklichen Unschuldslächeln zu ihm auf.
„Es wird dunkel,“ murmelte er beklommen. f
„Die Nebel steigen von den Wiesen auf, da giebt es morgen einen sonnigen Tag,“ meinte sie, nach den Wolken schauend.„Das merkt das Dohlengesindel auch und freut sich im Voraus.“
„Du liebe Prophetin, Du,“ flüsterte er zärtlich.„Freilich, Dein junges, fröhliches Herz kennt nur Weissagungen des Glücks. Sage schnell, was ahnst Du für uns?“
„Den Himmel auf Erden,“ stammelte sie erröthend, während er dankbar die Worte ihr von den Lippen küßte.
Sie wandelten ihn wirklich, den rosenbekränzten Pfad, der in das Märchenreich der Liebe führt. Unter ihren Tritten sproßten mitten in den trüben Regenlachen duftende Wunderblumen empor und selbst das dumpfe Geheul des Windes schlug wie süße Sphären⸗ musik an ihr entzückt lauschendes Ohr.
Was war ihnen die Welt, was die Menschen, die ihnen be⸗ gegneten. Zum ersten Mal vergaß Fränzchen, einen Blick über die grüne Hecke des Schulgartens zu werfen, und so sah sie auch den jungen Lehrer nicht, der seine vom Wetter zerzausten bunten Stock⸗ rosen aufrichtete und sorgsam an hohe Stäbe band. Sie sah nicht den Schatten, der über sein ehrliches Gesicht zog, hörte nicht den Seufzer, der ihm die Brust hob, und auch das fatale Lächeln, mit welchem Albrecht ihnen dienstfertig das Hofthor öffnete, ging spur⸗ los an ihr vorüber. Die Sonne des Glücks hatte sie geblendet. (Fortsetzung folgt.)
131.
Ein Beitrag zur Erinnerung an Ludwig Uhland.
„Schlicht Wort und gut Gemüth Ist das echte deutsche Lied.“
Geschichtliche Rückerinnerungen— sei es an große Thaten, sei es an große Männer— befestigen den Glauben und stärken das Vertrauen eines Volkes in seine eigene Kraft und Würde. Das Bewußtsein errungener Erfolge giebt frischen Muth im neuen Kampfe, und das erhebende Beispiel edler Männer spornt auch die Nachwelt zu begeisterter Nacheiferung und heldenmüthiger Ausdauer an.
Zu solchen Männern, die ihrem Volke jeder Zeit als leuchtendes Vorbild vor Augen stehen sollten, gehört aber vor Allen Ludwig Uhland. Und deshalb ertönt auch jetzt durch die deutschen Lande die Mahnung, Uhland's hundertjährigen Geburtstages zu gedenken,
und findet einen Wiederhall in allen Herzen, die des Sängers Lieder
und Charakter kennen. Standhaft an seiner politischen Ueberzeugung und zu seinem Volke haltend, von dessen Rechten und Freiheiten er ein unermüdlicher Verfechter gewesen, sind Uhland's politische und Vaterlandslieder beredte Zeugen von der unwandelbaren Treue und Unerschrockenheit seiner Gesinnungen. Denn Uhland war Beides, „zugleich ein Sänger und ein Held.“ Durch seine vaterländischen Gedichte hat er sich die Liebe und das Vertrauen seines Volkes er⸗ rungen, und diese Gedichte können nie ihre Bedeutung, ihren Werth verlieren. Denn wie damals, so auch heute und in alle Zeiten fort wird das alte politische Lied weiter klingen, wird der Kampf sich erneuern zwischen Recht und Freiheit von der einen, und Gewalt und Despotismus von anderer Seite. Wie damals, so auch heute noch ist das Mahnwort beherzigenswerth, welches er den Völkern am 18. Oktober 1816, dem Jahrestage der Schlacht bei Leipzig, zuruft:
„Ihr Völker! die Ihr viel gelitten,
Vergaßt auch Ihr den schwülen Tag?
Das Herrlichste, was Ihr erstritten,
Wie kommt's, daß es nicht frommen mag?
Zermalmt habt Ihr die fremden Horden,
Doch innen hat sich nichts gehellt,
Und Freie seid Ihr nicht geworden,
Wenn Ihr das Recht nicht festgestellt.
In wie schlichten, aber wie schönen, weil klaren und überzeugenden Worten spricht er sie aus, die große ewige Wahrheit, wenn er in seinem Nachruf an die Württembergischen Landstände vom 8. Juni 1817 sagt:
Die Gnade fließet aus vom Throne, Das Recht ist ein gemeines Gut,
Es liegt in jedem Erdensohne,
Es quillt in uns wie Herzensblut;
Und wenn sich Männer frei erheben Und treulich schlagen Hand in Hand, Dann tritt das innere Recht in's Leben, Und der Vertrag giebt ihm Bestand.
Ludwig Uhland, der begeisterte Sänger und Volksfreund, wurde am 26. April 1787 zu Tübingen geboren. Seine Kindheit floß ruhig und ungetrübt dahin unter der sorgsamen Pflege einer schlichten, frommen Mutter und eines zwar ernsten und strengen, aber liebe⸗ vollen Vaters, welcher das Amt eines Universitätssekretärs zu Tübingen bekleidete. Auf der lateinischen Schule überflügelte er bald seine Altersgenossen, und that es ihnen besonders in der Anfertigung lateinischer Hexameter, einer von den damaligen Schulaufgaben, zuvor. Einige Gedichte aus seiner Schulzeit sind uns erhalten ge⸗ blieben, welche bereits das Talent des begabten Knaben bekunden. So z. B.:„Bitte um Frühjahrsvakanz“,„Im Tannenhain“, ic.
Von seinem Großvater, dem greisen Professor der Theologie und Vorsteher des evangelischen Stiftes in Tübingen, konfirmirt, bezog der junge Ludwig Uhland, um sich ein werthvolles Stipendium nicht entgehen zu lassen, bereits mit vierzehn Jahren die Universität. Dort ließ er sich, dem Rathe seines Vaters gemäß, am 3. Oktober 1801 für das Studium der Jurisprudenz einschreiben. Bis zum Jahre 1805 widmete er sich indeß noch hauptsächlich den alten Sprachen, wobei er Vorlesungen über Geschichte, Literatur, Natur⸗ wissenschaften und Mathematik hörte. Dann erst begann er das eigentliche Studium der Rechts wissenschaft.
War an ein leichtes, lustiges Burschenleben bei dem strebsamen Studenten auch nicht zu denken, so schloß Uhland hier doch Freund—


