Ausgabe 
21.8.1887
 
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266.

Schwatz nicht so dumm in den blauen Tag hinein, entgegnete Jule Paulsen gereizt.Hör' nun zu, was ich sage, Ingeborg. Du bist kein kleines Kind mehr, und das Umherlaufen mit Peter Ohlsen will ich diesmal nicht haben. Ich habe nichts dagegen gesagt, daß Du die Briefe für die alte Frau schriebst, aber die Freundschaft soll mir nicht zu weit gehen, hörst Du? Der junge Mensch mag ja ganz gut sein, ich weiß es nicht, aber für meine Tochter Ingeborg ist er mir denn doch nicht gut genug.

Das Mädchen sah sie an und fing an zu lachen.Aber was meinst Du eigentlich? sagte sie.Ich darf doch wohl mit Peter Ohlsen sprechen, mit dem ich tausendmal am Strand gespielt habe?

Sprechen kannst Du meinetwegen mit ihm, und auszulachen brauchst Du Deine Mutter nicht, wenn sie es gut mit Dir meint. Ich habe meine Tochter nicht erzogen wie feiner Leute Kind, ich habe sie nicht tanzen lernen und bei den feinen Leuten verkehren lassen, damit sie sich an einen Matrosen wegwirft, Inge. Und wenn er zehnmal Untersteuermann wird Gott soll mich bewahren, daß ich auf Deinen Vater, Jens Paulsen, etwas sage aber erstens kann Peter Ohlsen nie so einer werden, wie Dein Vater war, denn solche giebt es nicht viele, und zweitens war ich eine Schusterstochter und Du bist eine Steuermannstochter, und in die Höhe muß man streben, Inge; und drittens habe ich mein Lebtag nicht so aus⸗ gesehen, wie meine Tochter Ingeborg thut und konnte keine solche Ansprüche machen. Sie hatte sich außer Athem gesprochen. Das Mädchen war still geworden, und die Röthe war allmählich aus ihren Wangen gewichen.

Was wollte denn die Mutter! Hatte sie, Inge, etwas gethan, oder gesagt, solche häßlichen Worte herauszufordern, sie oder Peter Ohlsen? Kaum noch war es ihr zum Bewußtsein gekommen, wie froh sie seine Nähe machte, und schon rührte die unfreundliche Hand unzart an ihrer Freude.

Auch Frau Jule wurde still. Nun fiel ihr erst ein, daß sie des Kindes Gedanken in ihrer ängstlichen Hast auf etwas hingelenkt haben möchte, was ihrem Herzen sonst noch fern geblieben wäre.

Es ist ja alles dummes Zeug, Inge, sagte sie begütigend und einlenkend.Du bist nur ein Kind und er ist nur ein großer Junge, und Du bist ja auch Mutter's vernünftige Tochter.

Inge antwortete nicht. Sie sah still zu, wie die Mutter den Tisch abräumte, und dann saß sie, den blonden Kopf in die kleine Hand und den Ellenbogen auf den Tisch gestützt und blickte halb träumerisch hin, wie Jule Paulsen das abgegriffene Kartenspiel vor sich ausbreitete. Ihre eigenen Gedanken aber wanderten umher und hafteten zuletzt an den Worten, welche die Mutter bei Tisch gesprochen hatte. Ja, noch lange, nachdem Jule Paulsen und ihre Tochter sich zur Ruhe begeben hatten und die Frau längst nach des Tages Last und Arbeit fest schlief, lag das Kind mit offenen Augen, die Hände unter dem Kopf gefaltet, und dachte nach.

Vielleicht, wäre Jule Paulsen klug genug gewesen, zu schweigen, das Kind wäre sich des neuen Gefühls garnicht bewußt geworden, das so ganz plötzlich und ungeahnt sie überkommen hatte. Jetzt aber wußte sie es ganz genau; sie hatte ihn lieb, den schmucken Seemann mit dem frischen Gesicht und den blitzenden Augen; sie hatte ihn lieb, wie noch nie zuvor im Leben irgend einen Menschen. Und wenn sie nur ihm gut genug war, ihr war er nicht zu gering, ob er schon bis jetzt nur ein einfacher Matrose war. Was ihr nie zuvor eingefallen war, das wurde ihr auf einmal klar: wie sie in jenen Kreis, in welchem sie jetzt verkehrte, doch nicht eigentlich hinein⸗ paßte, wie sie doch nicht zu jenen Leuten gehörte, die trotz all ihrer Freundlichkeit sie nie ganz vergessen ließen, daß ihr eine Ehre wider führe, jene Leute, denen ihre eigene Mutter nicht gut genug zum Umgang war. Sie hätte nicht sagen können, woher ihr das alles kam, aber die Gedanken waren da, ganz auf einmal, und wollten nicht wieder weichen; und durch sie hindurch blickten immer zwei fröhliche, dunkle Augen, und es war, als wenn Jemand mit ihrer eigenen Stimme in weiter, weiter Ferne sänge:

Reichthum allein thut's nicht auf Erden, Das ist nun einmal weltbekannt.

Zuletzt schlief sie aber doch ein, ein Lächeln auf den kindlichen

Lippen, und sie schlief noch, als die Mutter schon wieder mit hoch geschürzten Rocken draußen auf dem Flur mit Eimer und Besen wirthschaftete.

Gegen Mittag kam Peter Ohlsen, um Frau Paulsen guten Tag zu sagen. Ingeborg sah scheu und verlegen zu ihm hinüber. Es

war doch wieder anders ach, so anders, ihm heute in Mutter's bester Stube im grellen Tageslichte gegenüber zu sitzen, als gestern im halbdunklen kleinen Gemach der Großmutter Ohlsen, die alles, was er sagte, nur halb verstand, so daß Inge sich einbilden konnte, daß er für sie ganz allein spräche. N

Heute war alles so nüchtern; was Peter Ohlsen sagte, klang ihr alltäglich, und was die Mutter sprach, war so garnicht herzlich und freundlich. Sie, Inge selbst, hätte irgend etwas Hübsches und Gutes sagen mögen, aber so viel sie auch nachdachte, es wollte ihr garnichts einfallen, und sie athmete erleichtert auf, als der kurze Besuch sein Ende erreicht hatte.

Aber Abends im Dämmerschein es war wohl nur Zufall, daß Inge eine Besorgung in der Stadt zu machen hatte, und daß sie der Weg an dem Hause der alten Großmutter Ohlsen vorüber⸗ führte nur Zufall, daß Peter Ohlsen bei ihrer Rückkehr bereits seit einer halben Stunde vor der Thür stand. Vorübergehen konnte Inge doch nicht, als er ihr guten Abend wünschte, und da es draußen vor der Hausthür zu zugig war, als daß sie dort schwatzend hätten stehen mögen, trat sie mit in das Haus ein. Aber drinnen war es dumpfig und heiß. Auf der Rückseite des Hauses lag ein winzig kleiner Garten. Dort war es geschützt und still. Die Wand des Hauses war mit Kletterrosen und Epheu ganz umsponnen, bis auf das niedrige Dach hinauf, und blühten auch die Rosen nicht mehr, so kamen doch allerlei Düfte aus dem Garten zu einem herüber, wenn man auf der kleinen Bank saß, die Peter Ohlsen's Großvater noch gezimmert hatte, und die unter dem Fenster an der Mauer stand. Denn hier blühte immer irgend etwas, Veilchen oder Rosen, Jasmin oder Goldlack und noch weit in den späten Herbst hinein die bunten Astern.

Auf der kleinen Bank saßen sie alle drei, die Großmutter, in ihr warmes Tuch gehüllt, in der Mitte. Der junge Seemann und das blonde Kind konnten sprechen, was ihnen beliebte, die Alte ver⸗ stand garnichts, wenn man die Stimme dämpfte. Sie war zu⸗ frieden, den Enkel neben sich auf der Bank zu wissen. Was sie

sprachen, war so unschuldig und harmlos, daß die alte Frau, und

sogar Inge's Mutter, gern jedes Wort hätte hören dürfen; aber es lag ein so eigener, sanfter Zauber in diesem halblauten, unbelauschten Plaudern, während der letzte matte Tagesschein langsam am Himmel erlosch und schon die blasse Mondsichel sacht heraufstieg. 5

Es wird kalt, sagte die Alte nach einer Weile, das Tuch fester um sich wickelnd,zu kalt für alte Leute. Geh' auch nach

Hause, Inge, und Du, Peter, komm bald herein, damit die Thür zugeklinkt werden kann. Sie stand auf und ging durch die Hinter⸗

thür in das Haus, und die Beiden hörten sie gleich darauf in der

Kammer rumoren.

Ich muß nun auch gehen, sagte Inge und erhob sich. Ihr

wurde auf einmal ganz beklommen um's Herz.

Bleibe noch ein paar Minuten, sagte Peter Ohlsen,der Abend ist so still und schön, und bei Deiner Mutter in der Stube ist es gewiß heiß und dumpfig.

Mutter wartet auf mich, sie weiß gewiß nicht, wo ich bleibe, entgegnete das Mädchen unentschlossen, doch ging sie nicht, sondern setzte sich wieder neben ihn auf die Bank. Aber das Gespräch, das vorhin so emsig geführt wurde, als die Alte noch zwischen ihnen saß, war in's Stocken gerathen. Ganz still saßen sie neben einander, nur dann und wann fiel ein halblautes Wort.

Es wird kühl, sagte das Mädchen wieder nach einer Weile, und es klang wie Besorgniß aus ihrer Stimme,ich muß nach Hause.

Friert Dich?

Ja, sagte sie,ich habe ganz kalte Hände.

Soll ich sie Dir warm machen?

Sie antwortete nicht, aber sie ließ es geschehen, daß er ihre kleinen, weichen Hände in seine großen nahm. Vielleicht hatte er sie tüchtig reiben wollen, um sie zu erwärmen. Aber er that es nicht; sie kamen ihm für solche Prozedur wohl gar zu fein und zierlich vor. Er legte nur ihre beiden Hände flach gegen einander und seine eigenen darüber.

Was für kleine, weiche Hände Du hast, Inge, sagte er.

Sie wurde roth. Zum erstenmal im Leben kam es ihr vor, als läge in dem Wort ein Tadel; sie selbst hätte kaum sagen koͤnnen, weshalb. Es war ihr auf einmal, als müßte es anders sein, und als müßte man von rechtswegen ihrer Hand die Spuren der Arbeit anfühlen, wie der seinigen.

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