Ausgabe 
23.10.1887
 
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Oberhessischen

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zu den

Uuchrichten.

Eine gute Bartie.

Roman von L. Haidheim.

Gießen, den 23. Oktober.

(Fortsetzung)

Fräulein von Goostädt bewohnte eine im gothischen Styl ge baute Villa, welche, kaum zwei Jahrzehnte alt, theils durch die Laune des Erbauers, theils durch den Geiz der alten Dame, welche die Reparaturkosten scheute, wie ein richtiges verwittertes, altes Kastell aussah.

Sie saß nun schon seit einigen Jahren mit ihrer Gesellschafterin, einem alten Diener und einer Köchin allein darin, da sie für den Oberstock wegen ihres zänkischen Wesens keine Miether finden konnte, und wenn sich, noch immer ihre alten Freunde um sie sammelten, so war es, weil ihre originellen Lebensansichten, welche sie mit noch originelleren Manieren verband, den Leuten um der Absonderlich⸗ keiten willen Vergnügen und Unterhaltung gewährten; weil man über ihre Grobheiten lachte und ihre unbekümmerten Urtheile über alle Welt mit Behagen anhörte.

Als Maria am Arme ihres Bruders zuerst in das große düstere und mit dumpfer Luft erfüllte Zimmer trat, nachdem sie eben erst diesen erfrischenden Spaziergang gemacht, schien ihr dasselbe wie ein Gefängniß.

Am Fenster thronte auf einer um zwei Stufen erhöhten breiten Estrade unter einer Art Baldachin, wie man ihn über Thronsesseln anbringt, Filet machend Fräulein Lätitia von Goostädt, das spärliche eisgraue Haar sehr sorgfältig frisirt und in den Schläfen in dünnen Löckchen zusammen gefaßt, während, ganz entgegen der damaligen Mode, hoch oben auf ihrem Scheitel ein winziges Zöpfchen zu einem etwa wallnußgroßen Knoten zusammengesteckt war. Ein schweres schwarzes Seidenkleid von altmodischem Damast, und wie Maria später bemerkte mit einer gradezu bewundernswerthen Ausdauer und Geschicklichkeit in jeder Falte und Naht unzählige Male gestopft und ausgebessert, bauschte seine steifen Linien um die knochige Figur des alten Fräuleins, welches wie der Vikar of Wakefield mehr Wohlgefallen an dem guten Stoff, als an den Launen der Mode zu finden schien.

Am andern Fenster zur ebenen Erde saß an einem Nähtischchen die Gesellschafterin Fräulein Felicie Maipeter und besserte eben ein

anderes ähnliches Kleid ihrer Herrin aus.

Seien Sie keine Närrin, Felicie, vor dem Jungen wollen Sie doch nicht die Prüde spielen, und dem Mädchen ist es ganz gut, wenn es sich an meiner Sparsamkeit ein Exempel nimmt! hörten sie eine harte laute Stimme sagen, als der Diener sie meldete.

Das galt der Gesellschafterin, die eben mit dem reparaturbedürftigen Kleide entfliehen wollte und nun verlegen wieder auf ihren Stuhl

zurückkehrte. 5 Nun! Da bist Du also? sagte die laute Stimme und eine

knochige Hand faßte die Maria's mit eisernem Druck, während die wasserblauen Augen von Fräulein Lätitia sich fest auf ihr von der

frischen Luft und dem Vergnügen der letzten Stunde geröthetes Gesicht bohrten.

Maria neigte sich, die Hand der alten Dame zu küssen, wie sie es in ihren Kreisen gewohnt war.

Laß den Firlefanz! Gegen unseres Gleichen sollen wir demüthig thun! Die unter uns Stehenden mögen ihre Unterwürfigkeit so beweisen, sagte diese.

Du bist sonst so eingenommen für die alte gute Zeit, Tante, wo die Jugend nicht respektvoll genug sein konnte, sagte Onno scherzend. 5

Hasenfuß! Als ob Ihr Jungen auch nur noch eine Spur von dem Respekt der guten alten Zeit hättet, fuhr sie lachend nach ihm herum. In ihren Augen lag das Wohlgefallen an dem kecken Burschen, der affektirt den Saum ihres Kleides zu küssen vorgab.

Dann blickte sie wieder Maria an, fest und bohrend.

Ein Weltkind! war dann ihr bestimmter Ausspruch.

Ein Weltkind, mit einem thörichten, nach Lebensgenuß ver⸗ langenden Herzen! Na, da kommst Du fa grade recht bei den Isenreuts! Das hastet und fiebert von einem Vergnügen zum Andern; Mutter und Tochter kommen wohl garnicht aus den Jagdkleidern heraus!

Maria blickte ohne Verständniß verlegen die Fragerin an, welche ihrerseits Onno kaustisch anlachte. Dann erzählte sie ihm:

Die Lautenberg war hier und hat mir berichtet, Glanstätt habe in Lornow einen Rivalen gefunden Paula sei entzückt, mit dem Einen eine Presston auf den Andern ausüben zu können! Na, meinetwegen! Wenn der Lornow aber ein solcher Erzgimpel wäre!

Wir haben Deinen Freund eben kennen gelernt, Tante Lätitia, sagte der Offizier und berichtete das Erlebniß.

Na, um so besser, ich wollte Euch morgen mit ihm zum Thee

bitten; bin froh, daß ich ihm junge Gesellschaft bieten kann.

Ihr kommt doch?

Die Geschwister sagten zu.

Sie plauderte noch eine Weile mit Onno in dem Tone eines guten Kameraden. Offenbar wußte sie um alle seine persönlichen Angelegenheiten und die seines Regiments durch ihn selbst genau Bescheid. Er erzählte ihr allerlei auch ein paar lustige Ge⸗ schichtchen von der Instruktionsstunde, und sie lachte mit ihm so voll wahrer Heiterkeit, daß Maria die herbe Natur, die ihr sonst in Allem, was Lätitia von Goostädt sagte, entgegen trat, wie einen Widerspruch zu diesem Lachen empfand.

Unterdeß musterte sie heimlich das große Gemach. Es steckte voll von altmodischem, einst vielleicht sehr werthvollen Schmuck, aber das Ganze sah weder behaglich noch vornehm aus, weil dazwischen