Ausgabe 
22.5.1887
 
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bedauere oder doch, was fiel ihr denn ein? Hatte sie ihn ver⸗ gessen, den treuen, ehrlichen Burschen, und ach Gott hatte man ja doch gedroht, daß man bei ihm Untersuchung halten würde, wenn sie nicht eingestand. Diese Entwürdigung ihm und seiner guten Mutter! O nein, nein, das hatten die Leute um sie nicht verdient, das durfte nicht sein. In der ehrlichen Stube der arbeit samen Plätterin eine Haussuchung? Und um sie, um das Straßen⸗ kind? Das ging nicht an, das mußte sie verhüten und wenn, ja, und wenn sie sich darum zur Diebin machen sollte vor dem ganzen Hause vor Allen, vor der sanften Lehrerin, die sie nie hart an⸗ sprach; vor der Inspektorin, die sie nicht mochte; vor den Mädchen, die ihr ohnehin mißtrauten; vor Luise, die ste haßte und vor Hulda, ihrer harmlosen, praktischen, kleinen Anhängerin Hulda! O, welche Schmach! Aber es galt, den Leuten, die ihr gut waren, Schande zu ersparen und das wollte sie, das mußte sie.

Was dann werden sollte? Nora vermied es, weiter zu denken. Das dunkle Köpfchen gegen die Wand gelehnt, so verbrachte sie die Stunden ihres Arrestes. Ueber dem Korridor trabten geschäftige Mädchenfüße hin und her. Nora hörte ihr gedämpftes Sprechen; im Schlafsaal wurden die Betten gemacht und ausgefegt. Vor dem kleinen hochgelegenen Fenster stieg der feuchte Dampf vom Wasch⸗ keller empor. Nora wußte, daß die größeren Mädchen mit Körben voll gewaschenen Linnens über den Hofraum liefen und in den Trockenspeicher einkehrten, um dort mit eiligen Griffen gemeinsam die Wäsche auszuschütteln und aufzuhängen. Nora's Hände lagen unthätig in ihrem Schooß. Sie durfte nicht mit anfassen, sie hatte ja Arrest, und es verlangte sie plötzlich so sehr nach Arbeit, nach dem Treiben da unten, nach der Thätigkeit, die ihr das Haus an gewöhnt, nach etwas, was die Gedanken vertrieb.

Wenn sie hinunterginge, ganz dreist zur Inspektorin ginge, und sich als die Diebin angab, war dann nicht Alles vorbei? Ja doch, das wollte man ja nur. Es war doch nur das, was man bei ihr erzwingen wollte. Sie sprang auf und eilte zur Thüre. Sie griff nach der Klinke und drückte. Mit blassen Wangen prallte sie zurück. Es war von außen verriegelt! Verschüchtert schlich sich das Kind an seinen Platz zurück. Das Gefühl der Scham drängte sich ihr von Neuem auf und weckte einen Ekel, einen unwider⸗ stehlichen Ekel gegen Alles, einen Abscheu vor sich und ihrem Vor⸗ haben. In dem kleinen Mädchenkopf schwirrte Alles unklar durch⸗ einander. Die Stürme, die hin und her wehenden Seelenstürme raubten ihr das Unterscheidungsvermögen zwischen Recht und Unrecht, und sie fühlte nur, daß es ihr im Herzen weh that, daß die kleine Brust sich unerträglich krampfte.

Sie verhüllte das schmale Gesicht mit den Händen und als sie endlich aufsah, lag eine Bitterkeit über dem Kinderantlitz, die schmerzlich und ergreifend wirkte.

Es regte sich in der Kinderseele das erste Verständniß für den Weltbegriff, der sich Gerechtigkeit nennt, und dieses Verständniß gab der kleinen, vertrauenden, nichtsahnenden Kinderseele den ersten tiefgehenden Riß, und versetzte ihrem jungen Leben den ersten herben unabwendbaren Stoß. Aus dem heißen Herzen entsank unwieder⸗ bringlich das Vertrauen und der kindliche Glaube an das Gute der Welt, es war schade darum.

Der Sonntag war angebrochen. Die vorgeschriebenen Arrest⸗ stunden waren vorüber. Als Nora aus der Kammer ertlassen wurde, hörte sie aus dem großen Saal die langgezogenen Orgel⸗ töne, welche den Beginn der Sonntagsandacht bedeuteten.

Wenn Du Gottes Wort gehört hast, wird Dein Herz viel⸗ leicht weniger verstockt und zum Geständniß bereit sein, hatte ihr die Inspektorin gesagt, und das Kind war ohne einen Laut der Erwiderung in den Saal der Andacht eingetreten. Sie sah nicht auf die Schaar der Mädchen, die den Raum füllten. Mit gesenktem Kopf huschte sie in den hintersten Winkel des Saales und kniete still vor der Bank, die sie einnehmen sollte, nieder.

Sie hörte die Sonntagspredigt fast reglos mit an. Die Stimme des alten geistlichen Herrn hallte ruhebringend durch den Raum. Was er sagte, hörte sie nicht, aber der milde Ton that ihrem Herzen wohl. Und dann begannen die Orgeltöne von Neuem. Es war, als ob die vibrirenden Klänge Frieden eintrugen in die Seele des im Hader liegenden Kindes und Nora senkte tiefer noch als zuvor den Kopf und lauschte andachtsvoll, und jetzt begannen die Kinder zu singen.

Die kleinen Stimmen hoben sich und mischten sich mit den

Orgelklängen ein. Seltsame Macht der heiligen Lieder! Ueber den Gesichtern der kleinen schuldbeladenen Geschöpfe, auf denen sonst Spuren und Linien der Verkommenheit, Verschlagenheit und des Verbrechens lagen, brach es wie ein heiliger Wiederschein des Guten, wie die Verklärung, wie die überströmende Reinheit. Im Gesang schien das Belastende von den Stirnen weggehaucht, schienen die Kinder dem Unedlen enthoben, gleichsam getragen von dem Laster fort zu den Gefilden der Kindheit, der Reinheit und der Unschuld zurück.

Und Nora? Ihr Kopf hatte sich gehoben, ihr Blick emporge⸗ schlagen. Während sie sang, hatte das bleiche Gesicht sich etwas vorgebeugt. An den dunklen Wimpern hingen große Tropfen, die dem Kindergesicht eine eigene rührende Wehmuth verliehen. Der Gesang schien unbewußt von ihren Lippen zu fließen, ihre großen Augen waren verschleiert und schienen sie träumend in Vergangenes zurückzutragen, und das Vergangene mußte ihr Inneres tief ergriffen haben, denn das Kind sank, als die Orgel verstummte, lautlos und wachsbleich hintenüber zur Erde.

Das Verhör fand eine Stunde darauf im Schulzimmer statt. Nora gab im Beisein der ganzen Klasse, ohne einmal aufzublicken, Rede und Antwort auf die ihr vorgelegten Fragen.

Die Inspektorin stand ihr gegenüber.

Eine eigenthümlich verschlossene, fast hartnäckige Ruhe lag über der Haltung des blassen Kindes.

Du gestehst also, daß Du das Geld entwendet hast?

Die Antwort kam tonlos, aber entschieden:Ja!

Du hast mit den Schlüsseln, die stecken geblieben waren, den Schrank geöffnet?

Wieder das entschlossene klangloseJa!

Wem hast Du das Geld gegeben?

Die Augen des Kindes sahen rasch und schreckhaft auf.

Wem? Keinem!

Du hast es also noch? Das Kind hob ein wenig die Arme von ihrem Körper. Ihre Antwort kam zagend:Nein! Die Mädchen flüsterten unter einander.

Du willst es Keinem gegeben haben, fuhr die Inspektorin fort,und hast es doch nicht mehr, wo ist es also geblieben?

Eine große Pause trat ein. Des Kindes ganze Gestalt begann zu zittern. Mit einer zögernden, planlosen, suchenden Geberde strich sie mit der kleinen Hand tastend an ihrem Kleide hin und her, hob die Augen hilfesuchend zur Decke und sah dann wieder vor sich nieder.

Du sollst sagen, wo Du das Geld hast?

Arme Kleine! Sie hatte sich schlecht vorbereitet. An die natur⸗ gemäßen Folgen ihrer Worte hatte sie nicht gedacht. Würde ihr ganzes Geständniß daran scheitern? Sollte es doch soweit kommen, daß man sie hinauswies! f

Du wirst klug daran thun, Nora, den Namen des Menschen zu nennen, mit dem Du

Nora hörte die Frau nicht zu Ende. Die Erinnerung an Arnold, an den Schutz, den sie ihm durch ihr Geständniß geben wollte, an ihr festes Vorhaben, ihn von jedem Zusammenhang mit der Sache fernzuhalten, gab ihr das Hilfsmittel ein, das sie brauchte: die erfinderische Lüge!

Willst Du endlich gestehen?

Ja, sie wollte es. Sie sah der Fragerin gerade in's Gesicht, ihre Züge veränderten sich zusehends, der Mund verzerrte sich in seinen Zuckungen:Ich habe das Geld unter die letzte Stufe der Kellertreppe gelegt, weil ich Angst hatte, daß man mich faßt! Jetzt ist es nicht mehr da!

Alles Fragen und Antworten blieb von jener Minute an fruchtlos. Das Kind wiederholte beharrlich das Gesagte, und das Gesagte reizte die Hörer nur immer mehr gegen sie auf.

Eine Untersuchung aller Hausbewohner führte zu keinem Ergebniß und so blieb der doppelte Verdacht des Diebstahls und der ver⸗ stockten Unterschlagung des Entwendeten auf Nora haften.

Sie wurde vom Schlafsaal und von dem Verkehr mit den Andern verbannt und ausgeschlossen, ihr Bett wurde in der kleinen Arreststube aufgeschlagen.

Du bleibst für Dich und von Allem ausgeschlossen, auch von der Weihnachtsbescheerung, bis Du voll gestehst!

Das war ihr Urtheil! Und dann kam die kleine Lehrerin zu ihr und gestand, daß sie Mitleid habe mit ihr, rieth ihr, Geduld

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