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am liebsten aber war es ihm, wenn eins von den Beiden über Land geschickt wurde; dann griff er selber wieder zum Ruder, zer— theilte mit kräftigen Armen die Fluth und starrte hinein, wie sie sich am Rande des Bootes brach—„als ob er etwas da verloren hätte,“ sagten die Leute.
„Die Polacken sind falsch und verliebt,“ hatte man die Wirthin gewarnt. Der Vincenz sah kein Weib an, kaum sein eigenes. Jedes Jahr kehrte der Storch ein und ein kleiner Weltbürger vermehrte die Einwohnerschaft des Wirthshauses. Die stattliche Wirthin war's
wohl zufrieden, sie machte alles so leicht und sicher im Leben ab,
auch das Wochenbett..
Sieben Jahre waren so dahin gegangen, und sechs Blond- und Braunköpfchen kugelten sich um den schwarzlockigen Vater auf dem Fußboden herum. Man hatte aufgehört zu lachen und zu schimpfen, man hatte Respekt vor der Frau bekommen und beneidete den Mann. Von Jahr zu Jahr vermehrte sich der Wohlstand der Wirthsleute; doch mit den heranwachsenden Kindern wuchsen auch die Ausgaben, die Frau fing an sparsam und genau zu werden. Sie schnitt dem Knecht und der Magd das Brot kleiner und kochte die Suppe dünner. Ihre eigenen Butterschnitte strich sie sorgfältig noch einmal mit dem Messer ab, ehe sie dieselbe zum Munde führte, nur dem Vincenz durfte niemals etwas abgehen. Ja, es war, als ob die Liebe zu ihm mit den Kindern noch wüchse, wie es sonst wohl Sitte ist, daß die Wöchnerin für die Leiden des Wochenbettes durch irgend eine Aufmerksamkeit von Seiten des Eheherrn entschädigt wird, so brachte hier jeder neue Ankömmling dem Vater, welchem die Aufgabe zufiel, ihn sein erstes Lebensjahr hindurch zu warten, eine kleine Kostbarkeit mit, deren Werth sich jährlich vergrößerte, ein rothseidenes Halstuch, eine neue Pfeife, einen vergoldeten Ring mit blitzenden Glassteinchen; der jüngste Sprößling, die kleine Zenz, hatte sogar mit einer schönen, silbernen Uhr an silberner Kette recht groß gethan.„Und nun ist es wirklich bald Zeit, daß es mit dem Segen ein Ende nimmt,“ lachte die Wirthin und faßte ihren Vincenz in den Lockenkopf, dabei aber guckte sie ihm in die Augen, als ob sie gerade das Gegentheil von dem meine, was sie sage.
Aus lauter Eifer am Ersparen schaffte sie zuletzt sogar die Magd ab. Es war da eine arme Verwandte im Dorfe, die niemals was rechtes getaugt und sich lange Jahre mit einem Kinde, für das sie keinen Vater aufweisen konnte, in der Welt umher getrieben hatte. Nun sie alt und krank war, war sie nach der Heimath zurückgekommen, hatte dem Dorfe eine kurze Zeit zur Last gelegen und war dann gestorben, indem sie ihre Tochter, ein kräftiges, sechszehnjähriges Mädchen, der Obhut ihrer Verwandten auf's Angelegentlichste empfahl.
Dieses Mädchen wollte nun die Wirthin an Stelle einer Magd in's Haus nehmen.„Wir ersparen den Lohn,“ sagte sie,„und auch mit dem Essen darf solch ein hergelaufenes Ding nicht heikel sein.“ Warnten die Dorfbewohner sie aber und erzählten, das Kind schiene die Nichtsnutzigkeit mit der Muttermilch eingesogen zu haben, hatte schon bei Lebzeiten der Mutter eine Stelle als Kindermagd in der Stadt gehabt und sei in wenig Wochen zurückgekommen, dann streifte Frau Dorothee die weißen Hemdsärmel von den starkknochigen Armen und sagte:„Da laßt mich nur sorgen, da bin ich ganz die rechte Frau dazu!“
Zum erstenmal, so lange sie verheirathet waren, machte ihr der Vincenz Vorstellungen.„Um der paar Groschen Lohn willen solltest Du es nicht auf Dich nehmen, Dich mit einem leichten Mädchen zu plagen. Es ist leichter, einen Sack Flöhe zu hüten, als ein lüderliches Weibsbild. Du kannst mir getrost zu Mittag das Stück Fleisch kleiner schneiden.“
Da lachte die Wirthin, daß ihr die großen Zähne im Munde glänzten.„Dazu hab' ich Dich nicht geheirathet, daß Du bei mir hungern sollt'st. Laß mich nur machen, ich versteh die Sachen besser als Du.“
So zog denn zu Johanni die Magd ab und die hergewanderte Base an ihre Stelle. Sie war ein starkes, dralles Mädel, das aus dreisten, runden Augen um sich blickte und deren Arme und Beine aus den armseligen Lumpen, die sie einhüllten, herauszuplatzen drohten.
„Warum ziehst Du Dich nicht besser an?“ fragte die Wirthin.
„Weil ich nichts weiter habe,“ sagte das Mädchen und sah ihr in's Gesicht.
Kleider mußte sie haben; Frau Dorothee konnte ihre Magd nicht in solchem Aufzug herumlaufen lassen. Das ganze Dorf pries die Freigiebigkeit der Wirthin, als man die Kathrine in einem kräftigen,
blauen Leinenrock im Hause herum hantiren und in einem derb— gewebten, wollenen Kleide Sonntags zur Kirche wandern sah.„Daß ich dumm wäre,“ lachte Frau Dorothee.„Das ziehe ich ihr am Essen ab. Solch ein junger Magen verträgt das Brot so gut wie das Fleisch.“
Frau Dorothee hatte recht. Die junge Magd saß zu unterst am Tisch, löffelte eilig ihr Süppchen aus und warf begehrliche Blicke nach den Tellern der Andern, wenn sie mit den weißen Zähnchen in das harte, schwarze Brod biß, trotzdem rundete sich ihr Wuchs zu⸗— sehends, die Gliedmaßen schwollen, aus Mund und Wangen schien das warme, rothe Blut herausspritzen zu wollen; sie sah aus wie ein üppiges, junges Blüthenbäumchen, das sich darnach sehnt, Früchte zu tragen..
Die jungen Bursche lachten, wenn sie an ihnen vorüber ging und wollten sie um die Hüfte fassen.„Daß Du Dir keinen zu nah kommen läßt!“ schalt die Wirthin. Das Mädchen puffte nach links und rechts; die Bursche nannten sie ein wildes, ungeberdiges Füllen und ließen sie gehen. f
In der Wirthschaft zeigte sie sich willig und anstellig; aber von dem Rudern verstand sie nichts; sie hatte mit ihrer Mutter in den Bergen gelebt, wo es nur flache, schmale, schnellfließende Gewässer gab. Dem Vincenz that's nicht leid; die ganzen Tage machte er sich wieder auf dem Flusse zu thun; die Wirthin aber schalt:„Sie ist jung und kräftig, mag sie die Wasserarbeit erlernen; ich hab' Dich nicht dazu geheirathet, daß Du wie ein gemeiner Fährknecht herumarbeiten sollst!“ f
„Ich will's gerne erlernen,“ sagte das Mädchen,„wenn der Vincenz es mir zeigen will.“
„Der Wirth,“ verbesserte Frau Dorothee scharf.
Das Mädchen schwieg; als sie aber nachher neben Vincenz zum Flusse schritt, schüttelte sie den Kopf und lachte:„Der Wirth, das bist Du nicht— sie ist der Wirth.“
Sie erlernte das Rudern nur langsam. Tag für Tag stand Vincenz neben ihr in dem Boot und lehrte sie die Handbewegungen. Wenn sie zu ungeschickt that, faßte er sie um den Arm und half ihr das Ruder regieren; dann fühlte er, wie ihr das Blut heftig in den Adern klopfte, und seine Hand wurde ihm heiß und unsicher dabei.
„Du hast so heiße Hände,“ sagte er ihr einmal.
„Dafür bin ich ja jung,“ erwiderte sie und sah ihn an.
Es war an einem Sonntag im Juli. In dem nahen Kirch— dorfe gab's Jahrmarkt; die Wirthin war in Begleitung der beiden ältesten Kinder sammt mehreren Dorfbewohnern zur Besorgung einiger nothwendigen Wirthschaftsgeräthe hinüber gefahren; der Knecht hatte sich frei gebeten; so waren Vincenz und das Mädchen allein zu Hause geblieben, um die jüngeren Kinder zu hüten und die Fähre zu besorgen.
Bis in den Nachmittag hinein hatte ein reger Verkehr statt⸗ gefunden; Kathrine verstand jetzt ihre Sache schon gut; dann waren die Leute, die zum Jahrmarkt wollten, alle herüber, und das Boot schaukelte ruhig auf dem hellen, leise plätschernden Wasser. Das Mädchen machte sich im Hause zu schaffen; Vincenz aber setzte sich unter den Lindenbaum, sah, wie die Sonne, die breit in den Zweigen lag, grün-golden hindurchschimmerte, wie die kleinen Fliegen und Mückchen summend und surrend in den farbigen Lichtstrahlen tanzten; langsam bewegten sich seine Hände an der Harmonika hin und her, und aus den rothen Lederfalten erklang es wie ein wehmüthiges Lied.
Als er zu Ende war und aufblickte, sah er die junge Magd am Baume stehen, die vollen Arme auf den Holztisch gestützt.„Weiter“, sagte sie,„das klang schön.“ Ihr Haar blinkte wie röthlich in dem goldgrünen Schein; unter dem Brusttüchlein hob und senkte es sich vernehmlich, und ihre Lippen und Augen glänzten wie wunderbare Blumen zu ihm herüber. Er sah sie an und spielte weiter, etwas Feuriges, Lustiges.
„Das klang noch schöner,“ rief sie,„noch einmal!“ Dabei nahm sie die kleine Zenz, die auf dem Boden herumspielte, auf ihren Arm und fing an zu tanzen. Er sah ihr zu, wie der junge Körper von frischem Leben zuckte, und das kurze Röckchen keck um die zierlichen Hüften flog.
„Jetzt tanzt Du mit mir,“ rief sie, als er mit Spielen auf, hörte und setzte das Kind auf den Boden;„wir singen uns eins dazu.“
Er schüttelte die Haare aus der Stirn.„Ich tanze nicht.“
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