Ausgabe 
21.8.1887
 
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zu den

Oberhessischen UMachrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Gießen, den 21. August.

1887

Inge öffnete die Thür und trat in den kleinen, halb dunklen

Raum, in dem das Licht immer gedämpft erschien, weil es durch so winzige, grüne, halb blinde Scheiben fiel. Zuerst sah sie, aus dem hellen Sonnenlicht draußen kommend, nichts, als daß die alte Frau nicht wie sonst unmittelbar am Fenster saß und an dem großen, grau wollenen Strumpf strickte, ohne den man sie sonst nie sah. Dann auf einmal blieb sie auf der Schwelle stehen, die eiserne Thürklinke noch in der Hand. Herr Gott! rief sie,Peter Ohlsen, wo kommst Du her? Ja, das war Peter Ohlsen. Er war aufgesprungen von dem Stuhl, auf dem er neben dem alten Lehnsessel der Großmutter gesessen hatte, und stand ihr gegenüber, groß, schlank und kräftig, mit seinem schönen, jungen, gebräunten Gesicht, dem die Matrosen⸗ kleidung so gut stand, und mit den blitzenden dunklen Augen und dem braunen Kraushaar von ehemals. Wie groß er geworden war, wie stattlich! War er denn wirklich immer so hübsch gewesen? Und was für schöne, blitzende Augen er hatte; wie er nun dastand und sie anlachte, daß die weißen Zähne schimmerten. Nein, solch ein Gesicht gab es doch in der ganzen Stadt nicht.

Herr Gott, Peter Ohlsen, sagte das Mädchen noch einmal ganz leise, die schmalen Hände in einander legend und ihn noch noch immer ansehend. Das war ihr Spielkamerad und er war es auch nicht. Ein sonderbares Gefühl überkam sie, so, als müßte nun auf einmal etwas ganz Seltsames und Unerhörtes geschehen. So war ihr noch niemals zu Muthe gewesen.

Es blieb auch noch wie ein Zauber über ihr, als sie schon eine ganze Weile neben der alten Frau und dem jungen Seemann saß und zuhörte, wie er erzählte. Wie konnte er erzählen! Schon früher, wenn sie seine Briefe der Großmutter vorlas, war es ihr manchmal wie ein Wundern gekommen, woher er die Worte nähme, alles so anschaulich zu schildern, aber nun, da sie ihm zuhörte, meinte sie, den Sturm und die Meeresstille mit zu erleben, die fremden Menschen und Länder mit ihm zu sehen. Das waren ja alles Dinge, um die sie gut Bescheid wußte. Am Hafen wohnte kaum eine Familie, die nicht irgend Jemanden, Vater, Sohn, Bruder draußen hatte, und doch schien es ihr neu und besonders. Ja, wenn er so frisch und lebendig erzählte, glaubte sie ihm auch wohl, als er sagte:Als ich wegging war ich Schiffsjunge, nun bin ich Matrose, Inge. Wenn Peter Ohlsen nach ein paar Jahren noch einmal kommt, so ist er Steuermann.

Die Großmutter nickte.Aber die Alte ist dann todt, Peter, sagte sie, denn er hatte laut gesprochen, damit sie ihn auch ver⸗ stehen möchte.

Inge nickte auch 5 Acht Tage konnte er bleiben, nicht länger.

Du wirst es schon fertig bringen. Wie die Zeit ihm

Inge Paulsen. Von Eva Treu. (Fortsetzung.)

selbst und dem blonden Mädchen auf einmal kurz vorkam, als sie ihn darnach fragte.

Es war schon ganz dunkel, als Ingeborg endlich einfiel, sie müßte nach Hause.

Ich gehe mit, sagte Peter Ohlsen.

Das Mädchen schüttelte den Kopf.Ein andermal, sagte sie freundlich und war fort, ehe er noch recht hatte fragen können, weshalb sie seine Begleitung so kurzweg verschmähte. Vielleicht hätte sie ihm auch die Frage nicht zu beantworten gewußt.

Junge, wo bist Du denn so lange gewesen? sagte die Mutter mißvergnügt, denn sie mochte nicht gern, wenn man sie mit dem Essen warten ließ und verzieh ihrer Tochter das nur, wenn sie bei Möllers aufgehalten worden war.Zweimal habe ich die Brat⸗ kartoffeln schon vom Feuer gehabt und wieder aufgesetzt. Sie sind schon ganz trocken und hart geworden.

O, ich bin auf dem Deich entlang gelaufen, entgegnete das Mädchen sorglos.

Bei nachtschlafender Zeit?

Nein, nachher ging ich noch einen Augenblick zu der alten Ohlsen. Peter Ohlsen ist wiedergekommen, Mutter. Und dabei stieg ihr das heiße Roth langsam bis an das goldene Haar. Sie ärgerte sich darüber. Was hatte sie roth zu werden, wenn sie von ihrem Spielkameraden sprach; das war ja Unsinn. Aber sie fühlte, daß gerade der Verdruß ihr das Blut noch heftiger in die Wangen trieb.

So? sagte Jule Paulsen, sie scharf ansehend.Was will denn der nichtsnutzige Junge wieder einmal hier?

Inge hatte einen Schrank geöffnet, kniete davor nieder und steckte den Kopf hinein, indem sie sich drinnen zu schaffen machte. Sie ärgerte sich noch immer über sich selbst. Diesmal, weil sie das mißachtende Wort der Mutter so unverhältnißmäßig verdroß. Im Grunde konnte es ihr ja einerlei sein, und es war lächerlich von ihrem Herzen, so laut zu klopfen.

Er will wohl die alte Frau einmal wiedersehen nach so langer Zeit, entgegnete sie mit möglichst gleichgültiger Stimme.Nichts⸗ nutzig ist er aber sein Lebtag nicht gewesen, Mutter, blos lustig, und das ist doch keine Sünde. Er ist auch kein Junge mehr. Sie fing plötzlich an zu lachen.Er ist ein großer, langer Mensch geworden und sagt, das nächstemal, wenn er komme, sei er Steuer⸗ mann.

Dann ist er auch was Rechtes. Komm jetzt nur her und, sonst werden die Kartoffeln auch noch kalt.

Das Mädchen zog den Kopf aus dem Schranke und wandte sich nach der Mutter um.Dann ist er dasselbe, was mein Vater gewesen ist, sagte sie, sich niedersetzend.Du hast doch sonst gemeint, daß das was Rechtes wäre, Mutter.