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zu üben, und nicht durch Trotz und Eigensinn ihre Lage zu ver— schlimmern.
Indessen rückte Weihnachten heran unter schwerfallendem weißen Schnee und steif gefrorenen Eiszapfen an den Dächern. Tage ver— gingen— Tage der emsigen Vorbereitungen zum Feste. Der große Saal wurde geräumt— Stühle und Bänke hinausgetragen— Tannenzweige hereingebracht und über den Flur geschleppt. Nora hörte ihr Rauschen über den Korridor, hörte, wie sich die Zweige an der Breite der Thüre stauten— hörte, wie sie im Einbringen knisterten und im Brechen der Oberzweigspitzen einknickten. Nora hatte ihre Thätigkeit in der Plätthalle, sie hatte ihren Platz in der Nähstube, sie trat in die Gesangsklasse mit den Andern ein, aber das Brandmal der Schande haftete an ihr. Ueberall stand sie von den Anderen getrennt, überall zwischen ihnen und ihr eine Kluft, überall das Zeichen von Verachtung für die Diebin. Ein strenges Gebot untersagte den Mädchen jede Anrede, jeden Verkehr mit der Schuldigen— und Nora führte sie nicht in Versuchung.
Bleich und mager— scheinbar in der Vereinsamung ihres Inneren abgezehrt— schlich sie einher, in sich gekehrt, wortlos— verstummt. Sie aß bei Tisch wenig und blickte nicht auf. Wenn sie die unerwartete Anrede der sanften Lehrerin traf, schlug sie ein thränenleeres Augenpaar auf und zuckte in sich zusammen. Die kleine gütige Dame hatte sie öfters sinnend angeblickt. War's, daß im Wesen des angeklagten Kindes ein Etwas lag, das ihr Mit— leid erweckte, war's, daß sie gesundheitlich um das bleiche klaglose Geschöpfchen Sorge trug, sie hatte sie mehrmals diesbezüglich an— gesprochen.
„Bist Du nicht wohl, Nora?“ geantwortet, daß sie ganz wohl sei.
„Wenn Dir Etwas ist, so mußt Du es sagen!“
Nein, ihr war gar nichts. Sie sah dankbar zu der besorgten Dame auf und schuͤttelte den Kopf: ihr war gar nichts! Sie hustete oftmals und dann schmerzte sie die Brust etwas, aber sonst war ihr gar nichts.—
Der Weihnachtsabend war gekommen. Der Tag war in der Anstalt ein regelloser gewesen. Die Vorstimmung zur Feier hatte die Köpfe etwas verwirrt, und man rannte geschäftig einander in den Weg, vergaß, was man suchte, rannte zurück und wieder vor — und besann sich endlich lachend auf sein Vorhaben.
Nora saß allein in ihrer Kammer. Sie hatte, als die Abend— glocken zu läuten begannen, ein heißes Verlangen bekommen, die Straßen zu sehen, die Straßen, auf denen sie gelebt, bevor sie hierher gekommen war. Das Fenster lag hoch. Sie mußte den einzigen Holzstuhl, den ihr Zimmer hatte, an dasselbe heranschieben und von der Lehne zum Fensterbrett aufsteigen. Ja— so ging's. Das Kind stieß das Fenster auf. Die eisige Winterluft wehte zu ihr herein und ließ sie erschauern. Was that das? Hatte sie doch öfter in ihrem Leben gefroren— was that's, daß die schneidende Abend— luft ihr durch das dünne Kleidchen zog! Dort unten lagen die schnee— bedeckten Straßen und von Ferne über den breiten freien Platz standen Häuser mit hellerleuchteten Fenstern.
Man zündete wohl dort den Weihnachtsbaum an! Glückliche Menschen hausten wohl in dem Giebelstübchen, das jetzt plötzlich so hell erglänzte.
Wie still das bei ihr war, und selbst unten— draußen— wie todt und leer waren die Straßen dieses entlegenen Stadttheils! Ob man wohl unten im Saal bereits bescheerte? Sie freilich durfte nicht dabei sein— sie war ja in Strafe. Sie sollte allein bleiben— allein an diesem Abend, am Festabend aller Menschen! Aber freilich, besser allein, als beschämt vor all den Andern— und den Fremden, die heute mit dabei sein würden, Damen und Kinder, Wohlthäterinnen der Anstalt, welche vor der eigenen Bescheerungsstunde zur Be— scheerung der Armen in der Rettungsanstalt herbeigekommen waren.
Und im großen Saal wurden die Geschenke vertheilt— und der Saal gewiß recht schön geputzt mit den Fahnen und Tannen, von denen Hulda ihr heimlich was zugeflüstert, als sie beim Früh— stück an ihr vorübergehuscht kam.
Ach ja, sie hätte es gerne gesehen; sie hätte doch so gerne die Weihnachtsbescheerung mitgemacht, es war gar zu einsam hier oben
Und das Kind hatte ihr stets
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allein in der Dunkelheit, und kalt war es geworden; der Abend— wind, er hatte sich ihr auf die Brust gelegt, so daß sie heftig husten mußte und o, wie das weh that in der Brust, solch' Stechen und dann diese Ermattung!
Das Kind stieg mit müden Schritten vom Stuhl herab und trug ihn wieder an seinen Platz zurück. Sie hatte sich müde darauf niedergelassen, als es im Korridor wie von Schritten ertönte. War's möglich? Kam man zu ihr? Nora horchte auf mit geöffneten Lippen und starren Augen. Richtig, man näherte sich ihrer Thür; der Riegel wurde zurückgeschoben. Ein großes Mädchen bestellte, daß sie herunterkommen dürfe in den Saal.
Was? Hatte sie recht verstanden? Sie sollte doch— sie durfte — es war möglich, daß man sie rief? Also doch, sie sollte die Bescheerung gleich allen Anderen—
Armes enttäuschtes Kind! Nicht gleich den Anderen! Sie hatte eintreten dürfen wie alle Anderen, aber nicht wie diese hatte sie an dem Allen Theil. Sie sah den Christbaum brennen, aber sie mußte von ferne stehen, allein, die Zielscheibe aller Blicke. Sie hörte die feierlichen Christabendgesänge, aber sie sang nicht mit und endlich, da man die Geschenke vertheilte, da ein Jedes gerufen wurde zum Entgegennehmen seiner Bescheerung, da rief man alle an— nur sie nicht, nur sie!
Und dann traten die fremden Damen mit den vornehmen Kin— derchen herbei. Körbe mit Honigkuchen und Aepfeln kamen zum Vorschein. Den vornehmen Kindern wurde das Amt zu Theil, die armen zu beschenken und die Kinderchen thaten's mit herzinniger Freundlichkeit. Nora's Augen folgten der Kindergestalt, die ihr am nächsten stand und sich soeben mit gefülltem Teller wandte.
Ein halber Freudenruf entfuhr dem Munde beider Kinder, und Nora that einen Schritt dem fremden Mädchen entgegen.
Die blonde Kleine war's aus der Bel-Etage, die einst zu ihr in den Bäckerladen gekommen war.
„Das Bäckermädchen!“ rief diese freudig, und dann rasch zur Mutter gewandt:„Mama, sieh, da ist das niedliche Mädchen von drüben!“
Vielleicht wäre das Kind auf die alte Bekannte zugestürzt, viel— leicht hätte auch Nora ihre helle Freude gezeigt, wenn nicht in diesem Moment die Inspektorin zwischen sie getreten wäre.
Nora empfand die Worte, die sie sprach, voll tiefster Demüthigung bis in die innerste Seele hinein.
„Dieses Mädchen nimmt nicht Theil an der Bescheerung— sie ist in Strafe wegen Diebstahls!“
Wie mit einer Eisenklammer umzog es des Kindes Herz— wie mit einem Schlage schwand der Glanz aus ihren Augen. Ein eisiger Schauer flog ihr über Schultern und Nacken und die ganze kleine Gestalt schien in sich zusammenzufallen unter den erstaunten halb mitleidig, halb beklagenden Blicken der Fremden.
Der bleiche Mund war fest zusammengepreßt, die kalt gewordenen Hände hingen an ihr hernieder, ein einziges wahnsinnig starkes Verlangen überkam sie, fortzukommen, von der Demüthigung weg, von der Schmach, von der vernichtenden Schmach dieser Stunde. Sie blickte rasch, wie zu einem verzweifelten Entschluß sich sammelnd, auf. Eine heiße, jähe Röthe stieg ihr zu Kopf, die brennende glühende Röthe der Scham.
Zur Thüre gelangen wollte sie, zur Thüre hinaus und dann
fort— wohin? Gleichviel, nur hinaus— von den Menschen, von den Fremden, von den Kindern— vom Lichterglanz. Sie hatte,
alle Bedenken von sich werfend, einen Schritt zur Thüre gemacht, als ein langanhaltender Glockenton durch das Haus ging. Die Klingel vom Hauptthor war's! Wer konnte es sein, der zu dieser ungewohnten Stunde am Christabend so dringlich Einlaß forderte? „Luise mag öffnen! Luise— wo ist sie?“ Sie war nicht da. Man blickte sich verwundert um. War sie gar nicht dagewesen oder hatte sie unbemerkt den Saal verlassen? „Adele, öffne Du!“ Das große Mädchen kam sofort wieder herein. „Ein junger Mensch, Frau Inspektor, der eilig was zu melden hat, ich soll sagen, es beträfe die Anstalt!“ (Schluß folgt.)


