Ausgabe 
23.1.1887
 
Einzelbild herunterladen

5

eee e

n

N

zu den

Ouberhrssischen UMuchrichten. N

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Ur. 4

Gießen, den 23. Jauuar.

1887.

Frühlingssturm.

Novelle von M. Day.

Träge rollt der Strom seine trüben Fluthen durch die Ebene. Hüben und drüben ein Dorf, armselige Lehmhütten, von verkrüppelten Eichen umstanden, magere Kartoffel- und Buchweizenfelder, dazwischen Sandhügel, aus denen Kiefern ihre dürftigen Stämme mit dem dunklen Genädel in die Höhe recken..

Jahr aus, Jahr ein läuft der Fluß dieselbe Straße, trägt auf seinem Rücken kleine Fischerböte und umfangreiche Holzflöße; hoch beladene Heuschiffe und schwerleibige Getreidekähne treiben stolz auf ihm herab oder werden von schweißtriefenden Schiffern an langen Stricken mühsam stromaufwärts geschleppt. Im Frühling aber, wenn der Schnee auf den fernen Bergen schmilzt, in plätschernden Wässerlein in das Land herunter rinnt und sich, wie ein frischer Blutstrom in die langgestreckten Wasseradern ergießt, dann beginnt's in unserm Flusse zu wogen und zu schäumen; wie wenn er sich der alten Bequemlichkeit schäme, sprudelt er unwillig in die Höhe und rüttelt in ohnmächtiger Wuth an dem Damm, mit dem das schwache Menschenvolk ihn eingeengt hat. Tage und Nächte braust er in stolzer Empörung; allmählich aber legen sich seine Wogen, verfließen seine Wasser und bald zieht er in gewohnter Gemüthlichkeit seinen Weg entlang.

Unweit des einen Dorfes, dicht am Damme liegt ein Wirths haus, ein kleiner, sauberer Bau in Fachwerk, freundlich mit weißem Kalk angestrichen, mit rothen Ziegeln gedeckt und mit grünen Thüren und Fensterläden versehen. An der Rückseite ein Hof mit grunzenden Schweinen und gackernden Hühnern, vorn ein großer, breiter Linden⸗ baum, desgleichen es weit und breit nicht giebt, mit einem roh ge zimmerten Tisch rings um den Stamm und hölzernen Bänken davor.

Man siehts ihm an, daß es sich regen Verkehrs erfreut. Von diesseits und jenseits des Flusses kommen die Leute zu der kleinen Fähre daneben, die immer in den Besitz des jedesmaligen Wirthes übergeht; stundenlang sitzen sie schwatzend unter der Linde und kühles Bier und heißer Branntwein rinnt die allzeit durstigen Kehlen hin unter. Sonntags aber ertönt in der Gaststube neben der kreischenden Fidel die melancholische Handharmonika und braune, wilde Burschen schwingen schreiend und stampfend schlanke, feurige Dirnen im Tanze umher.

So war's beim alten Wirth; so ist's beim neuen geblieben bei der Wirthin, sagen die Leute im Dorf. Sie ist ein stattliches Weib, die Wirthin! Tag aus Tag ein steht sie mit ihrer steifen blau⸗ leinenen Schürze hinter dem Schenktisch, mischt sorgsam und vor⸗ sichtig das Getränk zu, wendet die reichlich einfließenden Silber⸗ und Kupfermünzen in der Hand um, ehe sie sie in die Kasse legt und wendet sie zweimal um, ehe sie sie wieder herausnimmt. Stets sind die hölzernen Tische weiß gescheuert, die Dielen mit feinem weißen Sande bestreut, die niedrigen Fensterscheiben blank geputzt, die Hühner satt, die Schweine fett, die Kinder rein; den Mann

aber hält sie in Kleidung und Wäsche so ansehnlich wie einen Stadtherrn.

Ein stattliches, thatkräfiges Weib! Der rohe Fährknecht wagt nicht vor ihr zu mucken; die Magd flüchtet vor ihrer kräftigen Hand hinter den Küchenherd; wenn am Sonntag Abend Getränk und heißes Blut den Tänzern in die Köpfe steigen, die Stimmen herausfordernd und die Arme kampfbereit werden, dann ruft sie ein hellesGebt Ruhe unter die Streitenden; wer aber dem Rufe zu trotzen wagt, der sieht sehr bald, wo die Stube ihren Ausgang hat.

Sie genießt unbeschränkter Achtung diesseits und jenseits des Flusses; gar mancher Gast denkt wehmüthig an die verschlampten Kinder und die wüste Wirthschaft zu Hause und wirft ihrem Manne, dem Vincenz, einen neidischen Blick zu.

Er hat Glück gehabt, der Vincenz! Als Ueberläufer ist er drüben aus Polen herübergekommen, um sich der russischen Militärpflicht zu entziehen, wie es viele junge Burschen in jener Gegend zu thun pflegen, und hat sich beim früheren Wirth als Fährknecht verdingt. Er ist immer ein stiller, in sich gekehrter Mensch gewesen, zu jeder Arbeit willig, fleißig und nüchtern, wie man es selten unter seinen Stammesgenossen findet. Sonntags und Feiertags, wenn die Andern im Dorf und auf den Tanzböden herum schwärmten, hat er mit seiner Harmonika oben im kleinen Stübchen oder unten am Flusse gesessen und leise dazu vor sich hergesungen. Die blonde, stattliche Wirthstochter hatte wohl lange ihr Auge auf ihn, geworfen, ohne daß Jemand etwas davon wußte; wie aber ihr Vater gestorben war, war sie zu ihm gegangen und hatte ihn gefragt, ob er nun der Wirth sein und sie zum Weibe nehmen wolle, und er hatte sie verwundert mit seinen schwarzen Augen angesehen, hatte verlegen die krausen, dunklen Haare aus der niedrigen Stirn gestrichen und ja gesagt.

Der Polacke! schimpften die Deutschen im Dorf.Der Träumer! schalten die jungen Bursche; die Frauen und Mädchen aber kicherten und flüsterten er war ein gar hübsches Mannes⸗ bild, der Vincenz.

Die junge Wirthin kümmerte sich nicht um das Lachen und Schimpfen. Wie die erste Trauerzeit vorüber war, kleidete sie den Bräutigam gar schmuck in steif gebügelte Leinwand und glänzendes, schwarzes Tuch, faßte ihn unter den Arm und führte ihn stolz und selbstbewußt zur Kirche. Sie konnte sich einen Mann nehmen, wie sie wollte; sie war die Frau dazu! Den Fuhrknecht, der sich unter⸗ fing, den neuen Wirth als alten Kumpan zu behandeln, trieb sie noch am Hochzeitsabend zum Hause hinaus.

Sie wirtheten friedlich zusammen in dem sauberen Häuschen. Er ging, wohin sie ihn schickte, zapfte die großen Branntweinfässer an, holte das Bier aus dem Keller herauf und hackte ihr das Holz zu, wenn die Magd und der Fuhrknecht auf dem Wasser waren;

O

A