Ausgabe 
23.1.1887
 
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Niemals?

Niemals.

Ich will Dir sagen, was Dir fehlt, sagte sie und setzte sich neben ihn.Du hast das Heimweh. 5

Woher weißt Du das? fragte er.

Weil ich es auch habe.

Dann erzählte sie ihm von den Bergen, in denen sie ihre Kindheit verlebt hatte.Ringsum, wohin Du siehst, überall eine hohe, blaue Wand, sagte sie.Ich fürcht' mich hier, wo es überall gleich in den Himmel hinein geht. Und nirgends solch' großes, graues, schlampiges Wasser. Da kommt es heruntergesprungen, bläulich und grünlich, schön hell und klar; kannst nicht vorübergehen, ohne Dich daran zu legen und zu trinken. Dann siehst Du die Steinchen darunter glitzern, und allerlei kommt vorbei geschwommen, hier eine Blume, da ein Blatt, dort eine Feder oder ein Strohhalm, auch andres, kleines Zeug, weißt nicht, woher sie kommen und wohin sie gehen. Und dann weit und breit die Bäume, so schattig und grün! Da kommt solch eine einzelne Linde nicht gegen auf. Armdicke Wurzeln treiben sie zwischen den harten Steinen hindurch und recken sich in die Höhe, daß man das Ende kaum sieht. Die Stämme so dick, daß unsere vier Arme sie nicht umspannen! Und erst die Blumen! Weiß und roth und gelb die Wiesen, an allen Hängen blühende Rosen und die Kornfelder ganz putzig von rothem Mohn und blauen Kornblumen! Ich denk' oft, wenn ich Dir da einen Strauß herholen könnt'!

Warum mir? fragte der Wirth.

Die Wirthin macht sich nichts daraus, entgegnete Kathrine.

Es kehrten Leute vom Jahrmarkt zurück und begehrten über⸗ gesetzt zu werden; Vincenz und Kathrine bekamen einige Stunden lang tüchtig zu thun. Die Wirthin kam mit den Kindern nach Hause; der Fährknecht hatte sich noch nicht eingestellt. Immer mehr Leute drängten sich zur Fähre; kräftig setzte Vincenz das Ruder ein, kräftig folgte ihm das Mädchen. Endlich erschien der Fährknecht; er hatte sich beim Trunk übernommen und konnte heute nicht mehr zur Arbeit verwendet werden; Frau Dorothee wies ihn auf seine Kammer.

Du wirst müde sein, Kathrine, sagte der Wirth.

Bist Du's? fragte sie zurück, und der Mondschein glänzte in ihren Augen, gerade wie auf den glitzernden Wellen des Flusses.

Endlich wurden die letzten Nachzügler hinübergeschafft. Es waren trunkene Bursche darunter; einer derselben drängte sich dicht an Kathrine heran.Hier, rief er und ließ ein Silberstück in der Hand blitzen,für einen Kuß, Mädel!

Sie nahm es ihm mit den Zähnen aus der Hand und ließ es in den Fluß fallen.Da, rief sie,das Wasser hat's bekommen, küss' das Wasser!

Wie er ihr aber näher kam, hob sie das Ruder gegen ihn; das Boot schwankte.

Ruhe, rief Vincenz mit lauter Stimme herüber,wer nicht still sitzt, den werf ich in's Wasser.

Die Bursche stutzten erst und lachten dann; das war man am Wirth nicht gewohnt. i

Als Vincenz und das Mädchen allein zurückruderten, sprachen sie kein Wort miteinander; nachher machte er sich lange mit der Kette des Bootes zu schaffen, und sie stand neben ihm und sah auf seine Hände.

Warum gehst Du nicht? fragte er.

Da sah sie ihm in's Gesicht, und ihre Augen funkelten so hell, wie die Sternchen am Himmel über ihnen.

Kathrine, sagte er leise und trat ganz dicht an sie heran, ich möchte Dich wohl einmal küssen.

Thu's, erwiderte sie, schloß die Augen und hielt ihm den Kopf hin.

Er küßte sie zweimal fest auf den Mund; dann ging er schnell in's Haus zurück und sah sich nicht nach ihr um.

Andern Tages hielt Frau Dorothee dem Fährknecht eine kräftige Strafrede; da er sich verantworten wollte, wurde er entlassen. Es war im Dorfe nicht gleich ein passender Ersatz zu finden; viele Tage lang führten Vincenz und Kathrine miteinander das Boot über das Wasser. Schweigend und ohne einander anzusehen, ver⸗ richteten sie ihre Arbeit.

Jetzt sag mir eines, fragte Kathrine am Abend, ehe der neue Fährknecht erwartet wurde,warum ist sie der Wirth und nicht Du?

Die Frau macht hier Alles im Haus, und der Mann gilt nichts, erwiderte das Mädchen,sonst ist es überall anders, wie ich gesehen habe.

Das verstehst Du nicht, gab er zurück.Die Wirthin ist älter als ich und klüger; ihr gehört das Haus, und sie versteht die Sachen besser als ich.

Da bist Du ja übel dran, sagte das Mädchen, und nach einer Weile fügte sie hinzu:Wenn ich Deine Frau wäre, ich wollte Dir wohl gehorchen.

Einige Tage später kehrte ein Leiermann in das Wirthshaus ein. Vincenz, der an allen Arten von Musikwerken großen Gefallen fand, ließ sich sämmtliche Melodieen der Drehorgel vorspielen und unterwarf das Werk einer eingehenden Besichtigung. Darnach ver⸗ langte er, Frau Dorothee solle den Mann zu Mittag dabehalten.

Was fällt Dir ein? rief sie,gieb ihm ein Stück Brot und einen Trunk Bier und laß ihn auf dem Heuboden übernachten; ich koche das theure Fleisch nicht für nichtethuerische Bettelleute.

Kathrine war gerade in der Küche, und Vincenz meinte ihren Blick auf seinem Gesicht zu fühlen, in das ihm das Blut stieg; aber er sagte nichts und setzte sich mit den Andern zu Tische.

Unter dem Essen bemerkte er, daß sie das winzige Häppchen Fleisch, das auf ihren Antheil kam, heimlich von dem Teller in ein Stückchen Papier schob und unter dem Tische verbarg.

Als dann Abends der wegmüde Musikante aus dem Dorfe zurück kam, um sich in's weiche Heu zu strecken, kam sie eilig herzugelaufen und steckte Vincenz ein kleines Päckchen in die Hand.

Hier ist Fleisch, gieb es ihm.

Warum thust Du das, Kathrine? fragte er.

Weil Du es wolltest, damit lief sie davon.

Als der Herbst heran kam, schickte Frau Dorothee ihre Magd eines Morgens in den Kartoffelacker, um die Knollen auszugraben. Wie sie mit ihrer Hacke auf dem Hofe an Vincenz vorüberschritt, der dort Holz spaltete, blieb sie stehen und fragte:Ist es Dir recht, daß ich gehe?

Wie sprichst Du wunderlich, versetzte er,hat es Dir die Frau nicht befohlen?

Die Frau wohl, erwiderte sie,aber Du bist der Mann.

So geh! sagte er barsch und wandte sich seiner Arbeit zu.

Du kannst nachkommen und zusehen, ob ich es recht mache, lachte sie.

Das werde ich nicht thun, rief er unwillig; nach einer Stunde aber stand er neben ihr auf dem Kartoffelacker.

Du bist ja doch gekommen, sagte sie, ohne sich in der Arbeit stören zu lassen.

Er bückte sich, hob einige Knollen auf und warf sie in den bereit stehenden Sack; dann sagte er:Das muß anders mit Dir werden; Du hast Dich nur um die Frau zu kümmern.

So? erwiderte sie und grub weiter.

Sonst mußt Du aus dem Hause.

Jetzt hörte sie mit dem Graben auf und lachte.Zum Schicken gehören zwei, Du und die Frau. Du schickst mich nicht.

Er ging in den Furchen auf und ab.

Sei vernünftig, Kathrine, bat er,Du machst uns allen das Leben unnütz schwer.

Da warf sie die Hacke zu Boden und stampfte mit dem Fuße auf.Du bist der Herr im Haus, und Du hast zu befehlen, und sie soll Dir gehorchen. Ich leid's nicht, daß sie Dich wie einen Knecht behandelt. Ich mag sie darum nicht leiden und Dich nicht, weil Du es Dir gefallen läßt.

Sei vernünftig, Kathrine, wiederholte er und faßte nach ihrer Hand,ich habe sie lieb und thue gern, was sie will; da ist nichts von gefallen lassen.

Sie riß ihre Hand aus der seinen. Damit grub sie weiter.

Nachdem er eine Weile unbehülflich vor ihr gestanden hatte, machte er einige Schritte zum Gehen, kehrte aber bald wieder zurück.

Sag mir dies eine, Kathrine, ich wollte Dich lang danach fragen, warum hast Du Dich damals von mir küssen lassen? Du bist nicht wie Deine Mutter, Du hältst Dir die Mannsleut sonst kräftig vom Leibe, ich hab es wohl gesehen, warum ließest Du Dich damals von mir küssen?

Wenn Du es selber nicht weißt! rief sie, und indem sie sich fest auf die Hacke stützte, blitzte sie ihn mit den runden Augen an.

So, Du hast sie lieb?

Was meinst Du damit? fragte er dagegen.