Ausgabe 
24.4.1887
 
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1 10.

*

Weil age

zu den

Oberhessischen Uuchrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Gießen, den 24. April.

1887.

IV.

Wie eine unbewegliche schwarze Wand steht am herbstlichen Himmel ein schweres Gewitter. Bleifarbene Säume zeigen die finstern Wolken⸗ ballen, schwefelgelb flammt es hin und wieder darin auf, während ein dumpfes Grollen die sommerschwüle Luft durchzittert.

In dem kastanienbeschatteten Wohnzimmer des Herrenhauses herrscht trotz der frühen Nachmittagsstunde ein leichtes Halbdunkel. Seufzend legt die Matrone die Brille auf die zusammengefaltete

Zeitung, während der junge Inspektor mit den Flaschen und Gläsern

des schmalen Wandschranks klirrt.

Albrecht! ruft sie warnend.

Pah, macht dieser.Ein kräftiger Schluck hilft den von der Hitze erschlafften Nerven wieder auf; das ist ja eine Temperatur wie im Hochsommer. Und dann, Großmutter, brauche ich jetzt nicht mehr den Duckmäuser so arg zu spielen. Der Wind ist umgesprungen, pfeift aus einer besonders günstigen Richtung. Jetzt heißt es nur noch, ge schickt mit den Trümpfen manövriren, und das Spiel ist unser.

Die alte Frau sah ihn verständnißlos an, verwundert schüttelte sie den Kopf.

Da erschütterte ein heftiger Donnerschlag das Haus und ein Windstoß trieb die gelben Kastanienblätter über den Hof. Fahl zuckte es am Himmel auf, wie ein unterdrücktes Brausen ging es durch die Luft und vereinzelte große Regentropfen begannen langsam zu fallen.*

Fränzchen ist draußen, jammerte die Großmutter.Vor kaum einer Viertelstunde ging sie selbst mit einer Botschaft in's Dorf, um den Leuten den weiten Weg dorthin zu ersparen. Immer gefällig, immer bemüht zu helfen und zu schaffen. Noch hat sie die ersten Häuser nicht erreicht und muß das Unwetter im Freien überdauern. Wie leicht kann ihr ein Unglück geschehen. Geh', Albrecht! Laufe, eile, die Schwester zu schützen!

Fällt mir garnicht ein, lachte dieser,habe durchaus keine Lust, mich bis auf die Haut naßregnen zu lassen. Warum mußte sie allein gehen? Es sind ja Leute genug dazu im Hofe.

Ein vorwurfsvoller, anklagender Blick war die einzige Antwort.

Er wich diesem aus und trat, die Hände in den Taschen, leise vor sich hin pfeifend, zum Fenster, an dessen Scheiben Staub und welkes Laub vorüberwirbelten.

Oben im ersten Stockwerk wurde eine Thür hastig zugeschlagen, eilige Schritte stürmten die Treppe hinab, das Hausthor knarrte in seinen verrosteten Angeln und, nach dem Wetter ausspähend, verließ Graf Julian, mehr laufend als gehend, den Hof.

Albrecht wandte mit einem häßlichen Lachen der Großmutter sein Gesicht zu.Siehst Du wohl, daß ich Recht hatte, mich nicht so sehr zu übereilen, meinte er.Nun kommt ihr ein Anderer, den

Im Nebel.

Novelle von H. René. (Fortsetzung).

sie viel lieker sieht als mich, zu Hülfe. Und dann ist es doch auch viel romantischer, sich von einem edlen, fahrenden Rittermit dem Mantel vor dem Wind beschützt zu wissen, als sich von dem Bruder in Wasserstiefeln mit aufgespanntem Regenschirm abholen zu lassen.

Wieder verstand die alte Frau ihn nicht und ihr umflorter Blick schien zu fragen:Was meinst Du nur?

Ich bin wirklich der Ansicht, fuhr der junge Inspektor un geduldig fort,daß man einem jungen Paar, dem das Interesse an einander aus den Augen leuchtet, anstatt Hindernisse zu legen, den Weg frei machen soll. Wenn man ihnen niemals Gelegenheit zum Alleinsein giebt, wie sollen sie sich dann gestehen, daß sie sich lieben?

Die Greisin hatte ihre gewöhnliche stille, gedrückte Haltung ver loren.Der Graf und das Fränzchen, nein, nein, es kann nicht sein, murmelte sie, mit zuckenden Fingern über die gefurchte Stirn fahrend.Unser Herrgott wird mich vor diesem neuen Unheil be wahren.

Unheil? fragte Albrecht achselzuckend.Das sind solche ver alteten Begriffe, denen heutzutage kein Mensch mehr nachfrägt. Meinst Du, unser gräflicher Gast sei der erste vornehme Herr, der eine kleine Verwalterstochter schön und begehrenswerth gefunden?

Aber die alte, stolze Familie, flüsterte sie mit angstvollen Augen und stockendem Athem.Ach, mit Hohn und Spott wird sie unser Kind zurückstoßen, es niemals zwischen sich aufnehmen wollen. Und sie haben Recht und Du tausend Mal Unrecht, denn Fränzchen wird selbst im Traum sich nicht an den Gedanken wagen, einstens Gräfin zu werden.

Gräfin! lachte der Inspektor auf.Wer sagt das? Man kann auch ohne Formalitäten glücklich sein. Skrupel sind längst aus der Mode; man denkt jetzt vorurtheilsloser über manche Dinge, wird mit einem Wort von Tag zu Tag praktischer. Vor Fränzchen liegt das Glück, sie braucht sich nur zu bücken, um es aufzuheben. Unbegreiflicher Weise ist der junge Graf wie bezaubert von dem Mädchen. Ich verstehe das nicht recht, doch über den Geschmack läßt sich nicht streiten. Und wenn sie es klug anzufangen weiß, kann sie bald die große Dame spielen, sich und uns ein sorgenloses Leben schaffen.

Ohne ein Wort der Erwiderung hatte die Greisin ihn aus⸗ sprechen lassen. Eine furchtbare Veränderung ging mit ihren sanften Zügen vor, die sich wie im schmerzhaften Krampf verzerrten. Nun als er schwieg, bewegten sich die blassen Lippen.Elender Bube, schrie sie auf, daß es von den Wänden gellend wiederklang,so leicht verkaufst Du der Schwester Ehre? Für Dein Lasterleben möchtest Du das Kind opfern, unauslöschliche Schande auf die Gräber der Eltern, auf meine grauen Haare häufen? Darum lebte