Ausgabe 
24.4.1887
 
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ich siebenzig Jahre, um das Elend dieser Stunde zu schauen! Hat denn der grollende Himmel keinen feurigen Strahl, um Dir die ver ruchte Zunge zu lähmen? Zucken denn alle Blitze mitleidlos nieder und keiner trifft mein Haupt?

Wie in ein Feuermeer getaucht erschien in diesem Augenblick das niedere, düstere Zimmer, ein kurzes Knattern, das die Mauern des Hauses wanken machte, ein schweres Rollen, als öffne sich drohend der Schooß der Erde, folgte, dann verhallte auch dieses. Momentan wurde es still und nur ein leises, krampfhaftes Schluchzen ließ sich in kurzen Pausen hören.

Dem jungen Inspektor war es augenscheinlich unbehaglich zu Muth. Bei der unerwartet niederzuckenden, wie von unsichtbaren Mächten heraufbeschworenen Feuergarbe war er unwillkürlich zurück gewichen. Nun stand er wieder am Fenster, trommelte an den Schei ben und warf scheue Blicke nach dem eisgrauen Kopf, der noch immer auf den gefalteten Händen ruhte.

Nichts für ungut, Großmutter, meinte er endlich.Ihr habt Euch in letzter Zeit gewöhnt, Alles so tragisch zu nehmen; es war ja nur ein Scherz!

Man scherzt nicht mit dem Heiligsten, keuchte die alte Frau mit fliegendem Athem.Nein, nein, Deine entsetzlichen Worte haben mir von Neuem den Abgrund gezeigt, an welchem wir Alle stehen. Noch einen Schritt und wir versinken. Was liegt an uns Beiden? Du khast den Sturz in die Tiefe tausendfach verdient und die wenigen Tage, die mir noch bleiben, will ich freudig opfern, wenn nur Fränzchen gerettet, glücklich wird. Sie darf nicht unter gehen. Lieber erwürge ich hier Dich und mich mit meinen Händen, ehe ich sie mit hinunterreißen lasse!

Albrecht räusperte sich verlegen und fuhr mit gespreizten Fingern durch sein dichtes Haar. Die stets nachsichtige Großmutter erschien ihm wie eine Fremde. Verändert klang ihre Stimme und in den milden Augen funkelte es wie Haß.

Ich dachte nicht, daß Euch ein schlechter Witz so in Harnisch bringen würde, versuchte er der Sache einen harmlosen Anstrich zu geben.Doch die Fränze war von jeher Euer Herzblatt und so ist es wohl kein Wunder, wenn Ihr hoch mit ihr hinaus wollt.

Die alte Frau blickte ihn starr an. Verlegen richtete er die Augen zur Erde.

Ihr Himmel, wenn dort oben Barmherzigkeit mit den arm⸗ seligen Menschen sich findet, so verhütet, daß ich einstens sterbend dem Kinde meines Sohnes fluchen muß! flehte sie, dann vergrub sie das Gesicht in den Händen und weinte bitterlich.

Ohne Ahnung von der düstern Szene, die sich hinter ihm ab. spielte, eilte Julian, des ihm entgegenbrausenden Sturmes nicht achtend, muthig vorwärts. Von dem Eekfenster des hochgiebligen Hauses hatte er vor kurzer Zeit Fränzchen, den großen Hut am Arm, sorglos den schmalen Feldrain entlang schlendern gesehen. Ueber ihrem Haupte ballten sich die Wolken. Der Wind spielte mit den langen Zöpfen, mit ihren Kleidern, die er bei jedem Schritt gegen die schlanke Gestalt drückte, als wolle er das freie Ausschreiten scher zend ihr verwehren.

Julian hatte seinen Fuß, der unwillkürlich ihr folgen wollte, fester auf den Boden gesetzt, die Hand umfaßte, wie zum Schutz gegen sich selbst, enger das Fensterkreuz. Ihr Weg war nicht der seine und die Stimme der Ehre gebot ihm, das Mädchen zu fliehen, das er nie besitzen durfte. Schon zu lange weilte er, ließ sich ein spinnen von dem holden Traum, dem doch nur so bald jähes Er wachen, trostlose Leere folgen mußte. Losreißen, scheiden für immer befahl die Pflicht, und er wiederholte es sich stündlich, ohne den Muth zu finden, dem bittersüßen Glück zu entsagen, das sich ihm hier in der grünen, waldumhüllten Einsamkeit so überraschend ge boten. Er schloß die Augen. Diese Flucht war ein Opfer, das er dem stillen Herzensfrieden der Geliebten bringen wollte. Er als Mann mußte das Schwerere auf sich nehmen, gehen, um später ohne bittern Selbstvorwurf hierher zurückdenken zu können.

Da fuhr der Blitzstrahl blendend zur Erde, ein schweres Donner rollen, von Athemzug zu Athemzug hoͤher anschwellend, schallte aus der Ferne herüber.

Fränzchen, sie ist ohne Schutz dem Wetter preisgegeben. Nur dieser eine Gedanke durchzuckte sein Hirn. Schon war er draußen und ehe die Besinnung ihm wiedergekommen, lagen die Mauern des Gutshofes weit hinter ihm.

Sein suchendes Auge schweifte ängstlich umher. Hochaufgewir

belter Staub machte die Luft unklar, erschwerte die Fernsicht, doch g

von dem ahnungsvollen Blick der Liebe geleitet, fand er sie bald. Dort an der Straßenbiegung, unter dem knorrigen Weidenstamm, dessen schlanke, hin- und hergepeitschten Zweige ihr kaum einen Schutz gewährten, stand sie mit über der Brust verschränkten Armen, ohne daß ihr keckes Gesichtchen auch nur eine Spur von Furcht verrieth.

Sie sah ihn kommen, machte mit der Hand ihm Zeichen, sich nicht zu übereilen, und als er nun athemlos, Besorgniß in jeder Miene, vor ihr stand, lachte sie fröhlich und silberhell auf.

Sie dachten wohl, ich wäre verloren gegangen, mich hätte der Sturm entführt? fragte sie neckend.O, sein Wüthen erscheint mir heute garnicht so arg und ich möchte wohl versuchen, wie weit im eiligen Lauf meine Kräfte ausreichten.

Sie thörichtes, übermüthiges Kind! flüsterte er, wie erschreckt ihre Hand fassend.

Die Zärtlichkeit des Tons verwirrte sie. Scheu zuckten ihre Finger in den seinen. Er gab sie frei und trat mit einem Gefühl der Qual, das ihm fast die Brust zu sprengen drohte, von ihr zu- rück. Warum spaltete der Blitz nicht die Erde? Warum öffnete sich nicht mitleidig ihr Schlund, um gemeinsam die Beiden zu ver⸗ schlingen, die doch mit einander nicht leben durften. Wer gab ihm Antwort? Die eilig dahinziehenden finstern Wolken thaten es nicht.

Fränzchen war aus dem Schatten des Baumes herausgetreten. Dort unten wird es heller, rief sie, nach dem Himmel zeigend,schon beginnen die Regentropfen langsamer zu fallen, und gewiß kommt die Sonne bald wieder hervor.

Wie ein Himmelsbote, der der angstvoll harrenden Menschheit die Ankunft des ewigen Lichts verkündet, erschien sie ihm in diesem Augenblick. Auch in sein dunkles Herz war durch ihre Worte ein Strahl dieses blendenden Glanzes gefallen. Die Nacht, die ihn um fangen hielt, mußte sich lichten; stete Finsterniß konnte unmöglich sein Loos sein.

Zuversichtlich lächelnd wandte sie ihm ihr Gesicht zu, das offene Gesicht mit dem warmen Blick der dunkeln Augen.

Es regnet gar nicht mehr, meinte sie nach Kinderart prüfend

die Hand ausstreckend,kaum, daß hin und wieder noch ein Tropfen

fällt. Nun muß ich aber schnell unten im Dorf die Leute bestellen, damit morgen mit Sonnenaufgang die Arbeit beginnen kann!

Nicht einen Schritt lasse ich Sie gehen, rief er, nach ihrem Kleide fassend.

Aber der Albrecht muß gezwungen werden, erzählte sie eifrig. Noch immer liegt das Heu vom letzten Schnitt auf den Wiesen; es verdirbt, wenn es nicht so bald wie moglich unter Dach und Fach kommt.

Unwillkürlich mußte er über den kleinen, pflichttreuen Inspektor lachen. Fränzchen bemerkte es, schmollend verzog sie den Mund, und lief, ehe er sie aufzuhalten vermochte, eilig den, von den Regenfluthen fast aufgeweichten Abhang hinab.

Julian stürmte ihr nach. Sie war so unbesonnen, vielleicht konnte sie selber sich verletzen. Oft glaubte er sie haschen zu können, ihr flatterndes Kleid, ihr wehendes Haar berührten fast seine Hand, doch lachend entzog sie sich ihm, bis sie plötzlich mitten im eiligen Laufe stockte. Einige schwere, im Wege liegende Feldsteine gaben unter der Berührung ihres Fußes nach, lockerten sich im regen. durchwühlten Erdreich. Sie strauchelte, schwankte, haltlos griffen ihre Hände in die Luft, doch ehe sie fallen konnte, war Julian neben ihr, hatte er sie sorgsam aufgefangen.

Nun fühlte er die kindlich schlanke Gestalt scheu in seinen Armen erzittern. Aengstlich wie einem gefangenen Voͤglein hämmerte ihr Herz in unruhigen Schlägen gegen seine Brust, wahrend ihre Stirn sich leise gegen seine Schulter neigte.

Verloren war die Besinnung, vergessen die tausendfach wieder⸗ holten Gründe der Vernunft, niedergerissen die Schranke, die müh⸗ sam errichtete. Sein Herz, das in den großen Fragen des Lebens nie hatte sprechen dürfen, verlangte stürmisch sein Recht, rief nach jungem, berauschenden Liebesglück. Und sie, die einzig es ihm ge⸗ währen konnte, dieses kaum mehr erhoffte Glück, sollte er lassen, um Satzungen der Menschen willen? Nein, zwischen Himmel und Erde mußte es ein besseres, höheres Recht geben, und er mußte es sich ertrotzen, komme was da wolle.

Fränzchen, mein wildes, mein geliebtes Mädchen, nun halte ich Dich, um Dich nie wieder zu lassen, nun bist Du endlich mein,