——— g
N
N 5
31..
Der Zug hielt. Rein nahm den noch immer schlummernden Knaben auf den Arm und verabschiedete sich von mir mit einem herzlichen Händedruck. Ich aber wurde von meiner Frau mit solch stürmischen Liebkosungen empfangen, daß ich darüber meinen Freund sammt dem kleinen Gustav aus den Augen verlor.
Ein halbes Jahr war vorübergegangen. Der Frühling war dem Winter gefolgt, wir hatten wenig davon bemerkt. Eine sehr be⸗ schäftigte Zeit, wo viel Neues an unserer Bühne einstudirt wurde, hatte uns ganz in Anspruch genommen und zur Geselligkeit nur wenig Muße übrig gelassen. So hatten wir auch Rein nur selten und meist nur auf kurze Zeit gesehen, widmete er seine freien Stunden doch fast ausschließlich dem kleinen Gustav. ö
Es war ein warmer, schöner Tag im Monat Mai, als ich einen freien Nachmittag benutzen wollte, um mit meinem Weibe einen Ausflug in die Berge zu machen. Auf dem Wege zum Bahnhof trafen wir Rein, seinen Knaben an der Hand, und erfreut begrüßte er uns und fragte nach unserem Vorhaben.
„Ei, ei,“ scherzte er dann,„wo hat das treue Elternpaar die Kinder heut gelassen?“
„Daheim, unter der Obhut Elisens,“ nahm meine Frau das Wort.„Bei ihr wissen wir die Kinder am besten versorgt.“
Rein nickte und ging, zeigte aber noch mit bedenklicher Miene gen Himmel, wo einige schwarze Wolken sich aufzuthürmen begannen. Wer aber erwartet im Monat Mai wohl ein Gewitter? Wir gingen getrost weiter, jedoch noch ehe wir auf dem Bahnhof angelangt waren, erhob sich ein heftiger Wind, und flüchtigen Fußes eilten wir dem Bahnhofsgebäude zu. Kaum hatten wir das schützende Obdach erreicht, als auch schon der Regen herniederzuströmen begann. so daß wir gezwungen wurden, auf die profektirte Partie zu ver⸗ zichten. Wir warteten also vernünftiger Weise das Wetter im Bahnhofsrestaurant ab und begaben uns dann nach Hause zurück.
Dort wurden wir von den Kindern mit lautem Jubelruf be⸗— grüßt und mit der frohen Nachricht, daß Onkel Rein drinnen bei Tante Elise sei. Eilig wollte mein Weib hinein, um den selten gewordenen Gast willkommen zu heißen, ich aber hielt sie sanft zu⸗ rück. Errieth ich doch, was Rein heute zu Elisen geführt; ich hörte seine tiefe, volle Stimme, wie er zu ihr sprach, und glaubte, ihr Schluchzen zu vernehmen. i
Nach längerer Zeit trat denn auch Rein mit Elise bei uns ein, und das letzte Ergebniß der verhängnißvollen Konzertreise war folgende Annonce, welche nach einigen Tagen Jedweder in unserem städtischen Anzeiger lesen konnte:
Elise Wagner, Gustav Rein, Verlobte.
Lose Blätter.
Angelica Catalani und Goethe. Im Jahre 1816 kam die berühmte Sängerin Angelica Catalani nach Deutschland und feierte hier wie überall große Triumphe. Auch Weimar lag in Huldigung der herrlichen Stimme und der wunderbaren Gesangsweise ihr zu Füßen. Man trieb einen Kultus mit der Diva, wie er 55 glücklicherweise nicht allzu oft wiederholt. Auch Goethe wurde von ihrem Vortrage ergriffen, hielt es aber unter seiner Würde, ihre Bekanntschaft zu suchen. Man wußte Rath. Der Hof lud Angelica ein und setzte sie neben den Dichter. Die Catalani hatte von der deutschen Literatur keine Ahnung, doch entging ihr nicht die Achtung, der Goethe sich allgemein erfreute, und die ihm entgegengebracht wurde. Sie erkundigte sich deshalb nach ihm und erfuhr von ihrem anderen Nachbar bei Tafel, daß er der Verfasser des Götz von Berlichingen sei.—„Kenne ich nicht,“ bemerkte die Sängerin—„Des Werther!“— Angelica hatte in Paris eine Farce gesehen, welche die Sentimentalität im Werther ver⸗ spottete und meinte, daß dieselbe von dem Dichter herrühre. Daher wandte sie sich lebhaft zu Goethe.„O mein Herr,“ sagte sie freundlich:„ich muß gestehen, daß ich Ihre Werke verehre.“—„Signora, Sie sind anbetungs⸗ würdig,“ erwiderte der große Dichter, der begierig war, was die Catalani von ihm gelesen habe.„Welches meiner Werke lieben Sie am meisten?“ —„Den Werther! ich habe mich bei ihm vor Lachen ausschütten wollen.“ Goethe zuckte zusammen.„Werther's Leiden?“ bemerkte er endlich verstimmt. —„Nun ja, ich sah sie in Paris, eine drollige Komödie.“—„Madame, da bedaure ich Ihre Lobsprüche vicht annehmen zu können; ich bin nicht der Verfasser dieser Farce,“ erwiderte der Dichter.— Der. Abend, von dem er sich großen Genuß versprochen hatte, war ihm durch die Unkenntniß der Italienerin verleidet worden. W. G.
Edle Entrüstung. Es giebt Zeiten und Gelegenheiten genug, wo die Aeußerung von Unwillen nicht nur erlaubt, sondern sogar nothwendig ist.
Uẽs liegt die Pflicht ob, über Falschheit, Selbstsucht und Grausamkeit empört zu sein. Ein wahrhaft edelmüthiger Mann wird bei jeder Niedrig⸗ keit und Gemeinheit auffahren, auch wenn er nicht die Verpflichtung hat, sich auszusprechen. f
Mit einem Menschen, der nicht in Unwillen gerathen kann, möchte ich nichts zu thun haben. Es giebt in der Welt mehr gute als schlechte Menschen, und die schlechten haben blos deshalb die Oberhand, weil sie kühner sind. Ein Mann, der sich seiner Kräfte mit Entschiedenheit bedient,
muß uns wohlgefallen, und wir nehmen oft blos aus dem Grunde, weil er
das thut, für ihn Partei. Allerdings ist es mir oft leid gewesen, daß ich gesprochen habe, aber eben so oft ist es mir leid gewesen, daß ich ge— schwiegen habe.“ 2
So die trefflichen, beherzigenswerthen Worte des Buchhändlers Perthes, eines ausgezeichneten deutschen Patrioten. ö Th. B.
f
Das Laternenfest. Das Laternenfest ist eines der wichtigsten National⸗ feste der Chinesen, das zu Ehren des Gesetzgebers Confutje gefeiert wird. Die letzten Tage des alten und die ersten des neuen Jahres sind dieser Feierlichkeit gewidmet, welche e zwanzig Tage dauert. Erst in der Nacht des fünfzehnten Tages beginnt das Laternenfest. Im Innern des kaiserlichen Palastes von Peking befindet sich eine ungeheuere Glocke, welche bestimmt ist, das Signal zu diesem Feste zu geben. Sobald diese Glocke ihre tiefen Töne hören läßt, giebt man auf allen Forts des Palastes und der großen Stadt Artillerie⸗Salven; die Trompete klingt in den Straßen Pekings wieder und eine Million von Laternen in allen Farben wird vor den Häusern aufgehängt; Feuerwerk wird auf verschiedenen Punkten los⸗ gebrannt, das Volk wogt jubelnd durch die Straßen und alle Glocken klingen zusammen. Diesem Signale folgen sogleich alle Städte und Dörfer des ungeheuern chinesischen Reiches. Palaste pflanzt sich augenblicklich weiter fort, von Echo zu Echo, bis zu den äußersten Grenzen des Landes und ehe eine Stunde vergeht, klingt Glockengeläute durch ganz China von einem Punkte zum andern und zwei⸗ hundert Millionen Menschen mit ebenso vielen Laternen bewegen sich in dem Lande zur würdigen Feier des Festes. Die durchsichtigen Laternen von hellen glühenden Farben in der dunkeln Nacht bieten einen magischen An⸗ blick dar. Hierauf beginnen die Bonzen ihre Aufzüge in den Straßen unter Begleitung lauter Musik. Dichte Volksmassen folgen ihnen; die Angesehensten begleiten die Prozession in Wagen, die Leute aus dem Mittelstande reiten auf mit Bändern und Blumen geschmückten Eseln und eine große Anzahl Frauen folgt zu Pferde, verschiedene Instrumente spielend. Die Kanonen⸗ schüsse, das Glockengeläute, der Lärm der Musik und das Geschrei der Volks⸗ menge bringt den seltsamsten Eindruck, den man sich denken kann, hervor. Den andern Tag zu Mittag wird das Fest ruhiger; dann beginnen die Maskeraden, welche an den Carneval Italiens erinnern. Diese chinesischen Possen sind ebenso toll und ausgelassen, wie jene zu Rom und Neapel, nur mit dem Unterschiede, daß Jedermann dabei sein Gesicht frei zeigt. M.
Heldenmüthige Frauen. Im tyrolischen Lechthal haben die Frauen das eigenthümliche Privilegium, in der Kirche vor den Männern zum Opfer zu gehen. Das Landvolk erklärt sich dies durch eine gelungene Kriegslist, welche den Lechthaler Frauen zu danken, die, als im dreißigjährigen Kriege die Schweden schon bis auf der Hohenrain bei Elmen vorgedrungen waren, den Abzug der Feinde bewirkten. Die Lechthalerinnen verloren nämlich, trotz der Verzagtheit ihrer Ehemänner, nicht den Muth, sondern bewaffneten sich, um Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Außerdem steckten sie Heinzen (d. h. Pfähle mit Sprossen zum Aufhängen der Korngarben) an einem Hügel in großer Menge auf, bekleideten sie, daß man glaubte, handfeste Männer ständen da, und schürten aller Orten Wachtfeuer an. Als die Schweden die vermeintlichen streitbaren Bauern und die zahllosen Wachtfeuer erblickten, ließen sie sich in's Bockshorn jagen und ergriffen das Hasenpanier. Seit jenen Tagen soll nun den Lechthalerinnen die Auszeichnung geblieben sein, in der Kirche vor den Männern zum Opfer zu gehn. Th. Bd.
Vor der Schlacht bei Murten, 1476, fielen die Schweizer auf ihre Kniee und beteten inbrünstig:„Lieber Gott! haben wir Recht, so steh uns bei; haben unsere Feinde Recht, so steh' ihnen bei; haben wir alle beide Recht, so sieh' einmal zu, wie wir uns schlagen werden.“ Der Murtner Friedhof zeugte vom Erfolge dieses Gebets. M.
Rothschild und Saphir. Zu dem Wiener Rothschild kam der Humorist Saphir zu einem jour fine.„Ich huldige noch der alten Sitte,“ sagte der Börsenfürst zu ihm,„daß ich ein Stammbuch halte, in das sich meine Freunde eintragen. Darf ich Sie bitten, auch einige Zeilen hineinzuschreiben?“ —„Sehr gern, ich bin bereit.“— Rothschild überreichte Saphir das Album, der auf einen Tisch zueilte. Eine Minute darauf hatte er mit fliegender Feder die Worte niedergeschrieben:„Leihen Sie mir hundert Louisd'or und vergessen Sie auf ewig Ihren Freund Saphir.“ W. G.
In einer Herberge Spaniens hatte ein Reisender die Nacht hindurch nicht schlafen können, weil die Esel des Wirthshausbesitzers fort und fort schrien. Er beschwerte sich deshalb.„Ja, ja,“ lautete die Erwiderung des Herbergwirthes, der sich hinter den Ohren kratzte,„meine Esel schreien des Nachts, wenn sie ihres Gleichen wittern.“ W. G.
Der erste Kanonenschuß vom kaiserlichen


