Ausgabe 
21.8.1887
 
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Er sagte natürlich nichts dergleichen. Er nahm nur die beiden kleinen Hände nach einer Weile in eine von seinen, und weil es sich unbequem so saß, legte er sachte den freien Arm um die zierliche Geestalt des Mädchens und zog sie an sich. Sie sprach noch immer nichts, aber es schien ihr nicht in den Sinn zu kommen, daß sie sich frei machen könnte; im Gegentheil, sie schmiegte sich nur ein

wenig fester an ihn und legte den Kopf an seine Schulter, als müßte es so sein. Ein Gefühl großer Sicherheit und Ruhe über⸗ kam sie, wie sie so das gute, ehrliche Herz des jungen Mannes

laut schlagen hören konnte und ohne ein Wort wußte, daß es für

sie schlug.

Bist Du noch kalt, Inge?

Sie schüttelte den Kopf ein wenig. Das Mondlicht fiel auf ihr holdseliges Kindergesicht und über ihr weißes, blondes Gelock, und der Bursche beugte sich zu ihr herab und küßte sie beinahe andächtig. Er wollte etwas sagen, etwas davon, wie lieb er sie hätte, wie ihn ihr süßes, kleines Gesicht und ihre liebe Stimme begleitet hätte, hin über das weite Meer, wie es manchmal, wenn in fremden Hafenstädten irgend eine wüste Versuchung an ihn heran⸗ trat, ganz plötzlich vor ihm aufgetaucht wäre und ihn behütet hätte, so daß er ihr sein Herz und seine Lippen rein heimbrächte. Er wollte etwas davon sagen, wie es sein würde, wenn er das nächste⸗ mal heimkehrte nach Jahren freilich erst und daß sie dann seine Frau werden müßte; aber er sagte das alles nicht. Er saß ganz still, hielt ihre Hände gefaßt und die schmächtige Gestalt mit dem Arm umfangen, und küßte nur zuweilen sachte die sanften Lippen. Sie fühlte, wie schnell sein Herz schlug, aber er sagte nur nach einer Weile:Inge, min lütje söte Deern das war seine ganze Liebeserklärung.

Da drang drinnen aus der Kammer die Stimme der Alten, die den Enkel ungeduldig zum Hereinkommen mahnte, damit die Thür zugeklinkt werden konnte. Das Mädchen fuhr empor.

Ich muß nach Hause, es muß ganz spät sein, sagte sie er⸗ schrocken, sich die krausen Haare aus der Stirn schüttelnd.Gute Nacht, Peter Ohlsen.

Sie machte sich los und lief zum Garten hinaus durch eine kleine Straße, die hinter den Häusern zu Jule Paulsens Wohnung führte.

Sie fand die Thür verschlossen und den Schlüssel an einem für ähnliche Gelegenheiten zwischen ihr und der Mutter verabredeten Platze versteckt. Eine Nachbarin, welche aus ihrem Fenster guckte, sagte, Jule Paulsen wäre schon vor länger als einer Stunde fort⸗ gegangen. Sie hätte Inge bei Möller's vermuthet. Inge setzte sich drinnen in der dunklen Stube an das Fenster. Sie hätte eben jetzt kein Licht ertragen können. Sie stützte beide Ellenbogen auf das Fensterbrett und sah hinaus in den dämmerigen Abend, wie sich der blasse Mond im Wasser spiegelte und sonderbare, friedliche, glückliche Gedanken zogen ihr durch den Sinn.

Wie ein schöner, wunderlicher Traum war alles über sie gekommen. Gestern Nachmittag noch war sie wie ein freier Vogel gewesen, und heute war sie eine Gefangene für alle Zeit, und es war ihr nicht einmal leid, sondern sie wollte es so. Sie wunderte sich, wie sie all' diese Jahre hatte hinleben können, ohne sich viel mehr nach Peter Ohlsen zu sehnen, als sie es in Wirklichkeit gethan hatte. War's doch nun auf einmal, als hätten sie je und je zusammengehört.

Wie Thorheit und Schein kamen ihr in diesen Minuten die letzten vergangenen Jahre vor; das eigentliche richtige Leben, das fing nun erst an; nun, von der Stunde, wo sie Peter Ohlsen lieb gewonnen hatte. Ein großes Dankgefühl überkam sie. Sie war nicht gewohnt, oft zu beten; dergleichen hatte Jule Paulsen's Er⸗ ziehungsmethode gänzlich fern gelegen, aber jetzt quoll in ihrem jungen Herzen das Bewußtsein empor, daß Gott sehr gut; und sehr freundlich wäre. An die Mutter dachte sie nicht jetzt nicht. Sie hätte viele Stunden lang da so ganz still am dunklen Fenster sttzen mögen, ganz allein mit sich und ihren Gedanken, 9

Aber nach einer Weile kam Jule Paulsen nach Hause. Sie klinkte die Stubenthür geräuschvoll auf und rief mit ihrer ziemlich unmelodischen Stimme hinein:Hast Du schon lange auf mi

ewartet, Inge? lIn 5 schon ganz lange, sagte das Kind, das Gesicht abwendend, denn ihr stieg das Roth bis an die Schläfen wegen der Unwahrheit, und die Mutter entzündete eben das Sch wefelhölzchen, um Licht zu machen.Wie das Licht blendet, Mutter! s Sie stand auf und ging aus dem Zimmer, kehrte auch nicht

wieder zurück, sondern enikleidete sich in der Schlafkammer leise und ging zu Bett, nur, um allein zu sein. Sie schlief nicht, als die Mutter nach kurzer Zeit nachkam und sich auch zur Ruhe begab, aber sie hatte das Gesicht auf die Seite gewendet und hielt die Augen geschlossen, bis das Licht wieder verlöscht war und sie der Mutter regelmäßigen Athem neben sich hörte. Es wäre ihr un⸗ möglich gewesen, noch mit ihr zu sprechen, wie sonst alle Abende, denn Jule Paulsen pflegte die Ereignisse des Tages beim Schlafen⸗ gehen gründlich durchzuhecheln.

Wo willst Du hin? fragte die Mutter am nächsten Abend, als Inge ihren Hut nahm.

Nur noch einen Augenblick in die frische Luft, aber dabei stieg ihr das Blut wieder verrätherisch in die Wangen.

Jule Paulsen, welche ganz arglos gefragt hatte, da sie die Tochter meist ihren eigenen Weg gehen ließ, sah sie mit plötzlich erwachtem Mißtrauen an. Dann band sie ihr Tuch um, schob ihren Arm durch den der Tochter und erklärte, den schönen Abend gleich⸗ falls noch ein wenig genießen zu wollen. Sie that auch hinterher, als merkte sie weder, wie schweigsam Inge neben ihr herschritt, noch, daß Peter Ohlsen, der vor seiner Hausthür gestanden hatte, in den Flurschatten zurücktrat, als das Paar vorüberging, sondern sie sprach mit großer Geläufigkeit von hundert anderen Dingen.

Arme Inge! Die ganze Woche fand die Mutter stets irgend einen Vorwand, sie zu begleiten, oder sie zu Hause zu halten; es war, um die Geduld zu verlieren. Zum ersten Mal im Leben wollte sie etwas mit allen Gedanken ihrer Seele, und eben jetzt stellte sich ihr die Mutter hindernd in den Weg. Ein verschwiegener Zorn über ihre Machtlosigkeit erwachte in ihrem Herzen, der erste Trotz.

Nachdem Peter Ohlsen Tag für Tag vergeblich am Hause vor⸗ über gegangen war, kam er endlich, Jule Paulsen zu besuchen. Sie empfing ihn freundlich, unterhielt sich mit ihm, ohne daß Inge auch nur hätte zu Worte kommen können und begleitete ihn dann selbst zur Hausthür hinaus. Inge stand am Fenster und sah ihm nach, sie kämpfte mühsam mit ihren Thränen.

Zwingen laß ich mich nicht, dachte das Mädchen und biß die kleinen Zähne zusammen.Lieb habe ich ihn doch, darüber hat Mutter keine Gewalt, und als Jule Paulsen wieder in's Zimmer trat und in gleichgültigem Tone nach etwas fragte, antwortete sie nicht. Die Mutter that, als bemerkte sie es nicht. Sie fand ihr eigenes Benehmen ungeheuer klug, denn morgen in aller Frühe mußte der junge Seemann wieder abreisen.

Aber Abends kam eine Freundin und verwickelte Jule Paulsen halb gegen ihren eigenen Willen in einen langen, wichtigen Klatsch. Da schlüpfte Ingeborg zur Hofthür hinaus und stand ein paar Minuten später Hand in Hand mit Peter Ohlsen in dem ver⸗ schwiegenen kleinen Garten, der ihr erstes Glück gesehen hatte.

Es war ein kühler Abend. Der Wind kam ein wenig rauh über das Wasser herüber und brachte dichten, staubfeinen Regen mit. Die Alte war im Hause, und man sah ihr runzeliges, kleines Gesicht und das spärliche, unter der Nachtmütze beinahe versteckte Haar zuweilen am Fenster auftauchen, aber das schadete nicht. Ihre schwachen Augen bemerkten nicht einmal, daß draußen zwei Menschen neben einander im Garten auf und ab gingen, viel weniger hätten die trägen Ohren das geflüsterte Gespräch auch nur hören können.

(Fortsetzung folgt.)

Die Entenmühle. Eine alte Dorfgeschichte von E. A.

Die Entenmühle hm! Wo steht die, oder wo hat sie ge⸗ standen? Antwort: Sie steht noch und sie steht nicht mehr, wie man will. 8

Sie steht noch, insofern bis zum heutigen Tage eine Entenmühle existirt; und sie steht nicht mehr, weil die jetzige Entenmühle an der Stelle der alten neu aufgebaut worden ist, wie dies der Schluß⸗ stein des Thorbogens deutlich besagt, allwo ein zierliches Rad aus⸗ gehauen ist und darunter steht in handfesten Buchstaben:

Johann Peter Gripser und Eva Gripser, geb. Wamprechtin, haben diese Mühle neu aufgebaut anno domini 1825.

Die alte Entenmühle sah ganz anders aus.

Die war nämlich so ein Kaffee- oder Muttergottesmühlchen,