Ausgabe 
23.10.1887
 
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wie die Heiterkeit des Gemüths ihre Nichte Maria verschönte und sie zu einer Erscheinung machte, welche schon die allgemeine Auf merksamkeit ihrer geselligen Kreise erregte, mit denen Maria bei der lebhaften Geselligkeit im Hause ihrer Verwandten doch öfter, als der Tante lieb war, in unvermeidliche Berührung kam. 6 Und Elma verlor neben Maria, das verhehlte sich die Mutter nicht. Elma sah neben ihr aus wie ein Rococofigürchen aus Meißner Porzellan neben einem edlen griechischen Marmorbilde nur daß Maria lachte und plauderte, nur daß ihre Augen strahlten wie Sonnen. Noch merkte Elma den Schatten nicht, der sie verdunkelte, sie war dazu zu selbstgewiß und verwöhnt und Gräfin Paula wollte ihre Tochter um keinen Preis mißlaunig und unsicher machen, deshalb schwieg sie davon und trug ihren geheimen Groll allein. Lornow hatte seinen Besuch bei der Gräfin gemacht. Die Be friedigung darüber war aber nur eine mäßige, denn sie erkannte mit geübtem Scharfblick sofort, daß Lornow's Interesse für Elma erkaltet sei und sich in erhöhtem Grade Maria zugewendet habe, so sehr der junge Mann auch glauben mochte, seine Gefühle zu ver⸗ stecken, indem er in seiner verbindlichsten Weise nach beiden Seiten hin seine Aufmerksamkeiten vertheilte.

Mißstimmung über dies Alles zu zeigen, lag nicht in Gräfin Paula's Art; dennoch fühlte Maria dieselbe instinktiv und hörte sie aus diesen tausend kleinen Wendungen des Gesprächs, welche Nadel⸗ stiche sind, gegen die das Opfer sich nicht wehren kann, weil sie stets unerwartet kommen.

Je weniger sich Maria im Grunde bei den Isenreut's gewöhnte, wenn auch die freudige Herzenserregung und die tägliche angenehme Erwartung, irgendwie Lornow zu treffen oder zu begegnen, sie über das anfängliche Heimweh hinweg hoben, um so lieber ging sie wöchentlich einmal zu Tante Lätitia, um dort fast regelmäßig Onno und Lornow, dann aber auch noch mancherlei andere Gesellschaft zu treffen.

Wer diese Andern waren, wußte Maria kaum, sie kannte die Titel und Namen, plauderte, gab Antwort und sonnte sich in dem Beifall, den sie fand; aber das Alles ging an ihr vorüber wie ein Schattenbild; sie wußte es nicht, aber Thatsache war, daß sie nur Einen in diesem Kreise sah, nur Einen hörte, und daß sie dennoch für alle diese Andern diese warme Liebenswürdigkeit hatte, weil ihr Herz überfloß von stiller Glückseligkeit und Liebe.

Tante Lätitia wußte diese neueZugkraft für ihren kleinen Salon sehr zu schätzen und überhäufte Maria mit Freundlichkeiten, die wenig kosteten, von ihr selbst aber hoch angeschlagen wurden. Wenn sie Maria dann statt neben Lornow, neben dem Freiherrn von Totzenbach, einem der reichsten jungen Männer der Residenz, sitzen ließ, wenn sie Totzenbach befahl, Maria zum Singen zu be⸗ gleiten, so trübte weder dies noch ähnliche Anordnungen der herrsch süchtigen alten Dame Maria's Stimmung, denn Lornow wußte in solchen Fällen immer Mittel zu finden, sie fühlen zu lassen, daß er sie mit seiner zarten heimlichen Fürsorge, Wachsamkeit und Zärtlich⸗ keit dennoch umgab.

Der Freiherr seinerseits, eine untersetzte kräftige Figur mit hell⸗ blondem glatten Haar und einem männlichen, wenn auch keineswegs schönen Gesicht galt dafür, daß er in die Residenz gekommen, um sich eine Frau auszusuchen. Daß es ihm dabei weder von Seiten der Töchter, noch der Mütter und Tanten an freundschaftlichen warmen Blicken gefehlt, belächelte man von nicht betheiligter Seite spöttisch genug. Er allein schien das Entgegenkommen, welches er fand, nie zu bemerken; unbekümmert um jeden Andern steuerte er mit ruhigem Blick bald rechts, bald links, machte in seiner zurückhaltenden oder vorsichtigen Weise die Bekanntschaften, die ihn momentan interessirten und segelte weiter. Bis jetzt hatte es keine der jungen Damen ver⸗ standen, denParadiesvogel, wie Tante Lätitin ihn taufte, ehe sie selbst Pläne mit ihm hatte, einzufangen. Aber kaum sah der Frei herr Maria, als er plötzlich ein ganz Anderer zu werden schien. Sie konnte dies nicht bemerken, denn sie hatte ihn vorher nicht gekannt, um so mehr fiel es allen Andern auf und zuerst Tante Lätitia, die schon am nächsten Morgen bei einer Visite des Freiherrn Gelegenheit hatte, seine lebhafte Theilnahme für Maria offen von ihm bekannt zu hören. i 5 Selbstverständlich geschah dies von dem weltgewandten jungen

Manne in der diskretesten Weise, aber er wurde verstanden, wie er wünschte, und Tante Lätitia entsprach seiner Offenheit in gleicher Weise, indem sie ihm sagte:Sie wissen, Freiherr, daß das Mädchen einen Vater hat, der, Gott sei's geklagt, auf der Welt nichts weiter leistet, als daß er sein und seiner Frau Geld auf die Straße streut, bis auf den letzten Pfennig.

Welches Glück müßte es für einen reichen Mann sein, das bezaubernde Mädchen mit Allem zu umgeben, was die Welt ihr schuldet! sagte er feurig.

Von diesem Tage hatte Fräulein Lätitia von Goostädt den Plan gefaßt, Maria's Glück an Totzenbachs Seite zu begründen, daher die ungewöhnlich häufigen Theeabende bei ihr und nie waren diese so besucht gewesen wie jetzt, wo in dem kleinen Salon der wunder lichen alten Jungfer zwei Sterne, wie der Freiherr von Totzen bach und der Legationsassessor von Lornow als Intime verkehrten, gar nicht zu reden von Onno von Hooglander und anderen eleganten jungen Männern, die, wie er, die Aussicht auf eine Erbschaft oder eine gesicherte Lebens stellung hatten.

Welcher Verdruß für Gräfin Paula, daß sie und Elma sich mit dem boshaften altenKäuzchen überworfen hatten! Elma hatte Tante Lätitia diesen Namen gegeben zur Revanche für die ornithologischen Vergleiche, welche diese anzustellen liebte.

Ein Trost war es für Mutter und Tochter, daß die alte Freundin des Hauses, die Baronin Lautenberg, jene Theeabende Lätitia's regel mäßig besuchte. So erfuhr man doch was vorging, oder glaubte wenigstens klar zu sehen, denn die Lautenberg war viel zu schlau, um Alles zu sagen, was sie wußte, ehe sie selbst Offenheit an der Zeit hielt.

Ein solcher Moment mußte aber wohl jetzt gekommen sein, denn Baronin Lautenberg, angethan mit einem neuen rabenschwarzen Scheitel und einem darübergesetzten lavendelfarbigen Prachthut, aus dem ihr Gesicht noch gelber als gewöhnlich hervorsah, sagte bei der Morgenvisite, die sie Lätitia abstattete, mit mitleidigem Lächeln: Aber sind Sie denn blind, meine Gute, nicht zu sehen, daß Ihre Nichte diesem voitrefflichen Freiherin einen Korb flechten wird, weil sie und Lornow sich lieben wie ein paar thörichte Kinder?

Und dann lehnte sie sich behaglich in dem Sessel zurück, der dem Thronhimmel Lätitia's gegenüber stand, und während ihre Augen wider ihren Willen boshaften Triumph blitzten, machte sie ein ganz mitleidiges Gesicht.

Die gute Lätitia sah in diesem Augenblick vor Erstaunen und Schrecken nun wirklich nicht so geistreich wie gewöhnlich, sondern im Gegentheil ganz ungewöhnlich einfältig drein.

Dann wurde sie aber ärgerlich; wie konnte die Lautenberg solche Albernheiten vorbringen? 5

Haben Sie mal wieder das Gras wachsen hören, meine liebe Cornelia? lachte sie spöttisch und nicht nur von der Höhe ihres Thrones, sondern auch ihres moralischen Uebergewichts herab.Seien Sie so gut, derartige Histörchen nicht für mich zu erfinden; Sie müssen sich doch sagen, daß ich meine Augen nie umsonst im Kopfe gehabt habe! i

Die Baronin Lautenberg war merkwürdig nachgiebig heute.

Sie werden natürlich die Sachlage besser übersehen wie ich, meine beste Lätitia; der Freiherr wäre allerdings auch eine bessere Partie, als Ihr Liebling.

Mein Liebling, wenn Sie Lornow meinen, ist für jedes reiche Mädchen eine Partie, so konvenabel wie möglich, denn Arco hat es so gut wie sicher, den Grafentitel auf ihn vererben zu dürfen! Natürlich darf er keine Arme heiraihen, denn Arco kann ihm kein Vermögen hinterlassen. Und wenn Sie mir eine passende Partie für ihn vorschlagen wollten, so machen Sie keine Umschweife, Beste, Arco wünscht sehr, ihn zu verheirathen. Wie herab⸗ lassend sie that.

Wenn ich Ihnen Elma vorschlagen würde.

Gehen Sie mir! Lornow kann keine Gans zur Frau brauchen, und was ist sie anders?

Sehen Sie, man darf nur den Namen nennen, so werden Sie gleich erbost und ungerecht. Oder soll Onno sie haben? fragte sie mit sanfter, harmloser Miene.

Geben Sie sich keine Mühe, liebe Lautenberg, Sie reizen mich nicht! Hahaha! Was haben Sie nur im Sinn, mir mit all diesen hirnverbrannten Projekten zu kommen, an die Sie selbst nicht glauben? lachte Fräulein Lätitia wieder so recht selbstgewiß.

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