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zu den
Oberhessischen Machrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Gießen, den 22. Mai.
XIII.
Arme kleine Nora! Sie lebte Minuten der Freude und ahnte nicht, daß sie ihr mit Wochen des Kummers vergolten werden sollten.
In der Anstalt war eine böse Stimmung eingetreten, eine Stimmung, die in die Weihnachtsvorbereitungen jäh und betrübend eingriff.
Es war ein Diebstahl verübt worden— eine Geldentwendung aus dem Nachlaß einer Todten.
Unter den Sendungen, welche zu Lebzeiten der armen kleinen Tine zu bestimmten Gelegenheiten im Jahr von ungenannter Hand im Institut einliefen, war die letzte am Todestag des Kindes ein— getroffen und uneröffnet geblieben.
Man hatte sich, um die Weihnachtsstimmung nicht zu stören, mit dem traurigen Nachlaß nicht sogleich befaßt, und das nach— trägliche Eintreffen eines Schreibens, in dem man sich um das Ergehen des Kindes sorgte, und zugleich auf die beiliegende Geld— sendung berief, veranlaßte das unerwartete Oeffnen des Schrankes — zur Hebung des deponirten Schatzes.
Zu„Gunsten des Kindes“, so hätte man das Geld verwendet haben sollen. Ein trauriger Auftrag, nachdem das kleine Geschöpfchen unter der Erde lag. Aber zu Gunsten des schlafenden Kindes konnte man dennoch das Geld verwenden, man konnte als einziges — Letztes den kleinen Grabhügel schmücken.
Und so schloß man den Schrank auf und suchte das Packet. Man fand es erbrochen und das Geld— entwendet.
Keiner wurde beschuldigt. Vor der versammelten Klasse ward die Nachricht bekannt gemacht— die Art der Meldung war voll zarter Rücksicht und nach der Bekanntmachung zog man sich zurück und ließ die Zöglinge allein.
Keiner sprach. Keines der Mädchen schien von der Bekanntmachung sonderlich schwer berührt, nur Nora zuckte bei der Nennung des Namens Tine erregt zusammen und verlor, nachdem die Lehrerin das Zimmer verlassen hatte, die Ruhe zur Arbeit. Keines der Mädchen schien in der gewohnten Thätigkeit gestört, keines sah auf, bis Luise, welche in der letzten Bank Platz genommen, sich über die Schulter der vor ihr sitzenden Adele, ihrer Schlafgenossin, beugte,
und für Alle hörbar, auf Nora deutend, flüsterte:
„Sieh' die mal an— was hat sie?“
Im Nu hoben sich alle Köpfe. Nora sah sich von Allen an⸗ gestarrt und ihre Erregung stieg. 5 a f
„Komisch— was?“ Luise hatte es gerufen, scheinbar mit der Absicht, nur mit ihrer Freundin zu sprechen, aber die Worte hallten durch den Saal und wurden von Allen gehört. f „Vielleicht weiß sie etwas von dem Gelde,“ schlug die große
Nora.
Eine Geschichte aus dem Kinderleben. Von Sara Hutzler. (Fortsetzung.)
Adele mit der Brille vor, und Luise zog einen schiefen Mund, machte eine eigenthümliche zurückhaltende Geberde, die von Anzüg— lichkeit strotzte und— schwieg.
„Nora, Du wirst doch nicht weinen?“ Es war Hulda, die voll liebender Besorgniß dichter an die Freundin heranrückte und ihr theilnahmvoll auf die zuckende Lippe sah—„kümmere Dich nicht um die— weine nicht!“ g
Nein, sie weinte nicht. Ihr floßen die Thränen nicht so leicht, aber ihr Mund bebte wie in innerer Aufregung, und ihre Augen gewannen jenen schreckhaften Blick, wie sie ihn in der letzten Zeit bei jedem Geräusch gehabt, und während in der Klasse noch die unruhige Bewegung von getheilten Partheien herrschte, that sich die Thüre auf und die Inspektorin trat ein. Ihr folgte die Lehrerin.
Es trat ein längeres Verhör ein.
„Ob irgend Jemand bereit sei, über den Diebstahl etwas zu sagen?“
Keiner gab Antwort! Luise geschlagenen Pult.
„Hatte Niemand etwas zu gestehen?“
Niemand. Alles blieb still. Einige Gesichter sahen verstockt drein, einige gleichgiltig und empfindungslos.
Die Inspektorin blickte streng auf die Klasse.
„So wird es nothwendig werden, über Euch Alle eine Strafe zu verhängen, damit der Schuldige gesteht!“
Einige blickten jetzt auf und zwar zu Hulda hin, die sich er⸗ hoben hatte und auf den Stuhl der Inspektorin zutrat. Sie sagte in leisem Ton etwas, das sie offenbar ein Opfer kostete und dann verließ sie das Zimmer.
Was bedeutete das? Die kleine ernstblickende Lehrerin sah ihr nach. Ihr Gesicht hatte besorgte beunruhigte Falten um Mund und Kinn, als sich die Inspektorin an sie wandte.
„Wir wollen das Verhör im großen Saal fortsetzen. Sie mir Nora!“
„Nora?“ Bei ihrem fast erschreckten Ausruf sah die Inspektorin mit strafendem Blick zu ihr auf. Ihr dünner Mund zog sich streng zusammen.„Jawohl, Nora!“ Ich habe zu meiner Verwunderung bemerken müssen, Fräulein, daß Sie gegen dieses Kind eine mehr denn nöthige Rücksicht üben. Ich muß im Interesse des Instituts daran erinnern, daß derlei Bevorzugungen für mehr oder minder hübsche Augen nicht stattfinden dürfen. In diesem speziellen Fall dürfte zugleich Ihre Bevorzugung auf eine Unwürdige gefallen sein, wir werden das bald erfahren!“
Nora betrat den großen Saal. Sie sah bleich aus. Die Miene der Inspektorin ängstigte sie, und nur die Nähe der Lehrerin,
kramte eifrig in ihrem auf⸗
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