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dabei faßte er Kathrinen um die Hüfte, hob sie in die Höhe und kreiste wild mit ihr unter die Tanzenden.
2 Bincenzi⸗ schrie die Wirthin.
„Die Magd!“ riefen die Bauerndirnen entrüstet; die Burschen geboten der Fiedel Einhalt.
Vincenz aber trat in den Kreis, das zitternde Mädchen an der Hand.„Ich bin der Wirth bier und der Herr von diesem Haus; dies hier ist die Base meiner Frau. Ich will mit ihr tanzen und ich werde mit ihr tanzen, so wahr ich der Wirth hier bin.“
Dabei riß er Kathrinen wieder mit sich herum, fuhr in alle Ecken mit ihr, stieß endlich an den Schenktisch und stürzte der Länge nach zu Boden. Frau D Dorothee sprang ihm zu Hilfe und beruhigte die aufgeregten, Burschen; einige Gutmüthige standen ihr bei, den Berauschten in's Wohnzimmer zu schaffen und dort festzuhalten, bis er in einen tiefen Schlaf versank.
Die Wirthin stand mit ihrem ruhigen Lächeln die ganze Nacht hinter dem Schenktisch; als sich endlich beim ersten Grauen des Morgens die letzten Gäste entfernten, sagte sie zu dem Mädchen: „Du packst noch heut Dein Bündel und gehst, woher Du ge— kommen bist.“
Dann nahm sie ihren Mann, entkleidete ihn behutsam und saß lange vor 0 wie er im Bette lag, indem sie mit kummervollen Augen in sein blasses, abgefallenes Gesicht blickte und mit ihrer kräftigen Hand liebkosend durch sein krauses Haar fuhr.—
(Schluß folgt. 0
Eine Vomerleeif e. (Schluß.)
„Zwei kurze Wochen war ich verheirathet, während welcher meine Seligkeit nur getrübt wurde durch die sich immer steigernde Schwer—
muth meines Weibes und deren immer bleicher werdendes Aussehen.
Auf alle theilnehmenden Fragen hatte sie jedoch nur die eine Antwort, daß ihr nichts fehle, und sie nur fühle, daß sie nicht gut genug für mich sei. Solche Gedanken suchte ich ihr natürlich als thöricht durch Scherzworte zu vertreiben und fühlte mich den glücklichsten der Sterblichen.
„Da erhielt ich nach Ablauf der oben erwähnten vierzehn Tage ein Telegramm, welches mich nach der Hauptstadt berief. Durch plötzliche Erkrankung des dortigen Tenoristen entstehe eine Lücke im
Repertoir, die wegen Anwesenheit fremder königlicher Gäste am Hofe
doppelt störend wirke, und ich solle aushelfen. Zu jeder anderen Zeit wäre eine solche Aufforderung mir höchst schmeichelhaft gewesen, jetzt aber berührte sie mich unangenehm. Voll banger Ahnungen trat ich die Reise an, mein Weib im Schutz meiner Mutter zurück— lassend.
„Mehrere Tage wurde ich durch das Gastspiel in der Residenz zurückgehalten, und war tretz aller Gunstbezeugungen froh, als ich endlich die Rückreise antreten durfte. Schon nahe der Heimath, die ich in wenigen Stunden zu erreichen hoffte, brach mir der Wagen und zwang mich, behufs dessen Ausbesserung in dem kleinen Dorfe G. zu übernachten. Dieser Verzug war es, der verhängnißvoll für mein
Glück werden sollte. Als ich spät des anderen Tages heimkehrte, fand ich mein Haus in eigenthümlicher Verwirrung. Aus den be— stürzten Mienen meiner Mutter, welche mir am Eingange entgegentrat, konnte ich ersehen, daß sich etwas Außerordentliches ereignet haben müsse. Die Frage nach meinem Weibe beantwortete die Mutter nicht, sondern zog mich hinein in ihr eigenes Zimmer. Dort erst, wo wir vor Zeugen sicher waren, eröffnete sie mir, wie Sophie gestern Abend von einem Besuche bei Freunden nicht heimgekehrt, wie erst die Mutter, dann das Dienstmädchen sie bis tief in die Nacht hinein vergeblich erwartet habe. Erst heute früh habe man Nachforschungen anstellen können, und dabei diesen Brief in meinem Zimmer auf dem Schreib— tisch gefunden. Vielleicht, daß derselbe eine Aufklärung enthalte. Bei diesen Worten überreichte mir die Mutter einen Brief von Sophie.
„Ich sank kraftlos in einen Stuhl, öffnete das Couvert und las, las zwei, drei Mal, ehe ich 9 75 Inhalt ganz verstehen konnte. Und doch stand es klar und deutlich d a, wie Sophie mich nie geliebt, wie jener Bereiter Bonislaw schon längst ihr Herz besessen, wie ihr Vater sie aber zur Heirath mit mir gezwungen und ihr jede Möglichkeit abgeschnitten habe, mich mit dem Zustand ihres Herzens bekannt zu machen. Sie habe einen bitteren Kampf gekämpft, aber die Liebe
habe doch endlich über das Pflichtgefühl triumphirt, und so verlasse N
sie mich, um zu Bonislaw zu gehen. Vermöge ein Weib ohne Liebe ja auch kein Glück in meine Häuslichkeit zu bringen, und ihr selbst würde das Leben an meiner Seite zu einer ate Qual werden. Zum Schluß bat sie mich noch, ihre und Bonislaws Spur nicht zu verfolgen, und ihr die Schmerzen, die sie mir verursache, zu ver⸗ zeihen. wie ernst auch sie gerungen und versucht, ihrer Schwäche Herr zu werden.
„Lange dauerte es, ehe ich aus meiner Erstarrung zu mir kam, und auch dann beklagte ich mehr noch als mich das arme verblendete Wesen, das ein Herz voll heißer Liebe zurückgestoßen um eines Lebens willen voll gleißnerischen Scheines, aber innerer Hohlheit. Je mehr ich mir jedoch unsere Verlobung, die kurze Zeit unseres ehelichen Lebens mit allen einzelnen Momenten zurückrief, um so klarer wurde es mir, wie Sophie an meiner Seite gelitten, und so vermochte ich nicht, sie so hart zu verurtheilen, als es unter anderen Verhältnissen wohl der Fall gewesen wäre.
„Meine Mutter empfand mein Unglück, meine Schmach mit gleicher Stärke. Ihr schwacher Körper war solcher Aufregung nicht mehr ge— wachsen, und sie verfiel in ein hitziges Fieber, dem die Herrliche nach Verlauf weniger Tage erlag.
„Was hielt den Vereinsamten nun noch in der Heimath fest? Ich löste meinen Kontrakt mit der Theaterdirection und begab mich in's Ausland, wo sich auch bald ein geeignetes Engagement in Ihrer Vaterstadt für mich fand. Nun können Sie, lieber Freund, wohl mein zurückgezogenes Leben begreifen, können fassen, daß der Mann, der ohne Weib und doch nicht frei war, sich nicht zwanglos unter die heitere Gesellschaft mischen durfte und mochte.
„Von meinem Weibe hatte ich nie wieder gehört. Eine öffent— liche Verfolgung wollte ich, ihrer Bitte gemäß, nicht einleiten, alle heimlichen Nachforschungen nach ihrem und Bonislaws Verbleib waren erfolglos, und von einer Scheidung sah ich ab, weil ich Sophien eine Rückkehr zu mir nicht unmöglich machen wollte. Unglück konnte sie vielleicht später wieder in meine Arme treiben, und meine heiße Liebe zu ihr vergab ihr selbst diesen Fehltritt.
„Daß mir aber unter solchen Umständen mein Vaterland ver— leidet war, und mir eine Rückkehr nach den wohlbekannten Orten peinlich sein mußte, ist wohl erklärlich, und es kostele mich keinen geringen Entschuß, Sie auf dieser Konzertreise zu begleiten. Als nun wiederum das Wagenrad brach, als wir abermals gezwungen wurden, in G., das mir durch den gleichen Verzug schon einmal so verhängnißvoll geworden, zu übernachten, da hatte ich das Gefühl, als müsse sich mein Schicksal erfüllen.
„Sie wissen, wie ich mein Weib wiederfand. Der Arzt brachte
Sophie durch seine Bemühungen wieder zum Bewußtsein, und in
kurzen, abgebrochenen Sätzen bat sie um meine Verzeihung und be⸗ richtete mir von dem elenden Leben, das sie geführt. Wider mein Vermuthen war Bonislaw stets gut und rücksichtsvoll gegen sie ge— wesen, und so lange er gelebt, hatte sie auch nicht Noth zu leiden brauchen. jähes Ende bereitet, und nun war das Elend in seiner jammervollsten Gestalt über Sophie und ihr Kind hereingebrochen. Endlich hatte Sophie bei einer wandernden Schauspielertruppe Unterkunft gefunden und wenigstens so viel erworben, daß sie und der Kleine nicht gerade Hunger zu leiden hatten. Seit geraumer Zeit aber hatte sie schon den Tod im Herzen gefühlt und die bange Sorge um die Zukunft des Kindes lastete schwer auf ihrer Seele. Wohl hatte sie auch daran gedacht, sich um des Kindes willen wieder an mich zu wenden, allein Scham und Reue hielten sie bis dahin davon zurück.
„Ich kann Ihnen nicht Alles erzählen, was in den kurzen Stunden zwischen uns besprochen wurde— genug— als der Morgen zu
grauen begann, hauchte die Aermste getröstet in meinen Armen ihre
Seele aus.“ Hier schwieg Rein ergriffen; als wir aber in den heimathlichen Bahnhof einführen, fügte er noch hinzu:„Ich brauche wohl kaum
die Bitte auszusprechen, daß Sie das eben Erzählte, sowie das mit 1 mir Erlebte in Vertrauen bewahren, und es mir überlassen, seiner
Ich würde dies gewiß thun, wenn ich eine Ahnung hätte,
Ein Sturz mit dem Pferd hatte jedoch seinem Leben ein
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Zeit— wo es mir angemessen erschelnen sollte— den 9 der
Vergangenheit zu lüften.“
Ich konnte seinen Wunsch begreifen, denn wer läßt gern die
theilnahmlose Neugier Anderer kaum vernarbte Wunden wieder auf— wühlen?


