Ausgabe 
23.10.1887
 
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sich überall ein Haschen nach Effekten mit billigstem Material geltend machte, wie zum Beispiel an dem Baldachin, der aus einer alten rothen Tischdecke und verblichenen gestickten Bordüren gemacht war.

Ein ähnliches Arrangement befand sich über einer Chaiselongue auf der andern Seite des Zimmers. Die durch Eleganz verwöhnte Maria hätte laut auflachen mögen.

Wie grotesk sah dieses Zelt, aus einem alten türkischen Shawl gemacht, aus.

Sie hatte über dem Umschauen für einige Minuten nicht auf das Gespräch neben ihr geachtet. Jetzt hörte sie, wie Tante Lätitia zornig sagte:

Komm mir nur nicht damit! Diese Helo, welche Du mit vollen Backen lobst, ist sicher nichts weiter, als eine kleine Viper, der die Giftzähne noch nicht gewachsen sind, die Tochter der großen. Ich will von der ganzen Sippschaft nichts wissen, hörst Du! Und wenn es mich nicht zu sehr in meinem täglichen Schlendrian genirte, ein junges Mädchen um mich zu haben, so hätte ich garnicht gelitten, daß Deine Schwester zu den Isenreuts kam, jedenfalls werde ich sie nach meinem Sinn verheirathen und Gräfin Prunkbeutel(sie meinte Gräfin Paula) nicht erlauben, Maria als Aschenbrödel bei Seite zu stecken, was sie nach der Lautenberg ihrem Bericht sehr Miene macht zu thun.

Auf einmal wandte sie sich an Maria.

Nicht wahr, kleine Spötterin, es ist bei mir die reine Trödlerbude?

Das junge Mädchen wurde blutroth, es hatte genau denselben Gedanken in diesem Augenblick gehabt.

In ihrem Schrecken kam Maria nicht in den Sinn, sich zu entschuldigen, noch weniger leugnete sie, dazu war sie zu ehrlich.

Verzeihung Tante Lätitia! stammelte sie nur.

Brav! Sie ist wenigstens keine Lügnerin! sagte diese zu Onno, der doch ob der Szene auch verlegen geworden war, nun aber, sich aufraffend, scherzte:

Du hast aber auch eine Manier die Leute zu verblüffen Tante Lätitia!

Weil meine Augen ihre Gedanken lesen? Und weil ich sage, was ich will?

Ja, und weil Du so großartig über den Meinungen von uns Kleinen stehst! gab er in lachendem Spott zurück.

Als wenn ich nicht recht gut wüßte, daß ich Dir alle Tage damit imponiren muß, Du Taugenichts! Als ob ich nicht wüßte, daß Du Dir aus mir garnichts machen würdest, wenn

Ihre Augen blitzten boshaft.

Tante Lätitia! fuhr er zornig mit großen, funkelnden Augen gegen sie auf.

Na, na, nur ruhig Blut, wir sind alle Menschen, und ich fordere von Dir nichts Außergewöhnliches!

Aber Du erlaubst Dir auch nicht Ungehöriges, muß ich bitten! sagte er heftig und schnallte mit zitternden Fingern seinen Degen um.

Teufel von einem Jungen! Soll ich Dich wohl jetzt um Ver zeihung bitten, weil ich gewagt habe, meine Menschenkenntniß auch auf Dich auezudehnen!

Steck Deine Lebenserfahrung und Weltkenntniß, mit sammt Allem was Du hast, in den Ofen, es ist nichts daran verloren.

Jetzt kommst Du her, Schlingel, befahl sie. Ihre Augen glänzten vor Vergnügen.

Er gehorchte brummend, blieb in dienstlicher Haltung zwei Schritt weit von ihr stehen und sah ihr grellend und herausfordernd in das immer heller strahlende Gesicht.

Näher! befahl sie.

Er machte noch einen Schritt. Jetzt streckte sie die Hand aus, faßte ihn am Ohrläppchen und zog ihn heran.

Er brummte weiter.

Sieh, Maria, der Bosewicht weiß, daß ich ihn lieb habe und tyrannisirt mich dafür unverschämt.

Willst Du wieder artig sein, Du unartiger Junge? fragte sie Onno dann.

Er nickte grollend, nur halb versöhnt und fragte:

Willst Du Dir nicht wieder Beleidigungen gegen mich erlauben?

Nun sieh Einer, was habe ich gesagt?

Du sollst Deine Insulten gegen das Menschengeschlecht auch nicht einmal denken in meiner Gegenwart und gar indem Du sie auf mich beziehst!

Na komm her! Wollen Frieden schließen! sagte sie weicheren Tones. 1

Sie gaben sich die Hände und Onno trieb zum Fortgehen. 4

Du mußt mich oft besuchen, Maria, es ist Deine Pflicht, denn ich war die Schwester Deiner Großmutter! sagte sie beim Abschiede. 1

Dann gingen die Geschwister. Maria ganz verwirrt von den ö widersprechenden Eindrücken des heutigen Tages und erschrocken über Onno's Benehmen.

Wie kannst Du so sein? fragte sie vorwurfsvoll. 14

Wenn ich ihr nicht jeden Tag zeige, daß ich mir von ihr nichts bieten lasse, so würde sie mich für einen feilen Gesellen, einen Erbschleicher, halten! sagte er.

Und wenn Du sie eines Tages wirklich erzürnst?

So mag sie dahinfahren mit sammt ihrem Geld! Ich brauche es nöthig genug, das weiß Gott, aber ich verkaufe ihr keinen Blut- tropfen dafür. Uebrigens sag' selbst, Maria, sie ist eine interessante. Person; zuweilen habe ich die alte Vogelscheuche ordentlich lieb!

Die Geschwister lachten, Maria stimmte Onno bei auch sie fand Tante Lätitia lange nicht so schlimm, wie sie sich dieselbe gedacht.

Als sie am folgenden Abend mehrere Stunden am Theetisch der alten Dame mit ihr und Lornow verplaudert und beide Herren Maria dann nach Hause geleitet hatten, trat diese, eine Andere, als die sie jemals gewesen, in das kleine Stübchen, wo Helo ihrer einsam bei einem Leihbibliothekromane wartete.

Erstaunt blickte das junge Mädchen die liebe Gefährtin an und rief:

Maria! Wie siehst Du aus? Ist Dir etwas Glückliches passirt?

Glückliches? Maria wurde plötzlich sich selbst bewußt, daß sie in der That ein eigenthümliches Glücksgefühl empfand. Doch zugleich sah sie in Helo's niedergeschlagene Mienen

Aber Du, Helo? Bist Du traurig gewesen? fragte sie zärtlich.

Ja, Maria, traurig zum Weinen! Wenn ich früher viele lange Abende allein blieb, hatte ich doch meine Gouvernante, oder auch später niemals Sehnsucht nach den Freuden der Andern. Und heute! Den ganzen Abend sah ich Euch an Eurem Theetisch, stellte mir vor, wie hell und traulich es dort sein würde, wie Onno Euch Alle lachen machte und da habe ich mich recht dumm benommen und habe geweint!

Arme, kleine Helo! Ich lasse Dich nicht wieder allein! Aber sieh, Onno hat mir diese Primeln für Dich gegeben, er kaufte sie auf unserm Heimwege in einem Blumenladen! 13

Onno? Und mir?

Ein unbeschreiblicher Herzensjubel klang aus Helo's Stimme, aber Maria war zu sehr mit den eigenen Gedanken beschäftigt, um Acht darauf zu haben, daß Helo ihre Blumen so entzückt betrachtete, und dann verstohlen, flüchtig und wie vor sich selbst erschreckend, geküßt hatte.

Dann saßen die beiden Kousinen in dem kleinen, harten Sopha nebeneinander gekauert, hatten sich umschlungen und merkten gar nicht, wie ihre Augen glänzten und ihre Wangen glühten. 0

Und während Marla nicht müde werden konnte zu erzählen, wie reizvoll und erftischend die Unterhaltung bei Tante Lätitia gewesen und während der Name Lornow wohl hundertmal von ihren Lippen fiel, hörte Helo nur immer, was Onnos gesagt, liebkos te ihre Primeln mit den Augen und fragte unermüdlich, so daß Maria nicht auf- hören konnte, sich iwmer noch wieder an Neues von diesem gesegneten Abend zu erinnern.

Erst spät, als der Wagen vor das Haus fuhr, welcher Gräfin Paula und Elma aus einer Tanzgesellschaft zu Haus brachte, trennten die Freundinnen sich, um von dem zu träumen, was sie bewegte. N

Am nächsten Morgen aber schon schrieb Maria ihrer Mutter. einen dieser fast täglichen langen Briefe, welche der einsamen Frau der einzige Lichtstrahl in dem trüben Grau ihrer Tage waren und in diesem Briefe erzählte sie fast nur von Lornow und daß er der Pflegesohn des Generals Arco, des einstigen Verehrers ihrer theuren 4 Mama sei. 1

Baronin Valerie sah sofort ein, Lornow interessirte Maria und wie eine Fata Morgana schwebte ihr ein Zukunftsbild der Tochter vor den Augen, worin Alco die Tochter der Einstgeliebten freudig seinem Liebling und Erben zuführte.*

Mit keineswegs angenchmer Ueberraschung sah Gräfin Paula,

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