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Wie es so heiß durch ihre halbgeöffneten Lippen hindurch drang, riß er sie an sich und küßte sie wieder, als sie aber lachte:„Das ist ein Mann, der seine Frau lieb hat,“ ließ er sie mit einem pol⸗ nischen Fluch los und lief nach Hause.
An diesem Abend saß er lange am Flußufer. Es lag auf der andern Seite, gerade dem Wirthshaus gegenüber, ein großes Flissaken⸗ schiff, aus rohen Brettern kunstlos gezimmert und mit Getreide be— laden, das aus dem Innern Rußlands nach den großen, deutschen Seestädten geführt wurde. Die Schiffsmannschaft, ein lebendiges Völkchen in unvollständiger Bekleidung, hatte sich in der klaren Herbst— nacht auf dem obern Schiffsraum versammelt; Einer spielte die Harmonika, Andere sangen in traurigen, langgezogenen Tönen, wieder Andere hatten sich aneinander gefaßt und sprangen tanzend im Kreise. Wie Vincenz so dasaß und zu den Stammesgenossen hinüber blickte, überfiel ihn eine tiefe, dumpfe Traurigkeit und ein heftiges Verlangen nach ihrer frischen, ungebundenen Lebensweise.
Nach einer Weile hörte er, wie es sich leise im Grase bewegte, obgleich er sich nicht umwandte, wußte er, daß es das Mädchen war. Das Blut stieg in mächtigen Wogen in ihm empor, es war ihm, als ob etwas in seinem Kopfe herumwirbele.
Sie lagerte sich dicht neben ihn, und ihre Arme legten sich weich und heiß an sein Gesicht.„Siehst Du,“ flüsterte sie,„das ist das Heimweh.“
So saßen sie eine Weile ganz still, indem sie nach dem bunten Treiben des Schiffes hinüber sahen; dann sagte das Mädchen:„Jetzt sag mir's noch einmal, daß Du die Frau lieb hast.“
„Ja,“ erwiderte er,„ich hab sie lieb. Sie ist nun einmal meine Frau; ich muß sie lieb haben, und ich hab sie lieb.“
„So?“ rief Kathrine zornig und sprang auf ihre Füße.„Und es ist nicht wahr, man fühlt's Dir an, daß es nicht wahr ist. Das ist nichts als die Angst vor ihr. Jetzt sollst Du mich auch niemals wieder küssen!“
Die Blätter des Lindenbaumes färbten sich gelb und fielen ab, die magern Kiefern schwankten im Oktoberwind, dunkle Wolken fuhren schattend über den Fluß hin, welcher sich unter den Regengüssen, die sie herunter sandten, trübte und vergrößerte.
Auch in dem schmucken Wirthshauschen mit den grünen Thüren und Fensterläden veränderte sich manches. Der Wirth bekam einen eignen Willen.„Das versteh ich besser als Du,“ hatte die Wirthin anfänglich erwidert, wenn er seine Meinung äußerte, wie er ihr aber einmal in Gegenwart fremder Gäste zurief:„Ich bin der Herr!“ und das Bierglas so kräftig auf den Tisch stieß, daß es in Scherben zerbrach und der braune Trank von dem weißen Holz herunter schäumte, da hatte sie still geschwiegen und ihn mit verwunderten Augen angesehen.
„Was sagst Du nun?“ fragte er Abends Kathrinen, als er durch die Küche ging.
„Schad um das Glas und schad' um das Bier,“ entgegnete sie ruhig.„Meinst, das Auftrumpfen ist schon was rechtes?“
Von da ab legte er es darauf an, seine Meinung durchzusetzen. Frau Dorothee mochte sagen, was sie wollte, immer wußte er etwas anderes, gerieth in Zorn, wenn sie Gegenvorstellungen machte und brachte oft die widersinnigsten Entschlüsse zur Ausführung. Zuerst ließ sich die Wirthin auf lange Auseinandersetzungen ein; dann schwieg sie zu Allem, zuletzt gewöhnte sich sich daran, immer das Gegentheil von dem vorzuschlagen, was sie in Wirklichkeit aus— geführt zu haben wünschte und gelangte so durch ihres Gatten blinden Eigenwillen auf Umwegen zu allem, was sie wollte.
So wurde es Winter; über den Strom legte sich eine Eiskruste und machte das Fährboot entbehrlich; der Knecht wurde entlassen, die Magd zum Spinnen und Stricken angehalten; der Wirth aber trieb sich viel im Dorf und in der Stadt umher, kam Abends meist roth und heiß nach Hause, trank, lachte und schwatzte viel; Frau Dorothee hatte schlaflose Nächte und nahm sich vor, zum Frühling an einen nahe gelegenen Wallfahrtsort zu pilgern und der wunderthätigen Mutter Gottes daselbst einen Werthgegenstand zu widmen, damit sie das Herz ihres Gatten wieder zu ihr lenke; denn es waren manche Anzeichen vorhanden, daß es sich von ihr abgelenkt habe. Sie war zwar eine Protestantin, aber sie hatte volles Vertrauen zu der Wirksamkeit der katholischen Heiligen, und in Zeiten so seltsamer Bedrängniß konnte man immer schon einmal zu ihren Wundern seine Zuflucht nehmen.
Am heiligen Abend vor Weihnachten kehrte Vincenz wiederum spät aus der Stadt zurück. Er hatte Geschenke mitgebracht, den Kindern kleine Spielsachen, Frau Dorothee und Kathrine aber er⸗ hielten jede ein buntes, wollenes Kleid. 2
Die Kinder umringten den Vater jubelnd, Frau Dorothee wurde blaß vor Aerger über das vergeudete Geld, ließ es sich aber aus Klugheit nicht merken und dankte ihrem Manne in wohlgesetzten Worten. Der hob jedes von den Kindern in die Höhe und küßte es, dann gab er seiner Frau einen Kuß und zuletzt auch Kathrinen. Die Wirthin wollte auffahren.„Sie ist von der Verwandtschaft,“ sagte er barsch und strich seinen Schnurrbart.
Nach dem Abendessen ging er Kathrinen nach in den Stall, wo sie die Schweine fütterte. Sie stand an dem Koben, über dem die gierigen Thiere sich stießen und schaute durch das kleine Glas- fenster über dem Thürchen gedankenvoll zu dem prächtig gestirnten Himmel empor.
„Denkst Du nun noch, daß ich nicht der Herr bin und Angst habe?“ fragte er sie.
„Ach Gott,“ erwiderte das Mädchen,„ich habe ganz andre Gedanken.“
„Was für welche?“
„Ich denke, wo meine Mutter jetzt ist. Im Himmel ist sie nicht, dazu war sie zu schlecht, und in der Hölle auch nicht, dazu war sie zu gut, vielleicht sitzt sie auf einem von den Sternen— die sollen viel größer sein, als man sich denken mag, hat der Herr Pfarrer gesagt— und schaut jetzt auf mich herab.“ 4
„Deine Mutter hat nichts getaugt, Du kannst froh sein, daß Du sie los bist,“ sagte er hart.
Sie winkte mit der Hand, als ob sie etwas fortschieben wolle. „Sie war doch das Einzige, zu dem ich gehörte.“
„Du gehörst jetzt zu uns,“ entgegnete er und legte den Arm um sie.
„Wie lange?“ gab das Mädchen zurück.„Es wird nicht mehr weit hin sein, da schickt mich die Frau aus dem Haus, ich hab heut so etwas in ihren Augen gesehen.“
„Da sei nur ruhig. Hast's noch nicht gemerkt, daß ich der Herr bin? Wenn noch was willst, dann sag's. Ich thu's— ich thu Dir Alles.“
Dabei beugte er seinen Kopf auf Athem streifte ihre Wange.
Sie reckte sich in die Höhe und legte die Lippen an sein Ohr. „Möchtest Du's, wirklich? Dann höre? Wenn sie vorn singen und
den ihren, und sein heißer
tanzen, dann sitze ich in meiner Küche, höre zu und weine oft heiße
Thränen. Einmal nur möcht ich dabei sein! Aber wer tanzt mit einer Magd? Wenn nun Du, der Wirth, mich zum Tanze auf— führtest und mich so vor Allen als Deine Verwandte ausgäbst— dann könnt's ja doch sein, dann kämen die andern wohl auch; sie haben sonst schon Lust zu mir.“
„Kannst Dich darauf verlassen, ich thu's,“ sagte der Wirth,
„gleich beim nächsten Tanz am zweiten Festtag, was aber thust Du mir dafür?“
Da schlang sie die Arme um seinen Hals und küßte ihn stürmisch. „Alles, Vincenz, alles thu ich, was Du willst, aber das eine bitt' ich, mach mich nicht unglücklich, wie sie meine Mutter gemacht haben.“
Sanft strich er ihr über die spröden Härchen und über die vollen, weichen Wangen.„Kathrine, wenn ich die Frau jetzt nicht hätt', wie glücklich könnten wir sein!“
„Warum hast sie genommen, Vincenz?“
„Weil ich nicht gewußt hab, daß Du in der Welt bist, Kathrine.“
Das war ein Schreien und Stampfen am zweiten Festtage in dem schmucken Wirthshaus am Flusse! Auf ihren flinken Füßen lief Kathrine mit den schäumenden Biergläsern von Tisch zu Tisch; Frau Dorothee schenkte und zapfte und ließ ihre scharfen Augen
fleißig im Kreise umherwandern. Der Vincenz stand müßig an der
Thüre, trank ein Glas Branntwein nach dem andern, warf den Kopf in den Nacken und zwickelte an seinem Schnurrbart. Als die Fiedel eine wilde Mazurka intonirte, ergriff er das erste beste Mädchen in seiner Nähe und schwenkte sie rings um die Stube.
„Hurrah, der Wirth!“ riefen die Burschen.„Jetzt die Wirthin!“ begehrten sie, als er aufgehört.
„Wollen die alten Weiblein denn heut einen Großvatertanz be— gehen?“ schrie Vincenz, daß es laut durch das Gastzimmer hallte.
„Komm Du her, Mädel, hast jüngere Knochen und frischeres Blut;“
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