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ihrer gütigen Schutzpatronin, gab ihr den Muth, den Blick der strengen Frau, welche steif und gebietend vor ihr stand, zu ertragen.
„Weißt Du irgend etwas von dem entwendeten Gelde?“
Die Frage schien sie zu verwundern, aber nicht zu erschrecken.
„Nein,“ sagte sie zwanglos und offen.
„Hast Du gewußt, daß es da war?“
„Nein!“
„Hast Du zu irgend etwas Geld gebraucht?“
„Nein!“ Ihre Antworten kamen klar und unbefangen ernst. Der große Blick der tiefen schönen Kinderaugen wirkte rührend und über⸗ zeugend, dennoch blickte die Miene der Frau hart wie bisher. Sie näherte sich dem Kinde und sprach dringlich und scharf auf sie ein.
„Nora, Du bist wegen Diebstahl zu uns in die Anstalt ge⸗ kommen, es ist also bekannt, daß Du Dich auf's Stehlen verstehst.“
Das Kind zuckte zusammen.„Es ist Dir zu rathen, ein offenes Geständniß zu machen, Deine Unthat liegt klar auf der Hand!“
Nora stand reglos. Was war das? Sie sollte gestehen. Sie sollte es sein, die dem todten Kinde, das mit einem lieben Worte an sie aus dem Leben geschieden war, etwas gestohlen haben, sie!?
Deshalb war sie da, deshalb hatte man sie gerufen, und man traute ihr zu, daß sie—
„Hast Du Beziehungen zu irgend welchen Leuten, die Du früher kanntest?“
Finster und hart wurde des Kindes Antlitz bei der Frage der Frau— finster und trotzig hart.
„Nein!“ stieß sie mit unterdrückter Stimme hervor.
Eine heiße Röthe zog ihr bis in die Stirn hinauf.
„Du behauptest, keinen Verkehr außerhalb des Instituts ge— pflegt zu haben?“
Nora schwieg. Hieß die Frage, daß sie Niemanden gesprochen haben sollte? Wenn sie das bedeutete, so mußte sie wohl er— wähnen, daß sie Arnold— ihren guten Freund— nein doch! Was hatte das mit ihrer Begegnung an dem Hofthor zu thun? Wie kam der Diebstahl, den man ihr zutraute— ihr, die sie fremdes Gut nie anrührte, mit ihr in Berührung? Man sollte sie nicht verdächtigen, oder, wenn man's that, so solle man aus— forschen, wo man wollte, sie gäbe keine Auskunft mehr. Ihr ganzer Trotz empörte sich, der Trotz, der tief in ihr lag, lehnte sich gegen den bösen Verdacht und gegen dieses kränkende Verhör auf.
„Antworte!“ gebot die Frau streng, und Nora biß die Lippen zusammen und— schwieg.
„Hast Du verstanden, Du sollst Dich verantworten!“ gebot die Frau nochmals.
Nora warf den Kopf in den Nacken. Ihre Antwort kam böse und hart hervor.„Ich hab' nichts gethan!“
Eine Sekunde des Schweigens und die Inspektorin sprach wieder.
„Ein Geständniß würde besser für Dich sein,“ sagte sie in kaltem, eiskaltem, fast reglosem Tone,„ich frage zum letzten Male, hast Du mit Niemandem außerhalb des Institutes verkehrt?“
Kalt und bleich kam des Kindes Antwort:„Nein!“
Die Frau sagte weiter nichts. Sie trat zur Thüre und gab einige Befehle.
„Luise mag eintreten!“
Sie hielt während der ersten Fragen, die man an sie richtete, den Blick gesenkt.
„Hast Du etwas Verdächtiges an dem Benehmen Nora's be— merkt, Du hattest die Aufsicht über die Schlafsäle.“
„Ich habe bemerkt, daß sie zu nachtschlafender Zeit, wenn die Lichter gelöscht sind, noch wacht.“
„Wer hatte die Schlüssel zu den Spinden?“
„Ich, Frau Inspektor.“
„Du hast sie stets bei Dir gehabt?“
Jetzt hob das Mädchen den Kopf. ein unschlüssiges Licht.
„Ich habe sie ein einziges Mal im Spind stecken lassen.“
„Wann war das?“
„Gestern vor zwei Wochen.“
Seltsam, daß Nora, aufhorchend, mit Sicherheit sich entsann, daß in jener Nacht das Hofthor geöffnet gefunden worden war.
Was war das? Weshalb fixirte sie das verwachsene Mädchen so eigenthümlich? Welch' kaltes Licht trat in ihre graublaue Augen!
„Hast Du sonst nichts Auffälliges bemerkt?“
Die Gefragte richtete sich auf. Sie sah geradeaus in Nora's
In ihren Augen schwirrte
heiße Augen.„Vor drei Abenden ist Nora an der Hinterthüre in der Dämmerstunde mit einem Landstreicher zusammen gewesen!“
Am ganzen Leibe zitternd, fuhr Nora auf sie zu.
„Landstreicher— er! Das ist'ne Lüge!“
Sie hatte es mit zuckenden Fingern und todtbleichen Lippen gerufen, und nur das strenge Dazwischentreten der Inspektorin ver⸗ hinderte es, daß sie dem anklägerischen Mädchen in das Antlitz fuhr.
Die Inspektorin wurde plötzlich ganz ruhig.
„Ei, ei! Hätten wir Dich also! So liegen die Sachen! Der saubere Mensch, der Dich heimlich in der Dunkelheit am Hinter⸗ thor trifft— er ist es also, dem Du das Entwendete zuträgst. Ja, ja, ich kann mir ja denken, was Du sagen willst. Ich bitte, kein Wort! Du gehst auf die Kammer neben dem Schlafsaal. Dort steht eine Bank und das Wenige, was man braucht, um nichts zu thun, als seine Gedanken zu sammeln. Dort hast Du vierundzwanzig Stunden Zeit, Dein Geständniß über das Entwendete zu machen. Gestehst Du nicht, so wird man den saubern Burschen finden und etwas Haussuchung bei ihm vornehmen. Dich aber jagt man zurück auf die Straßen, denen Du entstammst! Solltest Du es vorziehen, offen zu gestehen, wo Du das Geld hast, so wird man diesesmal, da es Dein erstes Vergehen ist, sanft mit Dir verfahren und Dich weiter im Institut verbleiben lassen!“
Die sanfte Lehrerin hob bittend die Hände, wie um Einsprache zu erheben. Der eisige Blick der Inspektorin wies sie zurück.
Arme Nora! Sie wandte sich und verließ den Saal. Sie hielt die Hand fest auf die klopfende Brust gedrückt. So sehr hatte ihr Herz noch niemals gehämmert, so sehr ihr Hals noch nie gebrannt! Vor der Kammerthüre, neben dem Schlafsaal blieb sie stehen. Dort hockte eine in sich zusammengedrückte Gestalt, die sich bei ihrem Erscheinen rasch erhob. Nora erkannte Hulda, ihre treue kleine Gefährtin. Sie schob sich weinend an Nora an.
„Sag' es doch, gesteh' es doch, Nora! Wenn sie Dich fort⸗ jagen, dann hab' ich Niemanden; die Luise ist schlecht, siehst Du, ich hab's Dir gesagt. Bitte Nora, gesteh' es, wenn Du es warst! Nora, sei nicht verstockt!“
Verstockt! Verstockt wäre sie! Und Hulda glaubte es auch; Hulda, die doch wußte, wie wenig falsch sie wäre, die doch mit ihrem leichtfertigen kleinen Herzen an ihr hing; Hulda, die selbst keines Unrechtes fähig war, die in der Anstalt nur lebte, weil sie kein anderes Unterkommen hatte, die zu einfältig zu einer Bösthat und zu harmlos zu einer Gutthat war— auch sie hielt sie für schuldig? Nora öffnete die Thür des spärlich möblirten Zimmerchens und trat ein. Sie schlug sie nervös hinter sich zu, setzte sich auf die Holzbank unter dem Fenster und deckte ihr Gesicht mit den Händen.
Lange verblieb sie in ihrer Reglosigkeit. Es mußte Eigenthüm⸗ liches in ihr vorgehen, Erschütterndes wohl, denn das Gesichtchen hatte, da sie sich endlich wandte, erschreckende verzogene Linien um den feinen Mund, und in die Kinderaugen stahl sich ein klagloser, harter, reifer Ausdruck, der das zarte Antlitz entstellte und alterte.
Schlimme Gedanken mußten in ihr aufgestiegen sein, hin und her irrende quälende Gedanken, die sich scheinbar einem Punkte hart⸗ näckig zuwandten und dort fest eingebohrt stehen blieben.
Gestehen— nicht gestehen. Sie zur Diebin machen— nicht machen? Fortjagen würde man sie, wenn sie schwieg! Nun ja denn, so sollte man es thun. Wo sie dann hin sollte— was wußte sie, aber vielleicht öffnete sich ihr irgend eine Thüre, vielleicht kam sie noch einmal in ein Stübchen, wie jenes, wo die Frau mit dem Hunde hauste, oder auf die Straße, auf die kalte, öde! Was that's? Des Diebstahls angeklagt, von der Besserungsanstalt verjagt, nahm sie sicherlich kein Mensch mehr auf, selbst wenn der Verdacht ein ungerechter war. Der Verdacht! O, wie beschämend, unter dem Verdacht des Diebstahls an einer Todten zu stehen! Wie entwür— digend! Wie empörend, sie zu einem Geständniß zwingen zu wollen!
Und wenn sie doch nichts gestehen konnte!
Nein, nein, nein, sie sollten sie nicht zwingen! Nicht um eine Welt, nicht um eine Gnade, nicht um ein Unterkommen! Mochte man sie also hinausjagen auf die Straße, mochte man sie als Diebin davontreiben. Sie konnte ja gehen; ja, sie wollte es auch, und wenn sie auf den Straßen Hungers stürbe, was war dann noch! Das Kind senkte mit bitter herabfallendem Munde den Kopf und grübelte an ihrem Jammer weiter.
Es lebte doch Keiner, der um sie Gram hätte; Keiner, der sie
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